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Wahrheit erscheint nur scheibchenweise

Wahrheit erscheint nur scheibchenweise

Anlässlich des Projektes „Wie kam es zur Synagogenruine?“ befragten bereits vor über 25 Jahren Schülerinnen und Schüler des Saarpfalz-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Gerd Imbsweiler Zeitzeugen über die Verwüstungen im Textilgeschäft A. Salmons und über die Zerstörungen in der Synagoge. Inzwischen pensioniert, hat Lehrer Gerd Imbsweiler nicht mit seinen Recherchen nachgelassen. Hier informiert er über den Stand seiner Archiv-Forschungen zum Thema Reichspogromnacht.

Über die Zerstörung des Stoffgeschäfts von A. Salmons ist viel berichtet worden, es existiert sogar ein Foto. Über die weiteren Vorkommnisse, nämlich die Demolierung der Wohnung Alexander Hirschs in der Deutsch Gass Nr. 27 und über die Schändung des Judenfriedhofs ist bisher so gut wie nichts bekannt.

Tatsache ist, dass sie von Sturmführer F. am Morgen des 10. November 1938 befohlen worden waren. Recherchen im Landesarchiv Saarbrücken, im Stadtarchiv Homburg und Informationen von Zeitzeugen förderten dabei Neues und Überraschendes zutage: Bei der Auswertung der Gerichtsakten im Landesarchiv stößt man auf eine Fülle von erstaunlichen Aussagen, die im Detail der Auswertung harren. Kommen wir noch einmal auf die des Zeugen und Täters A.K. am 2. September 1948 vor dem Untersuchungsrichter des Landgerichts Saarbrücken zurück.

Er war, wie berichtet, am Morgen des 10. November 1938 mit vier oder fünf SS-Kameraden zum Anwesen Alexander Hirschs (und Seligmanns) gezogen. A. K. war dabei die Aufgabe zugewiesen, "unten an der Tür stehen zu bleiben und aufzupassen, dass niemand hinein- und hinausgeht".

Er durfte dabei, und das ist das Bezeichnende für die Einstellung des Gerichts, unwidersprochen Behauptungen verbreiten, wie etwa: "die Eindringlinge sind ohne Zerstörungswerkzeuge gewesen" oder "was sie gemacht haben, weiß ich nicht" oder "weder Hirsch noch Seligmann sind festgenommen worden". Die zwei ersten Behauptungen widersprechen dem gesunden Menschenverstand. Wenn Paul Hirsch von der "Vernichtung der Sieben-Zimmer-Wohnung" spricht, entstand, wie wir es bereits aus der Zerstörungsorgie in Salmons Geschäft von Augenzeugen wissen, auch in der Wohnung ein Höllenlärm, der über der Straße zu hören war. Das soll A.K. nicht mitgekriegt haben?

Auch die Behauptung der Nichtfestnahme Hirschs (und Seligmanns) ist unglaubhaft, steht sie doch im Widerspruch zu der Tatsache, dass Karl Salmon, Eugen Oppermann und Paul Hirsch noch am besagten Tag nach Dachau deportiert wurden - und das im Beisein von Zuschauern.

Zudem war diese Festnahme und Deportation eine reichsweit befohlene Aktion, infolge derer an diesem Tag im übrigen Deutschland mehr als 30 000 Juden in die Konzentrationslager kamen. In Homburg soll es anders gewesen sein?

Übrigens: So genau wir aus dem Brief des Sohnes Paul die Örtlichkeit des Anwesens Hirsch kennen, so wenig ist uns die des Anwesens Seligmann bekannt. Vielleicht weiß ein Leser mehr?

Wie ging es weiter?

Hier das ehemalige Wohnhaus der Hirschs in der Deutsch Gass. Die Sieben-Zimmer-Wohnung ist demoliert worden. Foto: SZ/Imbsweiler Foto: SZ/Imbsweiler
Erst schlugen Homburger Nazis das Geschäft von Salmons kurz und klein, dann richteten sie ihre Zerstörungswut auf die Wohnungen der jüdischen Mitbürger. Foto: SZ/Adolf-Bender-Zentrum Foto: SZ/Adolf-Bender-Zentrum

Mancher Anrufer fragte mich, wie es mit den Salmons weiterging: Das Geschäft wurde nicht mehr eröffnet, für die Familie gab es keine Bleibe mehr. Nach Karls Rückkehr im Januar 1939 bemühten sich Salmons um Ausreise in die USA. Zunächst legten sie in Frankreich einen Zwischenaufenthalt ein, dort wurde die Familie in wechselnden Lagern interniert, die Großmutter verstarb am 4. Dezember 1940 im berüchtigten Lager Gurs (Vorpyrenäen), die Schwester Karls kam 1942 in Auschwitz um.

Der Restfamilie gelang mit finanzieller Unterstützung durch die Verwandtschaft die Überfahrt nach New York, wo sich Karl und Alice mit dem Einleben - Karl arbeitete in einer Großmetzgerei - sehr schwer taten, weniger Mathel und Fred, die möglicherweise noch leben.

Von Hans Leyser hörte ich in den 80er Jahren zum ersten Mal die Äußerung, ein SS-Trupp sei im Morgengrauen zum Judenfriedhof geeilt, um Grabmäler umzuwerfen. Da ich diese Behauptung jahrelang nirgendwo und von niemandem bestätigt fand, machte ich davon keinen Gebrauch. Am 31. August 2005 berichtete mir die Limbacherin Änne Delarber-Hirsch, die 1938 im Textilgeschäft der Geschwister Weber, Zweibrücker Straße 2, ihre Lehre absolvierte, Kunden hätten im Geschäft erzählt, dass SS-Männer (neben dem Eindringen ins Alexander-Hirsch-Haus) auch den jüdischen Friedhof mit ihrem "Besuch beehrt" hätten.

Voriges Jahr lief mir sozusagen eine amtliche Bestätigung über den Weg: In anderer Angelegenheit stöberte ich im Stadtarchiv: "Homburg . Erstes buntes Monatsmagazin der Kreis- und Universitätsstadt".

In der Novemberausgabe 1981 fand ich unter der Überschrift "Ein Tag in der Homburger Geschichte" (gemeint war der 10. November 1938) folgende Notiz: "Ungefähr gleichzeitig richteten blödsinnige Wichtigtuer auf dem Judenfriedhof Schäden an, die die Stadtverwaltung sofort beheben ließ." Autor war Rechtsanwalt Walter Ruppenthal. Er musste es wissen, war er doch seinerzeit erster Beigeordneter Homburgs. Damit nicht genug: Auch ein Homburger Bürger, Jahrgang 1924, mit dem ich mich kürzlich auf seinen Telefonanruf hin über die Pogromnacht unterhielt, bestätigte ebenfalls, dass mehrere Grabsteine umgeworfen worden seien. Leysers Aussage war damit mehrfach bestätigt.