Kolumne für St. Ingbert Der schönste Platz ist schon besprüht

Ein Graffiti an prominenter Stelle genügt und schon lässt sich in St. Ingbert über Kunstgeschmack und Stadtgestaltung streiten.

Kolumne von Manferd Schetting zu Graffiti und Lärmschutz in St. Ingbert
Foto: Robby Lorenz

In St. Ingbert ist geschehen, was viele von Anfang an befürchtet haben. Die neue Lärmschutzwand der Bahn werde anonyme Farbschmierer und Sprühkünstler magisch anziehen, war von Anfang an immer auch ein Thema, wenn bei Politikern und Bürgern von den Wänden entlang der Bahn die Rede war. Und kaum waren die ersten grau-weißen Wände aufgestellt, markierte sie an der oberen Blieskasteler Straße tatsächlich bereits das erste Sprühgekritzel. Richtig aufsehenerregend ist allerdings jenes farbige, meterhohe Schriftzeichen, das inzwischen die Schutzwand vor dem Bahnhof ziert. Unübersehbar ist dieser Testplatz für die kunstempfindenden Geschmacksnerven top gewählt, eine Trophäe und Triumph für den oder die Graffitologen. Alle Bahnfahrer passieren ihn, alle Fußgänger und Buskunden blicken auf ihn, alle Autos und Zweiräder umkurven ihn.

Der prominente Platz fördert und fordert aber auch Urteile. Und die können hart sein. Als „ästethische Katastrophe“ bezeichnete ein Leser in dieser Woche die Lärmschutzwand. Das bezog sich dabei nicht nur auf das Graffito in der Bahnhofskurve, sondern mit großen Zweifeln an Aussehen und Wirkung auf alle Lärmschutzwände der Bahn auf der Strecke quer durch St. Ingbert. Unstrittig an dem Vorwurf ist, dass nur durch einen kompletten Verzicht die erwartbare Verunstaltung der Wandelelemente hätte verhindert werden können. Schon vor der Zustimmung zum Bau der Lärmschutzwände der Deutschen Bahn war klar, dass es mit Gestaltungsalternativen und Graffiti-Vorbeugung nichts wird. Eine Begrünung wäre zu aufwendig und teuer, und für ein organisiertes Kunstprojekt ist selbst die noch halbfertige Schutzwand schon zu lang.

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