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Wie sehen Abiturienten im ´Saarpfalz-Kreis das Hin- und Her bei Prüfung

Kostenpflichtiger Inhalt: Viel Unsicherheit vor dem Abitur : Abiturienten fühlen sich benachteiligt

Diesen Abitur-Jahrgang wird man nicht so leicht vergessen. Laut Ministerbeschluss sollen nun doch die Prüfungen geschrieben werden.

Schon seit einigen Tagen geht es Zaynab nicht gut. Sie gehört zum Abiturjahrgang 2020, der vermutlich in die Geschichte eingehen wird, „aber was habe ich davon?“, sagt die 18-Jährige, die das Homburger Saarpfalz-Gymnasium besucht. Noch vor einem Monat lag ein aufregendes Frühjahr vor ihr, das schicke Kleid für die Abiturfeier war gekauft, Vorfreude stellte sich ein. „Ich habe das Kleid weggepackt, in die hinterste Ecke auf dem Dachboden. Meinen Freundinnen geht es auch so, die haben alles weggeschafft, was ans Abi erinnert.“

Das Lernmaterial nicht, denn die Kultusminister der Länder haben sich am Mittwoch darauf geeinigt, dass die Abiturprüfungen auf alle Fälle stattfinden sollen. Schleswig-Holstein hatte vorgeschlagen, sie in diesem Jahr auszusetzen, und das hätte Zaynab gut gefunden: „Man kann in der gegenwärtigen Situation sowieso nicht richtig lernen. Es gibt wegen der Ausgangsbeschränkung keine fairen Bedingungen, sich vorzubereiten.“ Lerngruppen fielen flach, und die Kommunikation mit den Lehrern am Bildschirm sei nicht dasselbe wie eine richtige Schulstunde. „Mir hätte der Notendurchschnitt auf dem Zeugnis gereicht. Abi-Prüfungen halte ich unter den derzeitigen Bedingungen für nicht okay.“

Wie soll man das Gehirn freibekommen, um sich jetzt richtig auf die Abiprüfungen vorzubereiten? Diese Frage geht wohl vielen Abiturienten derzeit im Kopf herum. Zwei Wochen früher als geplant war der Unterricht für sie zu Ende, plötzlich sahen sie die Freunde nicht mehr, „es war von heute auf morgen alles abgerissen“, sagt auch Anna Scherer, ebenfalls Abiturientin am Saarpfalz-Gymnasium. Die Zeugnisse kamen per Post oder sie wurden im Fünf-Minuten-Takt einzeln vergeben. Kontakte sollen ja möglichst begrenzt werden. Dann wurde festgelegt: Die Prüfungen sind verschoben auf Ende Mai, doch als beruhigend empfinden die Abiturienten das nicht, denn die Lage ändert sich in diesen Zeiten ja ständig, auch wenn jetzt Planungssicherheit versprochen wurde.

Irgendwie planlos fühlt sich Abiturientin Yui, 17. Ihr sei es egal, ob die Prüfungen geschrieben werden oder nicht. „Ich kann es sowieso nicht ändern.“ Sie versuche, sich anzupassen. Und mit der Verschiebung des Abitermins habe sie bereits gerechnet, als in der Corona-Krise die Schulschließungen angekündigt wurden. Es sei nur schade, „dass wir keinen so richtigen Abschluss hatten“, sagt sie angesichts des vorgezogenen Endes der Unterrichtszeit. „Plötzlich hatten wir einfach keine Schule mehr.“ Und natürlich wäre es blöd, wenn die geplanten Abi-Feiern zum Abschluss komplett ausfallen würden. „Mit Glück können wir es irgendwie verschieben“, hofft sie.

