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„Sterben ist das letzte große Tabu“

Buch des Palliativmediziners Sven Gottschling : „Sterben ist das letzte große Tabu“

Wenn ein Buch auf Anhieb in den Bestsellerlisten auftaucht, dann ist es lustig, spannend, enthüllend, preisgekrönt oder literarisch gerade der neueste Schrei. Ganz sicher ist es kein Buch übers Sterben. Denkt man. So ist es aber nicht. Mit ihrem Buch „Leben bis zuletzt“ haben der Palliativmediziner Professor Sven Gottschling, der am Uniklinikum in Homburg tätig ist, und Lars Amend schon zwei Wochen nach dem Erscheinen sämtliche lustigen, spannenden oder enthüllenden Bücher auf der Bestsellerliste überholt. „Leben bis zuletzt“ gehört derzeit zu den am meisten verkauften Taschenbüchern der Republik. Wie kommt das? SZ-Redakteurin Christine Maack sprach mit Sven Gottschling, Leitender Arzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie.

Haben Sie mit dieser Resonanz auf Ihr Buch gerechnet? Warum ist das Interesse so groß?

Gottschling: Das Sterben ist das letzte große Tabu in unserer Gesellschaft. Und es betrifft uns alle. Es sind auf der Erde rund 200 Milliarden Menschen schon vor uns gestorben, keiner hat überlebt. Das klingt zwar banal, aber bei diesem Thema schwingt immer so eine Grundangst mit. Die Menschen möchten sich über dieses Thema mehr informieren, insofern überrascht mich das Interesse an dem Buch nicht.

Warum ist das Sterben ein solches Tabuthema?

Gottschling: Weil der Tod aus unserem Alltag ausgeblendet ist. Früher wurde in den Familien gestorben, da war der Tod allgegenwärtig. Die Kinder tollten herum und liefen auch durch das Zimmer, in dem der Opa auf dem Sterbebett lag, das war kein Tabu, sondern das Sterben gehörte zum Leben. Heute will keiner hinschauen. Und das hat fatale Folgen, denn man macht sich auch von medizinischer Seite zu wenig Gedanken darüber, was alles noch möglich ist, um die Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens bestmöglich zu versorgen.

Wie begegnen Sie und ihre Kollegen in der Abteilung für Palliativmedizin dem Tod?

Gottschling: Bei uns in der Abteilung rennt niemand weg, bei uns hört man auch niemals den Spruch "wir können nichts mehr für Sie tun". Ganz im Gegenteil, da fängt unsere Arbeit erst an. Wir sind Spezialisten für Lebensqualität, wir wollen weg von der Fixierung auf die Krankheit und hin zu der Frage: Was ist noch an schönen Momenten möglich? Wie können wir diese Momente dem Patienten ermöglichen?

Wie lässt sich das realisieren?

Gottschling: Man kann Schmerzen, Luftnot, Erbrechen medikamentös lindern, man kann den Menschen die Angst vor einem qualvollen Sterben nehmen. Die meisten Menschen haben mehr Angst vor dem Sterben als vor dem Tod.

Wieviel Tod verträgt ein Palliativ-Team?

Gottschling: Wir sind rund 40 Köpfe im Team, wir sind eine gute Mannschaft, wir haben Humor und helfen uns gegenseitig. Seit 2010 haben wir am Uniklinikum in Homburg über 1200 Palliativpatienten stationär versorgt. Natürlich muss man für diese Arbeit besonders geschult sein. Wir sind nicht in den üblichen hektischen Klinikbetrieb eingebunden, weil wir anders arbeiten, zum Beispiel auch mit Therapiehunden. Seit Oktober haben wir am Uniklinikum die erste abteilungsübergreifende Palliativstation in Europa mit zehn Betten.

Welche Leser wünschen Sie sich besonders für Ihr Buch?

Gottschling: Ursprünglich war es mein Anliegen, Angehörige und medizinische Laien aufzuklären, was alles in der Palliativmedizin möglich ist. Aber ich habe inzwischen auch ganz viele positive Reaktionen von Ärzte-Kollegen bekommen, gerade auch von Hausärzten. Denn gerade Hausärzte haben ja noch den unmittelbaren Kontakt zu den sterbenden Patienten und stehen der Situation oft hilflos gegenüber.

Sven Gottschling, Lars Amend, "Leben bis zuletzt", Fischer Verlag, 16.99 Euro. ISBN: 978-3596034208