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Wie man vor Silvester den Schreibtisch auräumt

Neujahr : Das neue Jahr soll sauber beginnen

Es gibt Dinge, die schiebt man vor sich her, bis endlich Silvester kommt. Dann wird altes Gerümpel weggeworfen. Zum Beispiel im Schreibtisch.

Wenn ein Mitarbeiter silberne Löffel geklaut, oder, wie jüngst der Spiegel-Reporter Claas Relotius, Geschichten frei erfunden hat, muss er in der Regel sofort seinen Schreibtisch räumen. Ich stelle mir dann immer vor, wie jemand hastig ein Paket Papiertaschentücher und sein Handy einpackt und mit rotem Kopf das Haus verlässt.

Bei meinem Schreibtisch würde eine „sofortige Räumung“ lange dauern. Deshalb lasse ich es erst gar nicht darauf ankommen, hier eine frei erfundene Geschichte zu erzählen, sondern die wahre Begebenheit einer freiwilligen Schreibtisch-Räumung aus harmlosem Anlass: Es ist Silvester, und man sollte nicht jeden Mist mit ins neue Jahr schleppen.

Da ist zum Beispiel der Brief mit der höflich-heuchlerischen Mahnung eines Reiseveranstalters: „Ihnen ist sicher entgangen dass Sie die noch ausstehende Rechnung nicht beglichen haben...“ Echt jetzt? Die Mahnung war vom Mai. Muss ich wohl bezahlt haben, sonst hätte es Ärger gegeben. Zumal der Urlaub (wohin ging’s da nochmal?) längst abgefeiert ist. Weg damit.

„Strümpfe gibt‘s bei der Zeitung wohl nicht?“ hatte mich mal ein Kollege bei einem offiziellen Termin angefrotzelt, als ich mein letztes Paar Nylons beim Ausstieg aus dem Auto zerfetzt hatte. Und so ruht seit dieser schicksalhaften Begegnung vor etwa acht Jahren ebenso lange ein Doppelpack „Hudson hauchzart“ oder so ähnlich in meiner Schublade. Als eiserne Reserve für den Nylon-Notfall. Seitdem habe ich nie mehr Strumpfhosen vor einem Termin zerrissen, auch nicht vor dem königlichen Besuch von Máxima und Willem-Alexander am Uniklinikum. An dem Tag war es sowieso viel zu warm. Die Strümpfe dürfen bleiben. Dahinter türmen sich Berge von Pflastern - alles gut gemeinte Werbegeschenke aus der Apotheke. Wenn ich mir zu Hause in den Finger schneide, fällt mir immer ein, daß das nächste Pflaster in meiner Büroschublade liegt. An den mindestens fünf Büroscheren, die sich auf geheimnisvolle Weise in meiner Schublade zu vermehren pflegen, habe ich mich noch nie geschnitten. Was daran liegen mag, daß keine meiner gebunkerten Scheren ihren Namen verdient. Also: vier stumpfe Scheren fliegen raus. Eine, die auch nicht schneidet, reicht erst mal.

Der umgekehrte Fall gilt für teure Stifte, die vermehren sich nämlich nie, ganz im Gegenteil. Die tollen Parkers und Lamys verschwinden meist nach kurzer Zeit allesamt an einem mysteriösen Ort. Die billigen Werbestifte hingegen, die klecksen und ohne Ankündigung den Dienst versagen, bleiben auf alle Zeiten erhalten - deshalb haben sie heute den Mülleimer so richtig verdient.

Ansonsten befindet sich in der Sparte „Werbegeschenke“ in meinem Schreibtisch ein Nähmäppchen mit der Aufschrift „Polizei, dein Freund und Helfer.“ Es könnte mir eines Tages bei einem abgesprungenen Knopf an entscheidender Stelle viel Peinlichkeit ersparen. Nähmäppchen, du bleibst.

Früher bunkerte ich gerne seltsame Briefe in meinem Schreibtisch, zum Beispiel das empörte Schreiben eines italienischen Bauunternehmers, der sich beklagte, dass ich seinen Titel „Cavaliere“ unterschlagen hätte, den ihm Berlusconi höchstpersönlich verliehen hat. Ich bringe es nicht fertig, dieses einzigartige Dokument  wegzuwerfen.

Seit der Autausch fast nur noch über E-Mails erfolgt, hat die Anzahl der Briefe deutlich abgenommen. Ersetzt wurden sie in meinem Schreibtisch nun durch Berge von Bankbelegen. Fragt der Bankautomat: „Wollen Sie einen Beleg Ihrer Überweisung?“, drücke ich natürlich immer „Ja“. Also türmen sich zwischen einem vergilbten „UKS-Report“ und dem „Saarpfalz-Jahrbuch 2014“ (beide „tschüss“) Belege über bezahlte Rechnungen, darunter 199 Euro für jemanden der „Grevi“ heißt. Grevi? Ogottogott, das war ein aufwändiger Hut mit Samtblumen verziert, das Herbstmodell eines florentinischen Hutmachers, nie getragen, völlig sinnlos. Ein überteuerter Frustkauf per Internet. Bin ich bescheuert? Verdiene ich zuviel? Ein Eindruck, der sich bei weiterer Wühlarbeit zu verfestigen scheint. Rechnungen für Parfümerie-Artikel, in der Mittagspause gekauft und in der Schublade vergessen. Dazwischen die Handzettel aus Homburgs Schnellimbissen: Feuerpizza, Hähnchenfleisch-Döner, Ente Chop Suey. Weg, weg, weg­!

Kopfweh-Tabletten, Hustenbonbons und Pfefferminzöl dürfen bleiben. Dokumente meiner bedauerlichen Verschwendung und ungesunden Ernährung werden ausnahmslos vernichtet. Das tut gut! Im neuen Jahr wird alles anders.

Bin schon gespannt, wie die schönen Sommerhüte bei Grevi aussehen. Und was so dazu passt.