Corona und Unterricht : Warum machen wir denn nicht einfach ein Aufholjahr?

Die ganz persönlichen Gedanken einer Journalistin und Mutter zweier Schulkinder zur derzeit verzwickten Schulsituation in der Corona-Pandemie.

Es gibt Schülerinnen und Schüler, die waren seit Mitte Dezember und bis kurz nach den Osterferien genau eine Woche und einen Tag wieder zum Unterricht in ihren Klassenzimmern. Und das sind gar nicht mal so wenige, denn es betrifft etwa die Mittelstufe. Man merkt die langen Wochen zu Hause zuerst mal daran, dass die Jeans  nicht mehr passen. Die Teenies sind rausgewachsen in den Homeschooling-Wochen in der Jogginghose. Es hat zwar an vielen Schulen in Lockdown zwei etwas besser funktioniert mit dem Lernen von zu Hause aus vor dem Rechner, am Smartphone, doch das ist eigentlich keine so große Kunst, denn im vergangenen Frühjahr war es in sehr vielen Fällen schlicht katastrophal – Ausnahmen mögen hier die Regel bestätigen.

Es ist in diesen Zeiten immer wieder etwas auf der Strecke geblieben, in eigentlich allen Stufen, denn auch andere haben ihre Klassenzimmer nur selten gesehen: Es fehlt in Mathe hier, in Deutsch da, in Englisch dort und bei jedem irgendwie an anderer Stelle. Denn: Man sollte sich nichts vormachen, auch in den aktuellen langen Schul-Lockdownmonaten lief vieles  nicht gut, es ist jede Menge auf der Strecke geblieben in den Sitzungen bei abgeschaltetem Mikro vor dem schwarzen Computerbildschirm, aus dem dann die Stimme des Lehrers tönte, bei fast komplett ausgeschalteten Kameras der Klasse. Dies einerseits, weil keiner mit Frisch-Aus- dem-Bett-Gefallen-Frisur gesehen werden will, andererseits weil sonst das System bockt.  In manchen Fächern gab’s bei endlos abzuschreibenden Blättern sogar auch nur Chats mit dem Lehrer, in dem man Fragen stellen konnte.  Nur was, wenn man ja nur Lehrstoff ins Heft kopiert? Und seit dem Wechselunterricht ist manches sogar noch komplizierter. Welcher Gruppe hat die Lehrkraft denn nun den Stoff erklärt, wer saß allein zu Hause vor dem Aufgabenblatt? Nein, es gibt immer noch nicht in allen Schulen W-Lan, das es möglich macht, den anderen Teil dazuzuschalten.

Es soll nicht um die Schuldfrage gehen. Lehrer sind auch meist nicht glücklich mit der Situation – und ja, es gibt diejenigen, die sich wirklich bemühen.  Das digitale Lernen eröffnet  durchaus Wege, wie etwas vermittelt, etwas abgefragt werden  kann. Nur sind die komplett anders als gewohnt  – und sie funktionieren nicht in jedem Fach.  Den  echten Unterricht können sie nicht ersetzen.

Und: Schüler haben schon seit Menschengedenken Wege gefunden, sich dem Unterricht zu entziehen, mal wegzuschalten. Das geht auch im Klassenzimmer, klar, aber online funktioniert es noch viel besser. Und wer kann schon unterscheiden, ob das System nun wirklich ausfällt, was es ja definitiv immer wieder tat und tut, oder ob Schülerin X oder Schüler Y gerade mal auf dem Handy ein paar Filmchen anschauen, Fußballnews lesen oder sich wahlweise die Fingernägel machen? Für Homeoffice-Eltern, die selbst in Zoomkonferenzen sitzen oder mehrere Kinder zu beschulen haben, ist die absolute Kontrolle nicht realistisch.