Sie bereite sich jetzt zwar auf die Abi-Prüfungen vor, doch es sei schwierig, sich zu motivieren. Das ist auch deswegen so, weil sie damit rechnet, dass es nochmals anders kommen könnte als der aktuelle Beschluss, der vorsieht, dass man an den Prüfungen festhält, aber zum späteren Termin. Yui: „Man weiß nicht, was noch kommt.“

Anna Scherer hat den Kopf nicht frei, um sich zu konzentrieren: „Oma und Opa sind über 80, und wir haben Risikogruppen in der Familie, ich mache mir derzeit echt Sorgen.“ Sie wäre sehr froh gewesen, wenn die Abi-Prüfungen in diesem Jahr ausgefallen wären, „es ist einfach alles chaotisch. Neben den privaten Sorgen kommt ja noch hinzu, dass Unterricht ausgefallen ist. Uns fehlen zwei komplette Kapitel in Mathe“.

Die hätte man sich zur Not auch in einer Arbeitsgruppe „draufschaffen“ können, „aber wenn sich nur zwei Leute treffen dürfen, wie soll das gehen?“ Lernen per Bildschirm sei kein Ersatz für eine Unterrichtsstunde, „im Unterricht kann man viel eher Fragen stellen und besser nachprüfen, ob man auch alles verstanden hat“. Auch sie traut dem Datum Ende Mai nicht: „Man hat das Gefühl, man lernt ins Leere.“ Anna hofft inständig, dass bis dahin das Virus verschwunden ist, „denn ich will vor allem im Mündlichen kein Risiko eingehen und danach meine Familie anstecken“.

Tina Bauer aus Homburg hat schon ein festes Angebot für ihren späteren Beruf, sie möchte zur Polizei. „Bei mir hätte das Abschlusszeugnis und der Mittelwert der Noten gereicht. Aber nun müssen wir da wohl durch.“ Was sie stört, ist die mangelnde Vorbereitung durch die plötzliche Schulschließung: „Ich habe das Gefühl, da fehlen mir wichtige Unterrichtsstunden, besonders in Deutsch und in Mathe.“ Die Arbeitsgruppen, zu denen sie sich mit Mitschülern verabredet hatte, fallen flach, „auch ein paar Stunden Nachhilfe, die ich organisiert habe, kann ich jetzt nicht machen.“ Zu Hause helfe sie derzeit den Eltern und den Großeltern, „das ist mir wichtig. Aber dabei hat man dann auch andere Sorgen als die Abiturprüfungen, richtig konzentrieren kann man sich nicht. Ich wäre froh gewesen, sie wären angesichts der Corona-Krise ausgefallen.“

Doreen, ebenfalls Abiturientin aus Homburg, fühlt sich, wie ihre Mitschülerin Tina, nicht richtig vorbereitet: „Wir haben natürlich alle schon vor Wochen mit den Vorbereitungen auf die Prüfungen angefangen, aber jetzt ist alles plötzlich abgerissen, man hat das Gefühl, auf ganz vielen unbeantworteten Fragen zu sitzen.“ Die Lehrer würden sich zwar viel Mühe geben, „aber über elektronische Medien, also, ganz ehrlich, das bringt mir eigentlich wenig bis nichts“. Doreen fühlt sich beim Lernen auf sich allein gestellt, was bei einem regulären Unterricht nicht der Fall gewesen wäre, „uns fehlt einfach auch noch Stoff, vor allem in Mathe“.

Sie findet es ungerecht, dass nun doch reguläre Abi-Prüfungen geschrieben werden, „weil nicht alle Schüler gleichermaßen Zugang zu elektronischen Medien haben. Nicht alle Abiturienten haben einen eigenen Laptop, oft brauchen zu Hause die Eltern dann den PC für Home Office. Also, das ist ganz schwierig für viele, Unterricht am Computer zu verfolgen“.

Was hält sie von dem Argument, das von der Landesschülervertretung vorgebracht wurde, nämlich, dass man mit einer Aufhebung der Abiturprüfungen den Schülern die Chance auf bessere Noten genommen hätte? „Davon halte ich gar nichts. In der gegenwärtigen Situation befürchte ich eher das Gegenteil. Mit Sorge um die Angehörigen, dem ganzen Stress und ausgefallenem Unterricht glaube ich vielmehr, dass man sich die Noten eher verschlechtert als verbessert.“