„Ich bin ein Alt-68er“

Neue Seminare, mehr Themen, mehr Teilnehmer, viel Kunst und Musik: Erwin Irmisch ist wie kein Zweiter neue Wege auf dem Bildungssektor gegangen und hat dabei tiefe Spuren in 26 Jahren als Leiter des Bildungszentrums der Arbeitskammer in Kirkel und darüber hinaus hinterlassen. Der 1951 in Welschbach geborene Irmisch hat nach seinem Fach abitur in Völklingen Kaufmann gelernt. Er trat in die Gewerkschaft ein und war später beim DGB Saar. Im März 1990 wurde er Leiter des Bildungszentrums. SZ-Redakteur Jürgen Neumann sprach mit ihm.

Herr Irmisch, mit welchem Gefühl gehen Sie in Rente?

Erwin Irmisch: Zunächst einmal mit einem sehr angenehmen Gefühl: Befreit zu sein von äußeren Zwängen, Zeit für mich und die Familie zu haben, mich Dingen widmen zu können, zu denen ich nie genug Zeit hatte, die Bücher lesen zu können, die noch ungelesen im Regal stehen. Andererseits weiß ich noch nicht so genau, was ich wirklich vermissen werde: Die angenehme und produktive Zusammenarbeit mit den Kollegen im Bildungszentrum Kirkel und die

positiven Rückmeldungen der Veranstaltungsteilnehmer über unsere Fähigkeit, die Herausforderungen der politischen Wirklichkeit und daraus abgeleitet der Bildungsarbeit , anzunehmen. Ich bin selbst sehr gespannt.

Haben Sie sich auf den Ruhestand vorbereitet?

Irmisch: Bis vor wenigen Wochen dachte ich, gut vorbereitet zu sein. Dann hab ich in Kirkel ein dreitägiges Seminar besucht "Hinterm Horizont geht's weiter" und war am Ende ziemlich ernüchtert.

Wieso?

Irmisch: Ich hab zu meinem Entsetzen festgestellt, dass ich nicht gut vorbereitet in Rente gehe. Mir fehlen derzeit noch konkrete Zielsetzungen.

Muss man die denn haben, wenn man in Rente geht?

Irmisch: Ich bin da nicht so ganz sicher, aber das Anstreben konkreter Ziele soll angeblich hilfreich sein. Andererseits stelle ich es mir natürlich schön vor, morgens wach zu werden und die Tagesplanung vom Wetter abhängig zu machen: Fahre ich heute mit meiner Ehefrau nach Metz oder nach Trier oder arbeiten wir im Garten - lieber nicht, Gartenarbeit ist lebensgefährlich (lacht).

Wenn Sie die vergangenen 26 Jahre Revue passieren lassen, was haben Sie falsch gemacht oder was ist Ihnen gut gelungen?

Irmisch: Mit "gut gelungen" will ich lieber nicht glänzen, das mögen andere beurteilen. Außerdem fällt mir dazu der Satz eines Kollegen ein, bei dessen Verabschiedung ich vor fast 40 Jahren in Düsseldorf zugegen war. Er sagte wörtlich: "Ich will nicht zu denen gehören, die ihr Leben lang alles falsch gemacht haben und dann mit ihren Erfahrungen und Erfolgen strunzen." Fehler hab' ich gemacht, wenn ich nicht selbstkritisch genug unterwegs war oder nicht bestrebt war, die Perspektive meines Gesprächspartners zu beachten. Fehler hab ich gemacht, wenn ich vorschnell geurteilt oder gehandelt habe. Und falsch war es immer, Mitarbeiter mit ihren Bedürfnissen nicht genug zu würdigen oder meine ablehnende Haltung nicht hinreichend zu erklären. Dabei hatte ich es mir fest vorgenommen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst immer "mitzunehmen". Und richtig Leid tut es mir, Gesprächspartnern Unrecht getan oder sie beleidigt oder gekränkt zu haben. Aber noch mehr tut es mir Leid, gewisse Leute nicht ausreichend oder nicht heftig genug beleidigt oder hart angegangen zu sein, die es wohl verdient gehabt hätten (lacht).

