War der Pathologe in Suchttherapie?

Kostenpflichtiger Inhalt: Mögliche Fehldiagnosen : War der Pathologe in Suchttherapie?

Nach Vorwürfen von Fehldiagnosen und unnötigen Operationen werden alle Mediziner im Saarland informiert.

Im Fall des 60-jährigen Pathologen aus dem Saarpfalz-Kreis, gegen den die Aufsichtsbehörde ein vorläufiges Berufsverbot erteilt hat, wurden neue Details bekannt: Das Gesundheitsministerium bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, dass nach dort vorliegenden Informationen Dr. H. an einem „Interventionsprogramm der Ärztekammer des Saarlandes zur Betreuung von suchtkranken Ärzten“ teilgenommen haben soll. Die Kammer sei jetzt schriftlich aufgefordert worden, unter anderem zu berichten, ob und wann die Approbationsbehörde darüber informiert wurde und ob der betroffene Pathologe ihm möglicherweise erteilte Auflagen erfüllt habe. Die Ärztekammer lehnte dazu am Montag auf Nachfragen Detail­auskünfte ab.

Die Praxis des niedergelassenen Mediziners, dem eine Chefärztin des Klinikums Saarbrücken serienweise Fehldiagnosen vorwirft, bleibt wohl bis auf weiteres dicht. Dr. Gunter Hauptmann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) des Saarlandes, sagte gegenüber unserer Zeitung, das von der Approbationsbehörde angeordnete vorläufige Berufsverbot für den Arzt treffe auch dessen angestellten Assistenzarzt. In dieser Praxis dürften deshalb keine Gewebeproben mehr von Kassenpatienten untersucht und befundet werden. Zuletzt hatte der Mediziner in einem Quartal über 8000 Untersuchungen abgerechnet. Das Gewebematerial hatten in der Regel niedergelassene Fachärzte oder Hausärzte eingeschickt.

Die KV wird jetzt „per Eilfax“ kurzfristig alle Kassenärzte über das verhängte Berufsverbot informieren, um sicher zu stellen, dass alle Mediziner, die den Arzt mit der Begutachtung von Gewebematerial beauftragten, auf dem aktuellen Stand sind und gegebenenfalls auf betroffene Patienten zugehen können. Die Krankenhausaufsicht beim Gesundheitsministerium werde die Krankenhäuser im Land und in angrenzenden Regionen anschreiben, teilte Hauptmann mit.

Der Vorwurf von Fehldiagnosen, die in über 20 Fällen zu angeblich nicht notwendigen Operationen führten, hat derweil im zuständigen Ministerium, bei der Aufsichtsbehörde sowie bei KV und Ärztekammer des Saarlandes für Krisenstimmung gesorgt. Martin Partzsch, Justitiar der Ärztekammer und deren Geschäftsführer Michael Hoffmann teilten mit, dass auch die benachbarten Ärztekammern und die Schweizer Behörden informiert werden. Der beschuldigte Pathologe, so heißt es, war auch bei den Eidgenossen für ein Institut aktiv. Sämtliche Privatärzte im Saarland werden, so die Kammerspitze, über die Vorgänge schriftlich unterrichtet, damit sie möglicherweise betroffene Patienten ansprechen können. Partzsch versichert: „Es wird alles gemacht, um die Patientensicherheit wieder herzustellen.“

Derweil wartet auf die Kriminalisten und dem ermittelnden Oberstaatsanwalt, die am Freitagnachmittag auf richterliche Anordnung Praxis und Wohnungen des Mediziners durchsuchten, ein Mammutverfahren. Mehr als 100 Umzugskartons mit beschlagnahmten Gewebeproben und Akten wurden mit zwei Lkw abtransportiert. Sichergestellt wurden offenbar sämtlich Patientenunterlagen der zurückliegenden Jahre. Die Auswertung wird wohl Monate dauern. Es ist davon auszugehen, dass die Staatsanwaltschaft, die wegen fahrlässiger Körperverletzung in bislang 26 Fällen ermittelt, einen Gutachter mit der Überprüfung der Diagnosen beauftragen wird.

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