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Apotheken haben teils Lieferengpässe und sehen Veränderungen im Kaufverhalten

Verändertes Kaufverhalten : Lokale Apotheken im Dauereinsatz

Das Kaufverhalten vieler Kunden hat sich auch bei medizinischen Produkten verändert. Fiebersenkende Mittel sind besonders gefragt.

Waren das noch Zeiten, als man gemütlich in die Apotheke schlenderte und nach einem guten Hustenlöser oder Schlafpülverchen fragte. Und jetzt? Ist alles anders. Besuch am Montagmorgen in der Adler-Apotheke in der Fußgängerzone St. Ingbert. Ihm, sagt Apotheker Michael Krämer, sei vorübergehend die Laufkundschaft weggebrochen. Durch Glasscheiben kommuniziert er jetzt mit seinen Kunden. Krämer erzählt auch von der der sehr großen Nachfrage nach Atemschutzmasken. Die aber sind ihm und auch anderen Kollegen längst ausgegangen. Derweil gibt es bei Krämer und seinem Team noch Händedesinfektionsmittel – aus eigener Herstellung. Weil „jeder Experte etwas anderes sagt“, seien im Übrigen viele Leute übervorsichtig. Wen tut’s wundern? Beim Adieu im gebührenden Abstand fällt der Blick noch auf eine werbende Zeile: „Schluss mit erkältungsschlapp“. Mehr schlapp als durch Erkältung will momentan niemand werden. Und wenn, dann fragt er seinen Arzt oder Apotheker.

Besuch auch in der Rats-Apotheke, ebenfalls in der Fußgängerzone gelegen. „Land unter“, sagt deren Chef Hellmut Jork, so habe er die ersten Corona-Wochen erlebt. 24 Stunden hätte er da sein Geschäft locker auflassen können. Die Leute hätten Angst gehabt, nicht mehr an ihre Medikamente zu kommen. Da sei eine Menge gekauft worden, um auf der sicheren Seite zu sein. Und zwar abhängig von der Nachrichtenlage.

So gab es eine Zeitlang einen Run auf Fieberthermometer und Hustensaft. Dann auf Paracetamol, „jeder Zweite wollte es“. Dann gab es aber auch noch Fake-News – und zwar zu Ibuprofen. Doch die Warnungen vor diesem Präparat wurden gleich nochmal zurückgenommen. Hellmut Jork, Chef von vier Angestellten, sagt auch, dass sich seit Freitag, 13. März, das Kaufverhalten abgeschwächt habe. Mit Atemmasken kann auch er nicht dienen, aber sonst geht alles seinen Gang im Gesundheitswesen. Weil es auch noch andere Krankheiten gibt, die selbst in Corona-Zeiten nicht pausieren.

Bei Nachfragen in vier Apotheken im Blies- und Mandelbachtal stellte sich (wenig überraschend) heraus, dass sich das Kaufverhalten merklich verändert hat. Wurden vorher prinzipiell Schmerzmittel, Blutdruck- oder Schilddrüsenarzneien, im Freiverkauf saisonbedingt Erkältungsmedikamente verlangt, so setzte schon im Januar, bei den ersten Meldungen aus China, ein Run auf Desinfektionsmittel und Mundschutz, aber auch fiebersenkende Medikamente wie Ibuprofen, Paracetamol sowie Vitamine ein. In wenigen Tagen waren die Produkte fast ausverkauft, so Sigrid Klein, Inhaberin der Gersheimer Löwen-Apotheke. Der veränderten Marktlage folgten erhebliche Preisverschiebungen. Vor allem rezeptfreie Arzneien wurden merklich teurer.

Jacqueline Haas, Besitzerin der Blieskasteler Rats-Apotheke, erwähnte dabei den Mundschutz. So kostete „früher“ eine 50er-Packung 8,95 Euro. Jetzt muss für einen Mundschutz 1,50 Euro bezahlt werden. Sie hofft auf Nachschub, warte derzeit auf bestellte 10 000 Exemplare, die in ein bis zwei Wochen geliefert werden sollen. Desinfektionsmittel würden zwischenzeitlich auch selbst hergestellt.

