Glosse über Wunsch und Wirklichkeit in Homburg

Das große schwarze Loch : Die Wirklichkeit wird überbewertet

Zum neuen Jahr darf man tolle Pläne schmieden und sich beim Feinstaub-Feuerwerk etwas wünschen. Das gehört dazu, weil jedem Anfang angeblich ein Zauber innewohnt, wie es Hermann Hesse einst formuliert hat.

Dieses geflügelte Wort dürfte die Hitliste deutscher Sonntags- und Hochzeits-Tischreden anführen und hat den alten Goethe mit seinen eher trockenen Sprüchen längst abgelöst. Denn Goethe hielt vom Zauber nicht allzuviel.

Kein Wunder, denn er wusste, dass der Zauber meist ziemlich schnell verfliegt, sobald er mit der Wirklichkeit zusammenstößt. So gesehen ist es kein Wunder, dass sich das neue Jahr als genauso trüb und schlecht gelaunt herausstellt wie das alte. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Zum Beispiel vom durchschlagenden Erfolg des Wasserstoffautos, für das sich die Homburger CDU und SPD stark machen. Keiner hat dieses Auto je gesehen, aber das macht ja nichts, die Wirklichkeit ist nicht so wichtig. Zum Beispiel auch bei der Urlaubsplanung. Umfragen ergaben, dass Kreuzfahrten weiter super nachgefragt werden. Flüge nach Ägypten, Griechenland, Bali? Kein Problem, keine Einbrüche, nirgends. Das ist seltsam, zumal man doch allenthalben hört, dass jede Urlaubs-Destination verwerflich ist, die über die Reichweite des Biosphärenbusses hinaus geht.

Aber weit gefehlt, die Wirklichkeit heißt: Die Menschen fahren weiterhin Diesel und fliegen fröhlich in Urlaub. Irgendwo klafft ein Loch zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken. In der Psychologie nennt man das kognitive Dissonanz. Und die muss man ausgleichen. Das heißt, dass man dem Nachbarn dringend eine schöne Ferienwoche unter dem Saar-Polygon ans Herz legt, nachdem man selbst gerade drei Wochen Namibia gebucht hat. Man kann auch Freunde überzeugen, dass man sich ein Elektroauto kaufen wolle, sobald der nagelneue, günstig erworbene Diesel in zehn Jahren den Geist aufgegeben hat. Immerhin muss man nächstes Mal an Silvester ja keine schädlichen Böller zünden. Das wäre ein Anfang.