Kinowerkstatt: Anrühriger Roadmovie mit viel Humor

Kinowerkstatt : Anrühriger Roadmovie mit viel Humor

In der Adventszeit zeigt die St. Ingberter Kinowerkstatt Leinwand-Klassiker und deutsches Kino der Extraklasse.

(red) Die Kinowerkstatt zeigt am Freitag, 1. Dezember, um 20 Uhr nochmal „Der Imker“ (Schweiz 2013) von Regisseur Mano Khalil mit Ibrahim Gezer, Anita Wyrsch-Gwerder, Max Wyrsch, Barbara Bienz, Nicole Hohl, Viktor Krummenacher und Gabriele Schneider-Krummenacher. Der Film des selbst im syrischen Kurdengebiet geborenen Schweizer Regisseurs Mano Khalil („Unser Garten Eden“) wurde auf fast jedem Festival, zu dem er bisher eingeladen war, mit einer Auszeichnung bedacht.

Im Mittelpunkt steht der Kurde Ibrahim Gezer. Er wurde 1946 geboren, er war gezwungen, seine Heimat zu verlassen und musste seine fünfhundert Bienenvölker aufgeben, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdiente. Jetzt will er in der Schweiz neu anfangen und Bienen züchten, umso seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Behörden unterstützen ihn nicht, da die Imkerei ein Hobby sei. Er muss stattdessen Ricola-Bonbons verpacken, um Sozialunterstützung zu bekommen. Wie es ihm trotzdem gelingt, seinen Traum zu verwirklichen und durch seine Leidenschaft zu den Bienen neuen Mut zu schöpfen, zeigt Mano Khalil in ruhigen Bildern in diesem stimmungsvollen Film.

Ein Film-Klassiker, der zum Repertoire eines jeden Kinogängers gehören sollte, ist „Keine Chancen für morgen“ (Original: „Odds against tomorrow“, USA 1959) von Robert Wise, der so bekannte Filme wie „West Side Story“, „Der Tag an dem die Erde still stand“ drehte. In diesem stimmungsvoll fotografierten herausragenden Beispiel des „Film noir“ spielen Harry Belafonte („Island in the Sun“), Robert Ryan, Shelley Winters und Ed Begley. Die Kinowerkstatt zeigt ihn am Samstagabend, 2. Dezember, um 20 Uhr.

Es geht um einem Bankraub, den der unehrenhaft aus dem Dienst entlassene New Yorker Polizist Dave Burke (Ed Begley) in einem nahegelegenen Provinzstädtchen plant. Da er seinen Plan allein nicht umsetzen kann, versucht er, zwei Komplizen dafür zu gewinnen: den rassistischen Ex-Sträfling Earl Slater, der wegen Totschlags im Gefängnis war, und den jungen puertorikanischen Jazzmusiker Johnny Ingram (Harry Belafonte), der sich bei Pferdewetten hoch verschuldet hat.

Am Sonntag, 3. Dezember, um 20 Uhr und am Montag, 4. Dezember, um 18 und 20 Uhr läuft „Simpel“ (Deutschland 2017) von Markus Goller. Nicht irgendwo in Iowa, sondern in Niedersachsen spielt Frederick Lau, der raue Nachtschwärmer aus „Victoria“, Johnny Depp. Und David Kross gibt den jungen Leonardo DiCaprio. Alles nur quasi, denn dieser Film, der jetzt in den deutschen Kinos angelaufen ist, ist kein Remake von „Gilbert Grape“.

Markus Goller („Friendship“, „Frau Ella“) inszeniert „Simpel“ als einen zutiefst emotionalen und dabei umwerfend komischen Feelgood-Film. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Dirk Ahner und anhand der Romanvorlage von Marie-Aude Murai. Die zwei ungleichen Brüder werden gespielt von David Kross („Die Vermessung der Welt“, „Der Vorleser“) und Frederick Lau („Victoria“, „Traumfrauen“), die schöne Aria von Emilia Schüle („High Society“, „Mann tut was Mann kann“), den Vater David gibt Devid Striesow („Ich bin dann mal weg“) und die Mutter spielt Anneke Kim Sarnau („Honig im Kopf“). Komplettiert wird der Cast mit Axel Stein („Nicht mein Tag“) und Annette Frier („Ich bin dann mal weg“).

Seit Ben (Frederick Lau) denken kann, sind er und sein Bruder Barnabas ein Herz und eine Seele. Barnabas, „Simpel“ genannt (David Kross), ist 22 Jahre alt, aber geistig auf dem Stand eines dreijährigen Kindes. Quasilorten (Erdbeeren) sind sein Lieblingsessen und draußen im Watt entdeckt er mit seinem Stofftier „Monsieur Hasehase“ neue Kontinente. Simpel ist anders und oft anstrengend - aber ein Leben ohne ihn ist für Ben unvorstellbar. Als ihre Mutter unerwartet stirbt, soll Simpel in ein Heim eingewiesen werden.

Als es dazu kommen soll, tickt Simpel aus: Ben und Simpel türmen gemeinsam vor der Einweisung. Der Film wird zum Roadmovie, der die beiden Brüder nach Hamburg bringt. Von der Reeperbahn bis zum Punk bleibt dort kein Klischee aus, und der große Bruder, der sich immer gekümmert hat und sich diffus an den in Hamburg lebenden Vater und die Sorgerechtsfrage annähern will, baut dabei nicht weniger Mist als der kleine Bruder, auf den er eigentlich aufpassen soll.

Eine Szene aus dem Dokumentarfilm "Der Imker", der in der Kinowerkstatt gezeigt wird. Foto: Bravehearts Institute. Foto: Bravehearts Institute

„Der Film schafft anrührende Szenen, führt die wechselseitige Abhängigkeit von Familienmitgliedern vor, birgt komische und tragikomische Momente. Wenn man so will, erzählt dieser Film auch davon, dass Ben – wie alle Menschen, die sich im Leben um einen nicht ganz selbstständig lebensfähigen Angehörigen kümmern – mindestens so viel Abhängigkeit von seinem Pflegling entwickelt wie umgekehrt“, schreibt Marc Reichwein in DIE WELT.

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