Anke Stelling in der Theobald-Hock-Halle in Limbach

Lesung : Über die urbane Mittelschicht und Abstiegsängste

Rückblick auf die interessante Lesung der Berliner Autorin Anke Stelling im Theobald-Hock-Haus in Limbach.

Die Trägerin einer der wichtigsten Buchpreise Deutschlands kommt wahrlich nicht oft nach Limbach – im Rahmen der „Er-Lesen-Literaturtage im Saarland“ war es jedoch so weit. Anke Stelling, frisch ausgezeichnet mit dem renommierten Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik, kam mit ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ in die Theobald-Hock-Halle nach Limbach (wir berichteten). Da versteht es sich von selbst, dass diese komplett gefüllt war. Und die Besucher kamen voll auf ihre Kosten, denn in rund anderthalb Stunden las die gebürtige Ulmerin so manche spannende Textpassage vor und erzählte einige interessante Hintergründe zu ihrem Buch, das 2018 im unabhängigen Verbrecher-Verlag erschienen ist.

Das Buch ist nah am Puls der Zeit, das ist sicher. Weniger sicher ist sich die Hauptprotagonistin des Romans, Resi, die sich permanent fragt, was sie in ihrem Leben genau falsch gemacht hat. Schließlich wurde ihr gerade die Wohnung im angesagten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gekündigt, und darüber hinaus wird sie von den deutlich erfolgreicheren Freunden zunehmend geschnitten. Diese haben schließlich „ihre Schäfchen bereits im Trockenen“. Abstiegsangst – das ist das große Thema des Romans. Die Zerrissenheit der Hauptfigur zwischen der Furcht vor dem sozialen und wirtschaftlichen Abgrund auf der einen und dem Festhalten an Privilegien auf der anderen Seite, drückt sich dabei auch in der Form aus. Immer wieder unterbrechen plötzliche Gedanken und selbstprüfende Fragen den Monolog Resis, mit dem sie versucht, ihre Tochter vor den eigenen Fehlern zu bewahren.

„Resi hat in ihrer Jugend in einer Traumwelt gelebt und an Gleichheit und Freiheit geglaubt“, gibt Stelling Einblick in die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin. „In ihrer Lebenskrise wirft sie sich nun ihre Naivität vor.“ Die Kritik des Romans richtet sich in erster Linie gegen eine urbane Mittelschicht, die ursprünglich aus linken Milieus stammend, ihren Idealismus längst hinter sich gelassen hat und selbst verbissen an den eigenen Privilegien festhält. Gezeichnet wird eine geschlossene Gesellschaft, die sich vor allem durch Selbstzufriedenheit und Heuchelei auszeichnet.

Nicht umsonst spielt der Roman im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, der gemeinhin als Inbegriff des urbanen (Groß)Stadtbürgertums gilt. Stelling geht auch in Limbach durchaus hart mit diesem Milieu ins Gericht. „Selbst Verzicht predigen und mit dem SUV fahren – da passt etwas nicht zusammen“, findet sie klare Worte und bekommt prompt viel Applaus. Auch mit der in diesen Kreisen manchmal um sich greifenden moralischen Überlegenheit kann die Autorin nichts anfangen. „Menschen vorzuwerfen, Abstiegsängste zu haben, wenn man genau solche selbst hat, ist nicht in Ordnung.“

Dabei weiß Stelling, wovon sie spricht, schließlich lebt sie selbst in Berlin und bewegt sich in eben jenen Milieus. So weist „Schäfchen im Trockenen“ dann auch gewisse Parallelen mit dem Leben der Autorin auf. „Ähnliche Erfahrungen wie Resi habe auch ich im Leben gemacht. Deswegen konnte ich mich gut in sie hineinversetzen“, so die Schriftstellerin. Abstiegsängste dürften sie als Preisträgerin demnächst jedoch wohl keine befallen – oder etwa doch? „Gerade durch die viele Aufmerksamkeit erinnert man sich auf gewisse Weise auch an die Zeit, in der man nicht so viel Erfolg hatte. Aber natürlich freut man sich über die Anerkennung.“

Diese gab es auch in Limbach zuhauf und so durfte Stelling im Anschluss der Veranstaltung noch so manches Bücher signieren.