Was das Weiterbildungszentrum für Hausärzte in Homburg leistet

Kostenpflichtiger Inhalt: Hausärzteausbildung soll besser werden : Zentrum soll Hausärztemangel bekämpfen

Das „Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Saarland“ am Homburger Campus hat vergangene Woche seine Feuertaufe erlebt. Hier werden Hausärzte unter anderem mit dem Ziel geschult, eine eigene Praxis zu eröffnen. Doch bis ausreichend Nachwuchs motiviert ist, dauert es.

Im Saarland droht bis 2023 ein Mangel auch an niedergelassenen Hausärzten. Dann gehen viele aus der Baby-Boomer-Generation mit knapp über 60 in Rente, schätzt Dr. Stefan Sachtleben, selbst niedergelassener Allgemeinmediziner in Pirmasens. Damit es dann nicht zu Versorgungsengpässen gerade in ländlichen Gebieten komme, steuert der Gesetzgeber seit Kurzem gegen. Im Saarland ist etwa eine Landarztquote geplant (wir berichteten überregional). Außerdem wurden sogenannte Bereitschaftsdienstpraxen geschaffen, die Vergütung verbessert, Bürokratie verringert, auf Abrechnungsfehler werde man hingewiesen und nicht mehr sofort kommentarlos in Regress genommen, zählt Sachtleben auf.

Eine weitere Maßnahme hat mit Sachtleben selbst zu tun. Es wurden bundesweit spezielle Zentren zur Förderung der Ausbildung zum Hausarzt ins Leben gerufen. Das „Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin Saarland“ (KWS) ist hierbei auf dem Campus des  Uniklinikums am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin angesiedelt. Sachtleben hat es seit Oktober 2017 inhaltlich aufgebaut, die umfangreichen Anträge gestellt, und steht ihm heute neben seiner Tätigkeit als Dozent am Lehrstuhl für Allgemeinmedizin des Uniklinikums beratend zur Seite, organisiert Seminare inhaltlich. Das Ziel des Zentrums: Dem Schwund gerade auf dem Land entgegenwirken, Allgemeinmediziner zum Eröffnen einer Hausarztpraxis motivieren. Ein weiteres Ziel ist, die wissenschaftlichen Standards der Allgemeinmedizin, die in den letzten 30 Jahren erarbeitet wurden, in die Ausbildung einzubringen. Früher gab es keinen einheitlichen Wissenstand und die Ausbildung bestand aus Learning-by-Doing in verschiedenen Krankenhausstationen, verbunden mit selbstständigem Theorie-Pauken in der Freizeit.

Gerade hat am Zentrum sozusagen die Feuertaufe stattgefunden, sprich: der allererste von vier jährlich geplanten Seminartagen mit je vier Veranstaltungen zur Weiterbildung von angehenden Allgemeinärzten. 15 Personen habe man gezählt. Klingt nach wenig im Vergleich zu den 68 derzeit registrierten künftigen Hausärzten, die man erreichen und sie auf deren Facharztprüfung vorbereiten will. Zu tun ist in der Tat noch einiges. Und generell seien auch 68 noch viel zu wenig. Sachtleben: „Wir bräuchten mindestens 100 pro Jahr um die Nachbesetzung aller Hausarztsitze zu gewährleisten.“

Und doch zeigen er und Melanie Caspar sich ob es Auftakts zufrieden. Caspar ist seit 21. Januar 2019 die Leiterin des Zentrums, für den organisatorischen Part zuständig. Die deutlich überwiegenden Jungmedizinerinnen (das Verhältnis ist etwa 80 zu 20) seien sehr engagiert und sehr dankbar gewesen, auch für die Vernetzung mit anderen  Ärzten, hätten den Praxisbezug gelobt. Tenor insgesamt: „Endlich gibt es so etwas wie dieses Zentrum“.

Den Ärzten in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner  bietet das KWS nicht nur Unterricht zu medizinischen Themen an, sondern auch Hilfen zur Praxisführung etwa zu Betriebswirtschaft, Personalführung oder Umgang mit dem Internet. Junge Hausärzte sind auch Jungunternehmer, eine Aufgabe, auf die sie das Studium nicht vorbereite. Deswegen gebe es am KWS Schulungen zum  Betrieb einer Praxis, es zeige Wege der rechtssicheren Dokumentation auf, erkläre zum Beispiel, wem das Begehungsrecht Tür und Tor in der Praxis öffne und was dann von den Praxisinhabern zu Recht erwartet werden dürfe. Vermittelt wird ein etwa 40 seitiger Wissenskorpus, der sich in den letzten 30 Jahren als kompetenzorientiertes Curriculum der deutschen Allgemeinmedizin herausgebildet habe.

Eröffne man eine eigene Praxis, müsse man sich selbst sozialversichern, dafür deutlich mehr verdienen als ein angestellter Hausarzt, daher auch wesentlich mehr arbeiten, die Buchhaltung selbst stemmen, müsse durch komplizierte, zehntausende Seiten umfassende Gebührenordnungen  wie EBM, HZV, Privat, Polizei, Bundeswehr steigen. Auch das nötige Kapital zu stemmen, Sachtleben schätzt es auf mindestens 150 000 Euro, sei eine Herausforderung.

Auch müssten (niedergelassene) Allgemeinmediziner im Vergleich zu ihren Facharzt-Pendants im Umgang mit Patienten einige Besonderheiten beachten. „Die große Breite des allgemeinmedizinischen Feldes macht Hausärzte zu Hochverordnern, die dennoch ständig mit den immer umfangreicher werdenden Medikamentenlisten ihrer Patienten kämpfen und versuchen müssen, ein vertretbares Maß an Arzneimittelmengen durchzusetzen. Dies erfordert breites pharmakologisches Wissen“, schildert Sachtleben. Außerdem müsse man die Patienten dazu bringen, das zu tun, was der Arzt empfiehlt und eben nicht „der Arzt empfiehlt das eine, Patient macht das andere“. Im Krankenhaus habe man das so nicht, da könne man eine Therapie anordnen. Natürlich muss ein Hausarzt auch seine Grenze kennen, ab wann man jemanden besser zum Facharzt überweise. Gesprächsführung  und verständliche Ausdrucksweise sei bei alledem besonders wichtig.

Nicht nur die angehenden Allgemeinmediziner werden am KWS auf freiwilliger Basis und berufsbegleitend fit gemacht für die Facharzt-Abschlussprüfung. Auch ihre Chefs, also Inhaber von Hausarztpraxen, die  ärztlichen Nachwuchs ausbilden, können sich für diese Rolle schulen lassen. Für alle Seminare hat das KWS praktizierende Hausärzte gefunden. „Das dient dem Praxisbezug“, sagt Caspar. Auch Mentoren bildet man fort, also Mediziner, die den Hausarzt-„Azubis“ als Ansprechpartner zur Verfügung stehen  und mit denen sie über Probleme sprechen können. An vier Mittwochnachmittagen pro Jahr spielen sich diese individuellen Treffen ab.

Melanie Caspar und Dr. Stefan Sachtleben vom KWS. Foto: Eric Kolling

www.uks.eu/kws

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