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Kalligraphie
Schriftkunst aus 202 Jahren

 Katharina Pieper (Mitte), Vorsitzende der Stiftung Schriftkultur, führte ins Leben und Werk der beiden 101-jährigen Künstler ein.
Katharina Pieper (Mitte), Vorsitzende der Stiftung Schriftkultur, führte ins Leben und Werk der beiden 101-jährigen Künstler ein. FOTO: Sebastian Dingler
Bruchhof. Am Sonntag wurde im Gut Königsbruch in Bruchhof eine Ausstellung mit Werken der jeweils 101 Jahre alten Kalligraphen Gudrun Zapf von Hesse und Helmut Matheis eröffnet. Matheis war Schulkamerad von NS-Widerstandskämpfer Hans Scholl („Weiße Rose“). Von Sebastian Dingler

„Ein Jahrhundert –  zwei Schriftkünstler“, so nennt sich die am Sonntag eröffnete Ausstellung der beiden Kalligraphen Gudrun Zapf von Hesse und Helmut Matheis im Museum für Kalligraphie und Handschrift im Gut Königsbruch in Bruchhof. Für die Stadt Homburg begrüßte der Kulturbeigeordnete Raimund Konrad (CDU) die etwa 40 Gäste. Die Stadt Homburg sei stolz darauf, eine solche Institution wie die Stiftung Schriftkultur zu haben.


Katharina Pieper, Vorsitzende der Stiftung Schriftkultur, verwendete auch einen alternativen Titel für die Exposition, nämlich „Ausstellung der Hundertjährigen“. Wobei das nicht mal ganz stimmte – denn die Schriftkünstler, um die es geht, Gudrun Zapf von Hesse und Helmut Matheis, sind beide bereits 101 Jahre alt. Dieser Umstand, dass es zwei bedeutende deutsche Kalligrafen in diesem biblischen Alter gibt, hat Katharina Pieper auf die Idee der gemeinsamen Ausstellung gebracht, obwohl die beiden Künstler sich persönlich gar nicht kennen. Zeit dafür wäre ja eigentlich gewesen angesichts zweier so langer Lebensspannen. Das überfällige Kennenlernen fiel bei der Vernissage leider aus, denn auch wenn beide noch sehr rüstig seien, wollten sie sich den Stress einer längeren Autofahrt (Zapf von Hesse wohnt in Darmstadt und Matheis in Bad Bergzabern) und anschließendem Im-Mittelpunkt-Stehen nicht antun. Gerade bei Matheis wäre das Interesse sicherlich enorm gewesen. Wann kann man sich schon mit jemandem unterhalten, der in der Abiturprüfung eine Bank hinter Hans Scholl, dem Widerstandskämpfer im Dritten Reich und Bruder von Sophie Scholl, gesessen hat?

Beide Künstler hätten jedoch noch vor, in der Ausstellung vorbeizuschauen, erzählte Katharina Pieper. Sie dankte vor allem dem stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung Schriftkultur, Heiner Müller, für dessen Engagement beim Zusammenstellen der Ausstellung. Mit ihm zusammen hatte Pieper die betagten Künstler besucht: „Frau Zapf servierte uns selbst ihren inzwischen legendären Tee und Kuchen.“ Hans Matheis wiederum habe über seinen Schulkameraden Hans Scholl gesagt: „Hans war unglaublich mutig. Ich hätte mich das nicht getraut. Aber er war leider zu spät mit seinen Aktionen.“ Diese Aussage habe bei Katharina Pieper Gänsehaut ausgelöst.



Gudrun Zapf von Hesse wurde an der Seite ihres 2015 verstorbenen Mannes Hermann Zapf bekannt. Dieser war einer der bedeutendsten Schriftdesigner der Welt. Manche kennen vielleicht die Schrifttypen Optima, Palatino oder Zapfino, die von ihm stammen. Seine Ehefrau Gudrun habe vieles mit ihm gemeinsam geschaffen, sagte Pieper, darunter viele Auftragsarbeiten. Aber sie habe auch nicht-kommerziell geschrieben, einfach aus der eigenen Freude am Buchstaben heraus. Diese Werke sind jetzt im Gut Königsbruch zu sehen. Matheis wiederum sei in seiner Familie der Verdiener des Lebensunterhalts gewesen. Somit entstammten viele seiner jetzt ausgestellten Werke noch aus seiner Studienzeit in den Vierzigerjahren, als noch mehr Zeit für die Schriftkunst übrig war.

Für Heiner Müller ist mit der Ausstellung, wie er sagte, ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Er sei sehr dankbar dafür, dass sich beide hoch betagten Schriftkünstler trotz ihres Alters auf die Ausstellung eingelassen haben. „Gudrun Zapf von Hesse und Helmut Matheis repräsentieren ein Stück kalligraphischer und typographischer Zeitgeschichte“, sagte Müller, und: „Die beiden haben mein Leben menschlich und in Hinblick auf die Schriftkunst sehr bereichert.“

Die Ausstellung im Gut Königsbruch läuft noch bis Sonntag, 26. Mai. Geöffnet hat das Museum immer sonntags von 15 bis 18 Uhr.

 Drei der kunstvoll gestalteten Schriftstücke von Helmut Mattheit, die jetzt im Gut Königsbruch zu sehen sind.
Drei der kunstvoll gestalteten Schriftstücke von Helmut Mattheit, die jetzt im Gut Königsbruch zu sehen sind. FOTO: Sebastian Dingler