Homburg : Raum für den Abschied vom Sternenkind

Wer ein Kind verliert, bevor es richtig gelebt hat, der muss trauern dürfen. Um dieser Trauer einen würdigen Rahmen zu geben, wurde am Uniklinikum ein neuer Abschiedsraum eingerichtet.

„Wie es um das Leben in einer Gesellschaft bestellt ist, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Umgang mit den Toten.“ Diesen Satz hört und liest man immer wieder. Nimmt man ihn zum Grundsatz, dann ist das Engagement der Selbsthilfe-Gruppe „Sternenkinder Homburg“ da ein echter Leuchtturm, denn: Hier sorgen seit Jahren betroffene Mütter und Väter dafür, dass zu früh verstorbene Kinder nicht im Dickicht von Gesetzen und Friedhofsordnungen verschwinden, sondern in Würde Frieden und einen Platz im Angedenken finden. Für das so wichtige und bewusste Abschiednehmen gibt es nun am Homburger Universitätsklinikum einen neuen und würdigen Ort im Zentrum für Pathologie und Rechtsmedizin (wir berichteten). Am Dienstagmorgen stellten Andrea Heisler, Silke Eisler und Birgit Bimperling von der Selbsthilfegruppe zusammen mit Professor Rainer Bohle, dem Sprecher des Zentrums, der Homburger Künstlerin Julia Johannsen – sie hat ein Kunstwerk gestiftet – sowie Gudrun Fahrner-Pippart und Uschi König von der evangelischen und katholischen Klinikseelsorge diesen wirklich gelungenen Raum vor.

Der ist nun für betroffene Eltern der angemessene Platz, um sich von ihren Kleinen zu verabschieden – und auch, um in Gesprächen wichtige Trauerarbeit zu leisten. Dies alles steht dabei durchaus in Opposition zur Rechtslage, denn: Der Begriff „Sternenkind“ beschreibt Kinder, die aufgrund ihres Gewichts nicht den üblichen Rechtsvorgaben für das Bestattungswesen unterliegen. Stattdessen regeln Gewichtsvorgaben, ob und wie ein während der Schwangerschaft und unmittelbar bei der Geburt verstorbenes Kind bestattet werden kann und darf. Da treffen dann trauernde Eltern auf einen Paragrafen-Dschungel. Und das ist, man mag es als Nicht-Betroffener kaum erahnen, nicht das, was dann eigentlich in Zeiten der Trauer angemessen ist. Die Selbsthilfegruppe „Sternenkinder Homburg“ ist in dieser Situation das nötige Gegengewicht, hilft, steht bei und fängt auf.

Der neue Verabschiedungsraum, ergänzt durch einen Raum für Gespräche, ist dafür nun der auch baulich geeignete Ort – und steht im krassen Widerspruch zum lange Zeit genutzten Ort des Abschiednehmens, einem Funktionsraum in der nahe gelegenen Anatomie.

Für Birgit Bimperling bedeutet diese bauliche Veränderung in ihrer Arbeit – sie betreut als Mitarbeiterin des UKS die Sternenkinder und sorgt seit vielen Jahren dafür, dass die Kinder für einen Abschied entsprechend hergerichtet werden – in der Begleitung der Eltern im Trauerprozess einen ansprechenden Rahmen – und eine Institutionalisierung. Bimperling: „In der Anatomie war das ganz anders.“

Möglich gemacht hat das neue Verabschiedungsumfeld der Umstand, dass in jedem Pathologie-Neubau Räume für die Verabschiedung von Verstorbenen inzwischen Standard seien, wie Rainer Bohle erläuterte. Dies habe sich dann auch 2014/2015 in den Planungen für das neue Zentrum für Pathologie und Rechtsmedizin am UKS niedergeschlagen.

Verabschiedungsraum und Gesprächsraum seien dabei allgemein nutzbar, „hier können alle Angehörige, auch von erwachsenen Verstorbenen, Abschied nehmen.“ Dies schließe alle Glaubensrichtungen ein. Und nun eben auch die Arbeit der Selbsthilfe-Gruppe.

Der Raum selbst sei in seiner Gestaltung Ergebnis eines Architektur-Wettbewerbs. „Der Raum wirkt sehr beruhigend.“ Zusammen mit den nebengelegenen Gesprächszimmer habe alles zusammen einen Charakter bekommen, so Bohle, „der angemessen ist, in dem man Zeit haben kann“. Dazu trage auch ein Gemälde bei, das Julia Johannsen für das Gesprächszimmer gestiftet habe. Und tatsächlich verweben die beiden Räume Funktion und Würde sehr gelungen.

Andrea Heisler und Silke Eisler, beide haben vor Jahren ihre Kinder verloren, erinnerten an die im Gegensatz dazu wenig ansprechenden, räumlichen Bedingungen, wie sie früher bei der Verabschiedung in der Anatomie geherrscht hätten. „Das war alles in Ordnung und für mich nicht schlimm“, so Andrea Heisler, „aber das hier ist natürlich etwas ganz anderes, das ist ganz wundervoll.“