Es war  mittlerweile seit einem Jahr nicht mehr wirklich Schule: Erst kam der Lockdown, dann Mikro-Unterrichtstage, dann der Unterricht nach den Sommerferien, der auch nicht normal war: Entweder war eine Klasse in Quarantäne oder die Lehrer waren’s. Oder man verbrachte die Zeit am Waschbecken, mit Lüften oder dem langen Einbahnstraßen-Rundweg durchs Schulhaus, wenn man mal aufs Klo musste. Hunderte Stunden sind so nie gehalten worden. Dann kam der nächste Cut im Dezember. Und als es dann vorsichtig wieder losging, gab es auch wieder neue Unterrichtzeitfresser. Zum (notwendigen) Test erst mal in Schulhof oder Turnhalle laufen, sich das Stäbchen in Nase oder Rachen stecken lassen,  etwa 15 Minuten aufs Ergebnis warten, wieder zurückschlendern, Hände desinfizieren – Waschbecken gibt es bis heute nicht in jedem Klassenzimmer: So geht ein großer Teil von 45 Minuten auch rum. Und wer weiß schon, ob nicht doch bald der nächste Lockdown oder die nächste Quarantäne kommt.

Dass Lücken da sind, bestreitet keiner. Und das gravierend bei denen, die ohnehin schon benachteiligt sind und waren, aber auch die anderen, die einigermaßen bei der Stange geblieben sind, müssen vor allem das konzentrierte Lernen wieder lernen über viele Stunden am Stück und in Gemeinschaft. Wie man die Löcher nun füllen kann, diese Frage trifft auf eine erstaunliche Gleichgültigkeit. Der Aufschrei bleibt irgendwie aus. Aus Erschöpfung? Der Angst, dass es anderen nicht auch so geht? Weil man niemandem auf die Füße treten will? Weil  anderer Eltern Kinder Lockdown-Überflieger sind (es sei ihnen gegönnt)?

Dabei muss dies für eine Gesellschaft eine zentrale Frage sein. Schließlich will man am Ende möglichst wenige Schulabbrecher, vielmehr möglichst gut ausgebildete Menschen, die dann wiederum das Land nach vorne bringen – und die ganzen Schulden zurückzahlen, die wir gerade coronabedingt machen.

Ja, es gibt Vorschläge, da ist grundlegend Gutes dabei, doch kaum irgendetwas scheint zu berücksichtigen, wie tief geschürft werden müsste.

Nachholen in den Ferien und an Samstagen gehört zu den Ansätzen. Nur: Wie will man da die erreichen, die jetzt schon nicht kommen? Schwer vorstellbar, dass die motiviert  in den freien Wochen freiwillig im Schulzimmer Brüche üben, während draußen die Sonne scheint und vielleicht ein bisschen mehr Freiheit herrscht. Nachhilfe am Nachmittag. Denkbar ja, nur: In den weiterführenden Schulen reicht der normale Unterricht oft schon bis  in die Nachmittagsstunden. Wie  will man da neben den Hausaufgaben auch nach das Einbimsen des  verpassten Stoffs reinpacken?

Not-Brücken werden nicht helfen, will man Chancengleichheit schaffen. Es muss Extra-Zeit her. Und die Kurzschuljahre aus früheren Zeiten sollten man auch nicht unbedingt bemühen. Das Schulsystem wird oft als veraltet gescholten, seitdem hat es sich dann aber glücklicherweise  doch etwas weiterentwickelt. Das  passt also nicht zu einer modernen Lernlandschaft, die wir ja letztlich wollen.

Die Idee eines Aufholjahrs gibt es schon. Warum auch nicht? Oder lasst es zumindest ein Aufhol-Halbjahr sein.  Die Probleme verschiebt man dann eben gerade nicht in die Zukunft, sondern beginnt damit, sie jetzt zu lösen. Nicht einfach zu organisieren? Zu teuer? Zu wenig Personal? Das gilt für vieles in dieser Pandemie. An die Arbeit!

Mit mehr Schuljahren bliebe den Jugendlichen vielleicht auch ein bisschen Zeit, die so viel beschworene ausgebremste soziale Entwicklung nachzuholen. Und in den Schulgremien könnte man sich Gedanken machen, wie man das System und den Stoff neu gestalten kann. Dann wäre nicht nur den jetzigen Schülerinnen und Schülern geholfen, sondern auch den künftigen.