Kolumne apropos Das Herbstlaub bringt so manchen Unfrieden

Welchen Ärger der Herbst mit seinem fallenden Laub in einer eigentlich friedlichen Nachbarschaft mit sich bringen, davon erzählt unsere Autorin in unserer Kolumne.

Eigentlich klappt es bei uns ganz gut mit der Nachbarschaft. Außer, es ist Herbst. Dann wird aufgerechnet, wer wem mit Herbstlaub mehr auf die Nerven geht. Wir den Nachbarn mit unserer kapitalen Linde oder die Nachbarn uns mit ihrem großen Ahorn. Wenn nebenan schon am frühen Morgen penetrant der Laubbläser rauscht, regt sich bei mir das schlechte Gewissen, denn die Linde ist der perfekte Nachbarschaftskiller. Bevor die Blätter kommen, wirft sie nervige braune Propeller ab, die sich in allen Blumentöpfen verhaken, dann folgen klebrige Blüten, die erst das Nachbarauto verpappen und sich dann als dunkelgelbes Mehl auf der nachbarlichen Einfahrt niederlassen. Kurz darauf regnet es massenhaft harte grüne Knöpfchen, dann Blätter und am Ende erneut Propeller. Ein elender Kreislauf. Wenn die Linde wüsste, wie oft ich mich im Geiste schon für sie entschuldigt habe, viel mehr als für unseren überallhin pinkelnden Kater. Auch nachbarliche Bemerkungen wie: „Wir haben morgen den Gärtner da, soll er eure Linde nicht auch gleich um die Hälfte stutzen?“ machen mich fertig. Nein, nein, liebe Linde, ich will dich nicht kastrieren, der Kater ist schon kastriert, das reicht. Ich habe auch schon aus purer Bosheit gesagt: „Nächstes Jahr hacken wir die Linde ab“, wofür ich mit einem strahlenden Lächeln der Nachbarin belohnt wurde: „Wirklich? Gott sei Dank, das wird auch Zeit.“ Natürlich denke ich nicht daran, den Baum abzuhacken. Und so laviere ich mich von Herbst zu Herbst, ich gucke aus dem Fenster, bis die Nachbarn weg sind und puste und harke dann in deren Auffahrt hysterisch alle Blätter weg. Von Dezember bis März ist Ruhe bei der Linde, dann trinken wir mit den Nachbarn gerne ein Gläschen Glühwein, betonen unsere Freundschaft und versprechen, die Linde demnächst zu entfernen. Bis zum nächsten Propeller-Abwurf.

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