Christian Engel, Betreiber der gleichnamigen Blieskasteler Apotheke, begründet Lieferengpässe auch damit, dass noch vorhandene Mengen nach den Vorschriften von Pandemieplänen, abgestuft nach Wichtigkeit, ausgeliefert werden. „Die öffentlichen Apotheken nehmen dabei scheinbar den letzten Platz ein. Bei uns kommt so gut wie nichts an.“ Entgegen den Beobachtungen im Einzelhandel blieben die Apotheken vor Hamsterkäufen weitgehend verschont. Festzustellen sei, so Sigrid Klein, dass viele zu Hause einen größeren Medikamenten-Vorrat bis hin zu einer „Jahresration“ anlegen wollten. Dies sei keinesfalls notwendig, da es vollkommen ausreichend sei, lediglich für einige Monate vorzuplanen. Damit werde auch erreicht, dass Akut-Patienten nicht benachteiligt werden. Es seien aber auch positive Entwicklungen zu beobachten. Viele besinnen sich darauf, ihr eigenes Immunsystem durch Zink- und Vitamin-C-Präparate zu stärken, da nur wenige es schafften, regelmäßig die propagierten fünf Tages-Portionen Obst und Gemüse zu sich zu nehmen.

Lieferservice gehört bei allen angefragten Apotheken zum Standard. Corona habe die Nachfrage erhöht. Dies führe aber auch zu Problemen. Es müssten größere Kapazitäten vorgehalten werden, weil Empfänger öfter angefahren werden müssten, wenn sie nicht zu Hause angetroffen werden. Medikamente dürften nicht, wie bei übrigen Lieferdiensten, etwa im Briefkasten deponiert werden. Ein Bote, so Dieter Bläsius von der Schwanen-Apotheke in Bliesmengen-Bolchen, müsse, um direkten Kontakt zu vermeiden, das Paket auf den Boden vor die Tür legen, warten bis sich diese öffnet und es vom Empfänger aufgehoben werde.

Hellmut Jork, Inhaber der Ratsapotheke in der Fußgängerzone St. Ingbert, hatte in den letzten Wochen viel zu tun. Foto: Sarah Tschanun

Weit verbreitet sind digitale Vorbestellmöglichkeiten wie Gesundheits-Apps oder die Homepage der jeweiligen Apotheke. Auch können Arztrezepte direkt an die Apotheken gefaxt werden, wobei die original Rezepte danach auch an die Apotheken geschickt werden müssen, da diese sie für ihre Abrechnung brauchen. Zählt Bläsius in der Mandelbachtaler Apotheke normalerweise täglich etwa 80 Kunden, so habe sich die Zahl kurz vor der Schließung der französisch-deutschen Grenze durch viele Grenzgänger verdoppelt. Auch stelle er fest, dass immer mehr Menschen zu ihm kommen, die vor der Krise woanders, vor allem in den Städten einkauften, ihre Rezepte dort einlösten. Viel investieren die vier Apotheker in den Schutz von Mitarbeitern und Kunden. Schon früh wurden innerhalb von Mitarbeiterbesprechungen auf der Basis vorliegender, überarbeiteter Pandemiepläne der Schweinegrippe vor einem Jahrzehnt Abläufe abgesprochen und festgelegt. Gesichtsschutz und Einweghandschuhen seien mittlerweile Standard. In der Rats-Apotheke Blieskastel mit ihren 25 Mitarbeitern wurde beispielsweise komplett auf ein Zwei-Schicht-System umgestellt. Die Zahl der Kunden, die gleichzeitig in den Räumen sein dürfen, ist bei allen reglementiert. Zudem bietet die Löwen-Apotheke auch außerhalb zusätzliche Sitzgelegenheiten an. In der Engel-Apotheke besteht eine „Einbahnstraße“, die eine Begegnung von Kunden auf engem Raum ausschließt. Positiv sei, dass sich die Menschen an das Abstandsgebot, halten. Engel unterstrich, es gehe jetzt darum, dass sich jeder vor jedem schützen und in der Apotheke nach dem Motto „Sicherheit geht vor Geschwindigkeit“ gearbeitet werden müsse. Derzeit seien die Apotheken zwar geöffnet, aber der Umsatz, sprich das Einkaufsverhalten komme eher einem Notdienst gleich, bemerkte Engel. Der vermehrt genutzte Onlinehandel und Lieferservice mit den damit verbundenen höheren Kosten führe dazu, dass sich das bereits vorhandene Apothekensterben beschleunige. Abgeschwächt werden könne es nur durch das jetzt bei den Menschen aufkeimende Bewusstsein, wie wichtig die wohnortnahe Apotheke sowohl mit ihrer situationsbedingten Beratung als auch der Belieferung mit Arzneien ohne Versandaufschub sei und das auch in der Zeit nach Corona in den Köpfen bleibe.