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Thorsten Wolf aus Limbach hat eine umfangreiche Gitarrensammlung

Gitarrenfreak aus Limbach : Wenn Gitarren eine Geschichte erzählen

Der Limbacher Journalist und Musiker Thorsten Wolf macht aus neuen Instrumenten „alte“ Schmuckstücke mit fiktiver Vergangenheit.

Gut dran ist in diesen Tagen der Isolation, wer sich einem befriedigenden Hobby hingeben kann. Und da muss es nicht immer unbedingt klassisch zugehen. Tatsächlich gibt es auch eher ungewöhnliche Freizeitbeschäftigungen. Und eine solche pflegt der Limbacher Journalist und Musiker Thorsten Wolf. Für ihn gilt nicht „aus alt mach neu“, sondern „aus neu mach alt“: Er verwandelt neue Gitarren in solche, die wirken, als hätten sie ein 30-jähriges Bühnenleben hinter sich. Wolf gehört damit zu einer weltweiten aktiven Gruppe von Gitarrenbauern und Gitarrenumbauern, die sich dem so genannten „relicen“ oder auch „agen“ (also altern) von E-Gitarren verschrieben haben.

„Das Ganze ist inzwischen eine echte Wissenschaft“, erzählt Wolf im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie man lackiertes Holz täuschend echt altern lässt, wie Metall-Teile eine Patina erhalten, wo Rost seinen Charme hat – das Wissen darüber wird geteilt, auf Plattformen, in Foren und auf sozialen Netzwerken. „Jeder hat da so seine Herangehensweise, hat seine eigenen kleinen Tricks. Alles kommt aus der Erfahrung heraus, aus dem Probieren, Scheitern mit inbegriffen. Denn manchmal geht ein Projekt auch daneben. Dann wirkt das Ergebnis einfach nicht wirklich authentisch. Und oft weiß man gar nicht, warum sich der realistische Eindruck einer ‚runtergespielten‘ Gitarre nicht einstellt.“ Schon zweimal habe er tatsächlich Projekte im „Mülleimer versenken“ müssen. „Das war einfach nix!“

Doch worum geht es genau beim künstlichen Altern von E-Gitarren, was macht es aus und wo liegen die Risiken? Wolf: „Wahrscheinlich ist dieser Trend irgendwie eine Gegenbewegung zur Wegwerf-Kultur in digitalen Zeiten. Analoges und Altes ist wieder in: Analoge Fotografie ist nie gestorben, ‚alt‘ wird heute oft auch mit Wertigkeit gleichgesetzt.“ Dies sehe man auch in der Branche der Gitarrenhersteller, die selbst in einigen Serien den Gedanken des künstlichen Alterns aufgreifen und solche Instrumente zu hohen Preise verkaufen. Auch würden erfolgreiche Modelle früherer Jahrzehnte wieder aufgelegt. Und abseits des Marktes habe sich eben die Szene der Hobby-Relicer entwickelt, zu der auch er gehöre.

Konkret gehe es beim Altern einer Gitarre darum, eine Geschichte zu erzählen, die es so nie gegeben habe. „Holz wird dort freigeschliffen, wo ein langjährige, heftige Nutzung eben diesen Effekt gehabt hätte. Deswegen muss man sich auch Gedanken machen, wie ein Gitarre benutzt wird, wo tatsächlich Gebrauchsspuren entstehen können. Aber eines ist klar: Solche Gitarren sind Fakes, sind Fantasie.“ Eben dieser Fantasie sind, erzählt Wolf, der mit dem klassischen Gitarrenbau und -umbau angefangen hat, kaum Grenzen gesetzt. „Niemand kann per Definition festlegen, was Zeit für Auswirkungen auf einen Gegenstand hat. Zudem ist es nicht immer üblich, dass alle Komponenten einer Gitarre, zumindest wenn sie in professionellem Gebrauch ist, gemeinsam altern. Da werden Tonabnehmer ausgetauscht, Designelemente über die Jahre verändert, Hardware ersetzt. Das alles kann zu Zeitschichten führen – und genau solche Schichten, quasi einzelne Kapitel einer langen Geschichte, die liebe ich.“ Und Dreck, Staub und Rückstände auf den Gitarren gehören für Wolf zu einer „echt abgerockten Klampfe“ mit dazu. Deswegen „gönnt“ er seinen Instrumenten, neben mechanischen Eingriffen in die Zeit, auch ein „Bad“ mit einer Tinktur aus Kaffee, Asche und Schuhcreme. „Damit wirken die Instrumente, als hätten sie in allen dunklen Proberäumen und auf allen dreckigen Bühne der Welt gespielt“, lacht der Limbacher. Dass solche Instrumente nicht jedermanns Sache sind, dessen ist sich Wolf besusst. „Aber ich mache das nur zu meinem eigenen Vergnügen, als reines Hobby.“ Was zum Altern ansteht, das stammt urprünglich aus billiger Produktion. „Keine neue Gitarre hat beim Ankauf einen höheren Basispreis als 150 Euro. Es wäre auch ein deutlich zu großes Risiko, ein 1500-Euro-Instrument willentlich so zu behandeln.“ Ab und zu, je nach Instrument, komme dann noch ein bisschen Ersatz-Hardware dazu. „Die Gitarren sind und bleiben aber immer so genannte ‚Cheapos“, also Billiggitarren“, versichert Wolf. Natürlich seien alle spielbar und auch bei seinen Musikproduktionen (https://cadrage.bandcamp.com) zum Einsatz gekommen. „Aber es ist für mich mehr ein Design- und Kunstprojekt als echter Gitarrenbau.“ Im November will Wolf einige Exponate anlässlich der Kirkeler Hobby-Ausstellung präsentieren.

Neue Gitarren mit großem Aufwand auf alt zu trimmen, ist eine große Leidenschaft für den Limbacher Musiker Thorsten Wolf, der auch Mitarbeiter unserer Zeitung ist. Foto: Thorsten Wolf

Alle Gitarren eint übrigens ein „Markenzeichen“: Irgendwo im Design taucht immer ein Schachbrett-Muster auf. Deswegen nennt Wolf seine Werke auch „Chess Relics“. Und unter eben diesem Namen betreibt er dann auch eine Facebook-Seite.