Bauhaus-Architektur auf dem WVD-Gelände in St. Ingbert

Rickertstraße : Bauhaus-Architektur mitten in der Stadt

Das ehemalige Gebäude der WVD in der Rickertstraße in St. Ingbert hat eine bewegte Bau- und Nutzungsgeschichte.

Das Bauhaus feiert 100-jähriges Jubiläum. 1919 wurde in Weimar die Kunstschule von Walter Gropius gegründet, etwas vollkommen Neues. Eine Zusammenführung von Handwerk und Kunst. Heute zählt das historische Bauhaus zu den einflussreichsten Bildungsstätten im Bereich der Architektur sowie des Designs und der Kunst im 20. Jahrhundert. Viele moderne Strömungen werden davon geprägt – auch einige Häuser in der St. Ingberter Innenstadt.

Ein Gebäude der ehemaligen Becker-Brauerei gehört dazu (wir berichteten). Aber auch die Rickertsstraße Nummer 26. 1929 zog dort die Westpfälzische Verlagsdruckerei ein. Auf dem Bauplan von 1927 steht „Neubau Westpfälzische Zeitung St. Ingbert.“ Die WVD-Hallen stehen zum Teil mit auf dem heutigen Grundstück des Hauses, das seit 2007 neuen Besitzern gehört. Entworfen wurde es vom Architekten Ernst Leistner aus Stuttgart.

Schon viele Bewohner und Geschäfte haben die alten Mauern kommen und gehen sehen. Die WVD war bis zum Schluss dort angesiedelt, die Saarbrücker Zeitung hatte ihre Redaktion dort, kleinere Geschäfte zogen ein und wieder aus, und immer schon gehörten Wohnungen zum Haus. Insgesamt hat es zwei Stockwerke und einen Dachboden, auf dem sich früher Dienstbotenkammer und ein Trockenraum befanden.

Von außen sieht man dem Gebäude nicht an, aus welcher Zeit es stammt. Die moderne Fassade mit dem vorstehenden Erker wirkt zeitlos. Dabei steht es unter Denkmalschutz. Renovierungen und Erneuerungen unterliegen strengen Auflagen. 2007 wechselte das Grundstück samt dem Haus an neue Besitzer. Zwei Jahre lang investierten sie viel Zeit und Geld. Die Erhaltung des alten Stils war ihnen wichtig. Dafür wurden nicht nur alte Türen zurück-, sondern auch die Fenster von einem Schreiner als Individualanfertigung stilecht nachgebaut. Das Treppenhaus besitzt noch immer die alten Holztreppen, in den Etagen ist der Boden mit dem Parkett von 1929 ausgelegt. Stellenweise war er mit Linoleumplatten überklebt, diese wurden entfernt und das Holz mühevoll von den Resten befreit und abgeschliffen. Ebenfalls eine Herausforderung waren die Brandschutzbestimmungen. Eine aufwändige Brandmeldeanlage musste installiert werden, Wanddurchbrüche bekamen Spezialmanschetten und auch einige Türen sind aus besonderem Material gefertigt. Alte Bausubstanz ist schneller entflammbar als neue. Ein Gutachten war notwendig. Ein weiteres Problem, das früher häufig auftrat, war Hochwasser im Keller. Heute schützt davor eine Rückstauklappe.

Im Dachgeschoss befindet sich heute eine Wohnung im Maisonette-Stil. Im zweiten Stock ist die EWTO Wing Tsun Akademie untergebracht, bei der man Selbstbehauptung und Selbstverteidigung erlernen kann. Im ersten Stock befinden sich die Räumlichkeiten der Firma Medinix information systems GmbH, die weltweit Studien unterstützt und Forschern hilft, Erkenntnisse zu gewinnen und ihre Bemühungen erfolgreich umzusetzen. Im Erdgeschoss ist das Coiffeur Team Lieb am Werk. Im Salon hat sich das Haus am meisten verändert. Wände wurden entfernt, eine Deckenheizung eingebaut, neuer Boden verlegt. Der neue Stil passt sich dem zeitlosen Bauhaus gut an. Man fühlt sich dort genauso wohl, wie in den oberen Etagen, in denen die Bogendurchgänge, hohen Decken und alten Dielen das Bild der Zimmer prägen. In beiden Fällen eine offene und freundliche Gestaltung, die auch nach 90 Jahren, die das Gebäude inzwischen steht, noch Anklang findet. Auch das ist wohl ein Grund für den Erfolg des Bauhauses.

Mit dem Haus kauften die neuen Eigentümer 2007 auch das Archiv der Westpfälzischen Zeitung mit Ausgaben von 1947 bis 1961. Foto: Selina Summer

Zudem erbten die neuen Eigentümer der Rickertstraße 26 noch einen ganz besonderen Schatz: Mit dem Gebäude erwarben sie archivierte Zeitungen aus den Jahren 1947 bis 1961. Die über 100 Bücher wurden gesichtet, sortiert und nun sicher gelagert. Die älteren Ausgaben wurden an die Stadt verliehen und befinden sich noch dort.

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