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Aufräumen eines Schreibtisches in Homburg

Eine irre Fundgrube : Das alte Jahr endet mit Aufräumen

Haben auch Sie ein schlechtes Gewissen, weil das neue Jahr anfangen könnte, wie das alte aufgehört hat? Das muss nicht sein. Einfach mal den Schreibtisch aufräumen. Eine leere Schublade gibt das gute Gefühl: zum Jahresende alles runterfahren, das neue beginnt bei Null.

Nur noch wenige Stunden, und das Jahr 2019 ist schon wieder Vergangenheit, dann bricht 2020 an. Der erste Tag des neuen Jahres beginnt naturgemäß trist. Vor allem, wenn man den ersten Schritt vor die Haustür macht und den Eindruck bekommt, nebenan sei eine Klopapier-Fabrik geplatzt. Oder ein Kartonagen-Lager in Stücke geflogen. Aber ach, es sind ja nur die ebenso traurigen wie schlappen Überreste der funkelnden Raketen, die ein paar Stunden zuvor wie Sternenregen vom Himmel gefallen sind.

Obwohl es in Deutschland ja eher verpönt ist, sich an einem bunten Feuerwerk zu erfreuen. Es schadet der Umwelt und das Geld könnte nützlicher verwendet werden. In Süditalien feiert zwar jedes Kaff mindestens einen Heiligen mit buntem Knall und Lichterregen, doch uns befällt beim Anblick der bräunlichen und aufgeweichten Papierüberreste auf den Straßen immer ein ungutes Gefühl. Das schöne Geld! Einfach in die Luft geblasen! Und – wir ahnen es – beginnt das neue Jahr, wie das alte aufgehört hat: mit einem schlechten Gewissen.

Da hilft nur, im alten Jahr ganz, ganz schnell noch etwas Sinnvolles zu tun, um ja nicht die hehren Vorsätze schon 24 Stunden vor dem Schwur zu brechen. Also räumt man auf. Zum Beispiel im Büro. Denn gerade hier sammelt sich in den Schubladen mit der Zeit ein Wust privater Dinge an. Von aufgequollenen Fencheltee-Beuteln bis zur Mahnung, das Visa-Kartenkonto doch im eigenen Interesse bitte wieder aufzufüllen. Samt Kontonummer und Adresse, versteht sich.

Und dann all die Apotheken-Geschenke. Statt günstigerer Preise bekomme ich Taschentücher und Vitamin-Bonbons. Das Zeug weist noch dazu ein ziemliches Beharrungsvermögen in meinen Schubladen auf. All die gut gemeinten ,,Holunder-Zink-Vitamin C“-Beutelchen wurden nie in Wasser aufgelöst, die Gartenkräuter nie unter den Salat gemischt, die Müsli-Körner nie in die Milch gekippt. Vermutlich riechen die Apotheker-Proben jetzt ohnehin allesamt nach dem Lösungsmittel aus der ausgelaufenen Uhu-Tube, die über ein Jahr daneben lagerte. Leicht entflammbar steht drauf. Na prima, dass der Schreibtisch noch steht.

Immerhin bunkere ich für Notfälle im Büro auch Berge von Pflastern, die vermutlich längst nicht mehr kleben. Das trifft sich gut, denn immer, wenn ich mir zu Hause in den Finger schneide, fällt mir dankbar ein, dass die nächstgelegenen Pflaster 40 Kilometer weit entfernt in meiner Büroschublade ruhen. An einer meiner mindestens fünf Scheren, die sich in den Schubladen auf geheimnisvolle Weise zu vermehren pflegen, habe ich mich jedoch noch nie geschnitten. Was daran liegen mag, dass keine einzige dieser sich vermutlich ungeschlechtlich fortpflanzenden Utensilien ihren Namen wirklich verdient.

Der umgekehrte Fall gilt für teure Stifte: Die vermehren sich nämlich nicht – die verschwinden vielmehr. Die Halbwertszeit wertvoller Werbekulis liegt in meinem Büro bei einer Woche. Danach lässt sich keine Spur mehr nachweisen. Die Billigstifte und Billig-Kulis hingegen verschwinden nie.

In den unteren Schubladen dann Notizen, Zettel, Telefonnummern. Vom Tierarzt, von der Katzenpension, der Schule oder dem Krankenhaus: Was man im Leben so an Nummern braucht. Daneben ein empörter Brief eines namentlich bekannten, an dieser Stelle aber ungenannten Rektors einer Schule: Es stimme nicht, dass an seiner Schule seit 50 Jahren nichts gemacht worden sei. Auch Briefe, in denen man sich für ,,den schönen Bericht über unsere Kirche“ bedankt, oder für „die guten und nützlichen Adressen in Ihrer Reisereportage“.

Visitenkarten von Klinik-Professoren, Telefonnummern ohne Namen, ein Foto von einem Fünf-Sterne-Hotel in Apulien, leider nie dort gewesen, eine Postkarte aus Toulouse mit einem Rezept für Cassoulet, leider nie gekocht, eine Fahrkarte mit dem TGV nach Paris, tatsächlich dort gewesen.

Fast leere Parfümfläschchen mit ranzigen Resten von einst teuren Wässerchen: „Mitsouko“ und „Vol de Nuit“. Alles kreuz und quer, dazwischen gestopft ein Kochbuch mit dem Titel ,,Hauptsach gudd gess“, was sich in der Büro-Mikrowelle allerdings schlecht verwirklichen lässt. Darunter Bestellscheine samt Rechnungen für schwedische Designer-Klamotten, Garten-Rosen, Lieferscheine über Bücher, übers Internet bestellt und nie gelesen. Es folgen Rechnungen für völlig überteuerte Parfümerie-Artikel, Kassenzettel für Schuhe – schnell in der Mittagspause gekauft und nie getragen. Vermutlich Frust-Käufe. Ich muss eindeutig zuviel Geld haben.

Daneben Handzettel für eine kulinarische Reise durch die Schnellimbisse der Region: Feuerpizza, Currynudeln Singapur sowie die Karte einer Schnitzel-Woche. Die muss schon sehr alt sein, denn man liest da noch Zigeunerschnitzel, wie furchtbar.

 Entrümpeln ist immer ein guter Plan vor dem Jahreswechsel: erschreckend, was ein Schreibtisch so alles beherbergt.
Entrümpeln ist immer ein guter Plan vor dem Jahreswechsel: erschreckend, was ein Schreibtisch so alles beherbergt. Foto: gms/Arnd Petry

Ach, vielleicht sollte ich im nächsten Jahr die Nachbarn mal darum bitten, mir eine Silvesterrakete direkt ins Büro zu feuern. Dann könnte der ganze Haufen viel schneller und effizienter beseitigt werden. Und ich müsste mich nicht fragen, was ich wohl von jemandem halten würde, der einen solchen Schrott bei sich in den Schubladen bunkert.