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Beim Thema Müll gründlich verzockt

Beim Thema Müll gründlich verzockt

Als 1775 in Paris die Brotpreise explodierten, erhob sich das Volk - der sogenannte Mehlkrieg tobte. Heute wird das Ereignis als Vorbote der Französischen Revolution eingestuft. 1844 erlebte München unruhige Zeiten.

Dort wurde der Gerstensaft teurer, und der Volkszorn brach los. In den Geschichtsbüchern ist von einer Revolte die Rede. Weil das Militär sich weigerte, gegen die Aufständischen mit Waffengewalt vorzugehen, musste König Ludwig schließlich einlenken und den staatlich festgesetzten Bierpreis drastisch senken. Es wurde plötzlich sogar noch billiger als vor der Erhöhung.
An diese Ereignisse mag denken, wer zur Zeit auf St. Ingbert blickt. Revolutionäre Horden sind hier zwar nicht unterwegs, aber der Unmut, der sich zusammengebraut hat, ist doch ungewöhnlich deutlich. Wütende Proteste in Facebook , eine Demo vor der Ratssitzung, Diskussionen und gemeinsames Kopfschütteln, wo immer man mit Nachbarn oder Bekannten ins Gespräch kommt. Auslöser für den breiten Ärger sind die neuen Preise für die Müllabfuhr, speziell die Kosten der grünen Tonne. Jetzt, wo die Bürger die Gebührenbescheide in den Händen haben, fühlen sich viele vom Stadtrat (oder präziser gesagt: von der Ratsmehrheit aus CDU , Grünen und Familien-Partei) regelrecht hinters Licht geführt. Denn in der monatelangen Debatte um den Teil-Ausstieg aus dem Entsorgungsverband Saar (EVS) blieb der Eindruck hängen, wenn St. Ingbert die Müllabfuhr in die eigene Hand nimmt, fahren alle besser.
Das bezweifelten die Gegner des EVS-Austritts, darunter Oberbürgermeister Hans Wagner , und sie behalten nun bis auf Weiteres Recht. Die St. Ingberter Bürger werden infolge des Alleingangs dieses Jahr mehr - und zwar ganz erheblich mehr - blechen müssen als bisher, während andernorts die Preise stabil bleiben. Hinzu kommt, dass die Umstellung - wie die Opposition im Stadtrat mahnend vorhergesagt hatte - mit gravierenden Anlaufproblemen einhergeht. Es wird ein mühsames Geschäft, bis der seit Jahresbeginn tätige Abfall-Bewirtschaftungs-Betrieb St.?Ingbert (ABBS) alle Einzugsermächtigungen zusammen hat. Die Bitte an die Bürger, die erste fällige Gebühr doch lieber selbst zu überweisen, zeigt, dass beim Inkasso wohl noch für geraume Zeit Kuddelmuddel herrschen wird. Momentan haben die in Erklärungsnöte geratenen Verfechter des EVS-Austritts nichts Besseres zu bieten als vage Hoffnungen auf einen langfristigen Vergleich mit der vermuteten Entwicklung der EVS-Gebühren. Die dieser Tage wieder zu hörende These, die Kostensteigerungen ließen sich halbwegs auffangen, wenn man den Müll sauber trennt, ist dagegen purer Unsinn. Denn wer nun womöglich auf die - abwegige - Idee kommt, Küchenabfälle oder Grünschnitt in die graue statt in die grüne Tonne zu werfen, zahlt noch mehr.
Es scheint nur einen Ausweg aus der Kostenfalle zu geben, auch wenn dieser mit an sich unnötiger Autofahrerei verbunden ist: die städtische Kompostieranlage an der Lauerswiese. Doch da türmten sich die Berge aus Ästen, Zweigen und sonstigen Gartenabfällen schon in der Vergangenheit derart, dass eine Verarbeitung noch vermehrter Anlieferungen kaum klappen kann. Und wer weiß, wie lange diese Einrichtung überhaupt noch kostenfrei ist? Unsere Nachbarstadt Neunkirchen hat erst vor wenigen Tagen Gebühren für ihre Grünschnittdeponie eingeführt.
Alles in allem zeigt sich nun, dass der grüne Beigeordnete Adam Schmitt, dem manche beim Thema EVS missionarischen Eifer, ja Scheuklappen-Mentalität nachsagen, den St.?Ingbertern eine dicke Suppe eingebrockt hat. Eine Suppe, die komplett versalzen schmeckt. Aber auch CDU und Familien-Partei, die sich in den Koalitionsverhandlungen - um den Preis einer stabilen Ratsmehrheit - seinem Kurs unterworfen hatten, und die Gruppe "Wir für St. Ingbert", die in der entscheidenden Sitzung ebenfalls für den St. Ingberter Sonderweg in Sachen Abfallbeseitigung stimmte, können sich jetzt nicht wegducken. Mit dem Thema Müll wollten sie punkten. Sie haben sich gründlich verzockt.