Das klingt interessant, können Sie das mit Beispielen belegen?

Irmisch: Nein.

Gut, dann frage ich, wie es mit dem Zentrum weitergeht?

Irmisch: Mein Nachfolger, Ralf Haas, ist ein echter Glücksgriff. Der Vorstand der Arbeitskammer hat hier eine sehr gute Entscheidung getroffen. Ein junger Mann mit langjähriger Erfahrung in der Planung, Organisation und Durchführung politischer Bildungsveranstaltungen. Er besitzt ein sehr gutes Standing, Durchsetzungskraft und auch Einfühlungsvermögen. Wir arbeiten im November und Dezember parallel und ich werde ihn nach Kräften unterstützen, damit er in Kirkel erfolgreich agieren kann.

Werden Sie denn noch ab und an in Kirkel auftauchen?

Irmisch: Zunächst einmal werde ich mich sicher rar machen. Außerdem wäre es nicht gut, wenn "der Alte" immer noch in Kirkel herumlaufen würde (lacht). Ich bin außerdem vor rund zwei Jahren in die Völklinger Theatergruppe Titania eingetreten und wirke mit wachsender Spielfreude in mittlerweile drei Stücken als Schauspieler mit. Der großartige Regisseur Jürgen Reitz fordert und fördert mich und ich werde die neu gewonnene Zeit nutzen, mich zu verbessern. Den feurigen Liebhaber werde ich auf der Bühne wohl nicht mehr geben, aber dafür in anderen Rollen glücklich sein können.

Man sagt, Sie hätten Ihren "Beruf damit zum Hobby" gemacht.

Irmisch: Ach, wissen Sie, ein bisschen Schauspielerei gehört im Berufsleben immer dazu. Und spätestens dann, wenn Sie mit eher ungeliebten Vorgesetzten über schwierige Themen reden müssen und von vornherein wissen, Sie gehen jetzt nur mit dem Messer bewaffnet in ein Pistolenduell, dann - nun ja.

Haben Sie ein schwieriges Verhältnis zu Hierarchien und was empfehlen Sie Menschen, denen es ähnlich geht?

Irmisch: Ja, ich denke schon. Immerhin bin ich ein Alt-68er und reagiere ziemlich abwehrend auf Macht, die mit der Funktion daherkommt. Und ganz giftig reagiere ich, wenn ich nicht viel von meinem Gegenüber halte. Meine Empfehlung: sich selbst ein wenig zurücknehmen, kritisch die Argumente des Gegenübers betrachten und - wenn es denn nicht anders geht - das ungeliebte Ergebnis so umsetzen, als wäre ich selbst der Erfinder - vielleicht geht es dann ja gut.

Sind Sie zum Ende Ihres Erwerbslebens - nach 45 Jahren, wie Sie erzählen - dankbar?

Irmisch: Ja, durchaus. Meiner Ehefrau Hanne und unserer Tochter Gianna, die mich immer unterstützt und auch ausgehalten haben. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Kirkel , die sich an sieben Tagen in der Woche leidenschaftlich um die Gäste kümmern und die nicht immer einfache Arbeit bewältigen - und das rund um die Uhr. Den Geschäftspartnern, die immer fair und unterstützend mit mir und uns gearbeitet haben. Den Künstlerinnen und Künstlern, die das Bildungszentrum Kirkel mit ihrer Musik , ihren Gemälden und Fotos oder Büchern bereichert haben. All jenen bin ich dankbar, die mit mir offen und konstruktiv zusammenwirkten. Und das waren nicht wenige bei über 40 000 Teilnehmertagen im Jahr.

