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Eine Bushaltestelle mit Büchern gibt es in Wittersheim

Wenn ein Mensch sich in spannende wie kuriose Lektüre vertieft : So ein Mist. Da kommt schon der Bus

In Wittersheim ist man auf dem Land. Sowas von auf dem Land! Hier fahren die Busse am Nachmittag nur jede Stunde. Aber sie fahren. Immerhin. Und selbst das kann man als zu oft empfinden...

In Wittersheim steht ein Buswartehäuschen, das als öffentliches Bücherregal dient. Bücher durchstöbern, Bücher-Altlasten aus dem Haushalt hinbringen, Interessantes mit nach Hause nehmen. Literatur auf geschätzten acht Quadratmetern. Ich habe mich umgesehen, weil ich eigentlich auf den Bus wartete.

Es nimmt nicht Wunder, dass mir in dieser ländlichen Gegend als erstes die „Kleine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ in die Hände fällt. Ein bezauberndes Büchlein, in dem es eigentlich gar nicht um Landmaschinen geht, sondern um eine sechsunddreißigjährige Ukrainerin, „wie eine flauschig rosa Granate schoss sie in unser Leben.“ Schon für diesen Satz hat sich das Warten auf den Bus gelohnt.

Nun sind Ukrainerinnen in Wittersheim sicherlich recht selten, flauschige erst recht. Aber das nicht immer granatenmäßige Zusammenleben zwischen den Geschlechtern scheint hier wie überall die Lesegewohnheiten zu dominieren. Und hier lebt die Vielfalt! Vom Teenie-Roman „Liebe großgeschrieben“, in dem eigentlich gar nichts passiert außer immerwährendes, allgegenwärtiges, nach vierzig Seiten nervtötendes Herzflimmern, bis zu Hardcore-Stoff wie „80 Days – Die Farbe der Begierde“, gegen den Klassiker wie „Fifty Shades of Grey“ eher wie eine Blümchenromanze wirken. Wer in Wittersheim an Nahverkehr denkt, vergisst schon mal den Bus dabei.

Auch mal urkomisch versonnen wie Thommie Bayer in „Das Herz ist eine miese Gegend“, der seiner Traumfrau zweihundert Seiten lang huldigt, um dann endlich mit ihr, beide nackt, in der Badewanne zu sitzen. Was machen die beiden? Sie diskutieren die Consecutio temporum, die korrekte Abfolge der Zeiten in der deutschen Sprache. Schön im Sinn von Kim Gruenfelder, „erst denken, dann küssen“. Da lobt man sich doch die Pragmatiker wie den als Kinderbuchautor berühmt gewordenen Janosch, der in seinem Erwachsenenwerk „Mutter sag, wer macht die Kinder?“ völlig prosaisch konstatiert „das kann man auch von hinten machen.“

Jetzt aber flugs zurück zur Moral! Eine alte, abgegriffene Pattloch-Bibel verheißt seelischen Beistand. Und da, Korinther 7, mit schwarzem Filzstift krakelig unterstrichen: „der Mann leiste der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“ Auf was habe ich mich da eingelassen! Ich wollte doch nur mit dem Bus nach Habkirchen.

Endlich. Backrezepte. Völlig unverfänglich, klingt lecker ohne Hintergedanken. Und das „Tabellenbuch Metall“ noch nicht mal lecker, sondern nur schweißtreibend schwierig. In Wittersheim ist sogar die Nähe zu Frankreich kein Thema, einige Werke in der Sprache unserer Nachbarn finden sich, und auch der ein oder andere Engländer scheint sich schon an dieser Stelle seiner überzähligen Literatur entledigt zu haben.

Was in Wittersheim zu denken gibt: Auf Ordentlichkeit bedachte Bibliothekare (fast alle Bibliothekare sind auf Ordentlichkeit bedacht) lieben solche öffentlichen Bücherregale überhaupt nicht. Sie sehen die Gefahr, dass gute Bücher ganz schnell ihre Liebhaber finden und mitgenommen werden. Schund allerdings bleibe stehen und vermehre sich rasant. Das ist hier nicht so. Schon deshalb, weil ich, um diesen Text zu schreiben, einiges an Schund mitgenommen habe, unter den mitfühlenden Blicken einiger junger Leute, die mit mir auf den Bus warteten. Es ist aber tatsächlich ein recht deutlicher Umschlag an Büchern hier in diesem kleinen Häuschen. Es wird rege und gern genutzt. Und seltsamerweise hält sich ein immerhin unterhaltsames Niveau.

Hat sich in die Lektüre an der Bushaltestelle in Wittersheim mächtig vertieft: Peter Gaschott. Foto: Katja Gaschott

Jetzt aber Schluss. Der Bus kommt.