Anna, die wiederentdeckte Königstochter

Anna, die wiederentdeckte Königstochter

Stanislaus, dem polnischen Exil-König, ist nicht nur die prächtige Place Stanislas in Nancy zu verdanken, er hinterließ auch diesseits der Grenze Spuren. Seine Tochter, die jung starb, wurde in Gräfinthal beigesetzt.

Es ist schon eine kleine Sensation, als Emanuel Roth, Archäologe der saarländischen Bodendenkmalpflege, vor sechs Jahren bei seinen Ausgrabungen in der Kapelle des Benediktiner-Klosters Gräfinthal auf ein Skelett stößt. Weil es auch noch in Goldbrokat eingehüllt ist, steht nicht nur für Historiker fest: Es kann sich nur um die sterblichen Überreste von Anna Leszczynska (1699-1717), der ältesten Tochter des legendären Polenkönigs Stanislaus handeln, der in Nancy und Lunéville als Herzog von Lothringen und Bar seine markanten Spuren hinterlassen hat. Seit den Wirren der französischen Revolution gilt das geschichtlich überlieferte Grab als verschollen. Auch die Grabplatte ist seit langem verschwunden.

Aber der Reihe nach: Als Stanislaus 1714 als Herrscher des Königreichs Polen abdanken und das Land verlassen musste, gewährte ihm der schwedische König Karl XII. in seiner weiteren Eigenschaft als Herzog von Zweibrücken Asyl. Stanislaus durfte sich dort mit Frau und zwei Töchtern einrichten. Noch heute zeugen die Überreste seines Lustschlosses Tschifflik im Wald östlich von Zweibrücken von der Pracht des Exil-Königs.

Doch ein tragisches Ereignis in Zweibrücken überschattete die scheinbar unbeschwerte Zeit der polnischen Königs-Familie. Am 20. Juni 1717 stirbt Anna, die älteste Tochter, mit erst 18 Jahren an einer Lungen-Krankheit. Andere Quellen berichten von einem Gift-Attentat, das eigentlich ihrem Vater galt. Stanislaus lässt die Prinzessin im von ihm finanzierten Benediktiner-Kloster Gräfinthal mit allen Insignien königlicher Würde feierlich beisetzen. Zu allem Unglück stirbt noch keine zwei Jahre später auch der schwedische König und Herzog von Zweibrücken, Karl XII., der Förderer des polnischen Ex-Monarchen. Dieser findet jetzt mit seiner Familie weitere Zuflucht im elsässischen Weissenburg. Dort wird der heiratswillige König von Frankreich, Ludwig XV., durch Freunde aus dem Kloster Gräfinthal auf die hübsche und kluge Prinzessin Maria Leszczynska aufmerksam - nicht ohne Erfolg: Die polnische Prinzessin wird schon bald Königin von Frankreich.

Aus Dankbarkeit ernennt Ludwig XV. seinen Schwiegervater aus Polen zum Herzog von Lothringen und Bar mit Schloss Lunéville als seinem Herrschersitz, von wo aus Stanislaus bis zu seinem Tod 1766 viele bedeutende Bauwerke in Auftrag gab, nicht zuletzt die berühmte "Place Stanislas" in Nancy, von der Unesco zum Weltkulturerbe gekürt. Aber auch als Wohltäter der lothringischen Bevölkerung, als Humanist, ja sogar als Erfinder technischer Neuerungen und als Philosoph ging er in die Geschichte ein.

Alles das lässt sich, reich bebildert und dokumentiert, ergänzt mit wertvollen Original-Gegenständen aus dem Besitz des Exil-Königs, derzeit in mehreren Ausstellungen in Nancy und Lunéville nachempfinden. Anlass ist die 250. Wiederkehr des Todesjahrs von König Stanislaus. Die bedeutendste Schau ist noch bis 30. Oktober im Schloss von Lunéville zu sehen. Breiten Raum nimmt dabei auch die Zeit ein, die Stanislaus in Zweibrücken und der saarpfälzischen Region verbracht hatte.

Auf deutscher Seite ist der ehemalige Staatsanwalt und Richter am Amtsgericht Zweibrücken, Werner Euskirchen, wahrscheinlich der Stanislaus-Experte. Er hat dazu eigens einen international agierenden Verein gegründet: die "paneuropäische König-Stanislaus-Gesellschaft". Seit mehreren Jahren spielt Euskirchen - standesgemäß ausgestattet mit Robe, Kutsche und seinem Pferd Moses - den "Kurier des Herzogs von Zweibrücken". Historisch Interessierte kutschiert er häufig an die Stätten, an denen König Stanislaus und seine Familie ihre Spuren hinterlassen haben. Jetzt hat Werner Euskirchen ein großes Jubiläum im Auge: Am 20. Juni nächsten Jahres jährt sich zum 300. Mal der Todestag der früh verstorbenen und im Kloster Gräfinthal beigesetzten Prinzessin Anna. Dieser Tage besuchte Euskirchen die dort noch tätigen Benediktiner-Mönche, um zu besprechen, in welchem Rahmen der Gedenktag gefeiert werden könnte.

Inzwischen steht fest, dass der Sarg mit den vom Archäologen Emanuel Roth wieder aufgefundenen sterblichen Überresten erneut beigesetzt werden soll. Dieses Mal nicht mehr im Boden der Kapelle, sondern in einer repräsentativen Nische im linken Teil der ursprünglich gotischen Klosterkapelle. Die Gestaltung einer Sandsteinplatte mit den wichtigsten Daten der Königstochter steht kurz vor ihrem Abschluss.

Dass das ab dem nächsten Jahr wieder renovierte Gotteshaus in Gräfinthal dann auch verstärkt von polnischen Besuchern besichtigt werden wird, steht für die Benediktiner-Mönche des Klosters und den Stanislaus-Experten Euskirchen außer Frage. Eingeladen werden dann auch Repräsentanten aus Frankreich, Polen, Schweden, Deutschland und der Ukraine, die einen Bezug haben zur "Europäischen Polenkönig-Stanislaus-Route", die von Lunéville, über Grafinthal und Polen bis in die heutige Ukraine reicht, wo Stanislaus 1677 geboren wurde.

Zum Thema:

Historiker Werner Euskirchen (l.) und Benediktiner-Mönch Frater Wilhelm mit dem Sarg, der die sterblichen Überreste Annas birgt. Foto: M. Voltmer. Foto: M. Voltmer
Prinzessin Anna, gestorben mit 18 Jahren, auf einem Gemälde von Johan Starbus. Foto: Königlich Schwedische Gemäldesammlung, Stockholm. Foto: Königlich Schwedische Gemäldesammlung, Stockholm

Auf einen Blick Im Schloss Lunéville (Château des Lumières) ist noch bis 30. Oktober die Ausstellung "Stanislas - de l'homme à la légende"; täglich von zehn bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr außer dienstags. red chateauluneville. meurthe-et-moselle.fr