Zum Abschluss eine Empfehlung von Ihnen für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und die Interessenvertreter, die Sie ja so lange unterstützt und gefördert haben?

Irmisch: Grundsätzlich immer genau hinschauen und fragen "Wem nützt das - die Maßnahme, das Vorhaben, der Vorschlag". Außerdem selbstkritisch und mit einer gehörigen Portion Selbstironie unterwegs sein. "Nimm Dich selbst nicht zu ernst, lach' mal über Deine Naupen und Empfindlichkeiten." Und: Familienleben sowie Freundschaften pflegen, viel Bewegung als Ausgleich für monotone oder sitzende Tätigkeiten. Lebensfreude und offene Augen für Schönheit. Und natürlich den gesetzlich zustehenden Anspruch auf Bildungsurlaub nutzen - möglichst im Bildungszentrum Kirkel ! Solidarität kann und muss man lernen - Erfolge kann man am besten gemeinsam erreichen. Ralf Haas (46) ist der Nachfolger von Erwin Irmisch und damit ab 1. November der neue Leiter des Bildungszentrums der Arbeitskammer in Kirkel . Haas ist zu Beginn seiner Ausbildung im Jahr 1988 in die IG Metall eingetreten und wurde im gleichen Jahr zum Vertrauensmann gewählt. Er wurde sofort in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit aktiv, wurde zum Jugend- und Auszubildendenvertreter bei den Ford-Werken Saarlouis und zum Vorsitzenden des Ortsjugendausschusses der IG Metall Völklingen gewählt. Seine ersten Erfahrungen mit der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit konnte er in Jugendseminaren der IG Metall und des DGB sammeln. Im Jahr 1989 besuchte er sein erstes Seminar im Bildungszentrum Kirkel . Kurz darauf folgte die Ausbildung zum ehrenamtlichen Bildungsreferenten. Seit Anfang der 1990er Jahre ist er in der politischen Bildungsarbeit aktiv und eng mit dem Bildungszentrum verbunden. Im Jahr 1996 bekam er die Möglichkeit - über ein Stipendium des DGB - ein Studium an der Akademie der Arbeit an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zu beginnen. Schwerpunkte waren dabei Arbeits- und Sozialrecht, Sozialpolitik, Gesellschaftspolitik, Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre. Nach dem erfolgreichen Abschluss wurde er als Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall in Völklingen eingestellt. Dort war er neben Rechtsschutz und Betriebsbetreuung auch für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit zuständig und in diesen Zusammenhängen auch bundesweit aktiv. Seit dem Jahr 2011 ist Ralf Haas Mitglied der Vertreterversammlung der Arbeitskammer des Saarlandes und gehört dem pädagogischen Ausschuss an, der für das Bildungsprogramm der Arbeitskammer und für die Weiterentwicklung des Bildungszentrums in Kirkel zuständig ist. Haas ist verheiratet und hat mit seiner Frau eine Tochter. Die Familie wohnt in Überherrn.

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Ralf Haas wird neuer Leiter des Bildungszentrums. Foto: AK. Foto: AK

Hintergrund Die Arbeitskammer des Saarlandes wurde am 30. Juni 1951 durch ein Gesetz des Landtags des Saarlandes gegründet. Damit erhielt die saarländische Arbeitnehmerschaft eine öffentlich-rechtliche Einrichtung zur Vertretung ihrer Interessen in Wirtschaft und Politik. Als Körperschaft des Öffentlichen Rechts gegründet, hat die Arbeitskammer Verfassungsrang. Im Gesetz sind alle Aufgaben festgelegt. Die Aufgaben der Arbeitskammer beruhen auf den drei Säulen: Beratung, Forschung und Bildung. Dem Bildungszentrum Kirkel kommt daher eine besondere Bedeutung mit Schwerpunkt auf Seminaren, Konferenzen, Tagungen zu. Das Zentrum wird derzeit saniert und umgestaltet. jkn

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