Neue Details: SPD will Untersuchung im Missbrauchs-Skandal am Uniklinikum Homburg ausweiten

Neuer Vergewaltigungsvorwurf : SPD will Untersuchung im Homburger Missbrauchs-Skandal ausweiten

Nach neuen Vorwürfen im Missbrauchs-Skandal am Uniklinikum prüft die SPD eine Ausweitung des Untersuchungsauftrags des Landtags-U-Ausschusses. Nach einem Bericht soll eine Sechsjährige an der HNO-Klinik unter Narkose vergewaltigt worden sein.

Nach Bekanntwerden neuer Vorwürfe im Missbrauchsskandal an der Homburger Uni-Klinik könnte der Untersuchungsauftrag des Landtags-Untersuchungsausschusses ausgeweitet werden. Der Obmann der SPD-Landtagsfraktion, Jürgen Renner, in dem Ausschuss behielt sich gestern einen solchen Schritt ausdrücklich vor. Der gestern bekannt gewordene Verdacht eines sexuellen Kindesmissbrauchs in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Homburg sei „schockierend“, sagte Renner. „Ich gehe davon aus, dass die zuständige Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen wird.“

Am morgen hatte bereits ein Bericht über Recherchen von Journalisten des ARD-Magazins „Monitor“ und der „Frankfurter Rundschau“ (FR) zu ersten politischen Reaktionen geführt. Danach werden nun neben der Kinder- und Jugendpsychiatrie auch der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik (HNO) in Homburg Missbrauch und massive Vertuschung vorgeworfen.

Nach den Recherchen, über die die FR in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, wurde 2012 dort der sexuelle Missbrauch eines sechsjährigen Mädchens in der HNO-Klinik festgestellt. Die Mutter des Kindes soll aber nicht informiert worden sein, um Schaden von der Institution abzuwenden, wie es heißt.

Den Angaben der Rundschau zufolge sollen bei dem Mädchen nach einer Operation im HNO-Klinikum Verletzungen festgestellt worden sein, die auf eine Vergewaltigung hindeuteten. Nachdem ein Arzt die Verletzungen nach der OP am Nasenrachenraum festgestellt hatte, rief er bei der Kinderschutzgruppe des Uniklinikums an, die bestätigte, dass die Verletzung „verdächtig auf einer äußere Gewalt“ sei.

Der damalige Direktor der HNO-Klinik soll zwei Jahre später seinen ärztlichen Mitarbeitern mitgeteilt haben, in seiner Abteilung sei ein sexueller Kindesmissbrauch geschehen. Wichtig sei aber, dass nichts nach außen dringen dürfe. Ansonsten würden „die Fallzahlen sinken“, zitiert die FR. Gleichzeitig berichtet das Blatt von Vorwürfen gegen denselben Direktor wegen sexueller Übergriffe gegen Mitarbeiterinnen, die von den Verantwortlichen der Klinik nicht verfolgt worden seien.

Sollten diese Darstellungen zutreffen, „verdichtet sich der Verdacht eines systematischen Verschweigens und Vertuschens im Umgang mit weiteren mutmaßlichen Missbrauchsfällen am Universitätsklinikum (Kinder- und Jugendpsychiatrie) in Homburg“, erklärte SPD-Obmann Renner.

Bislang beschäftigt nur der Fall des Assistenzarzt S., der in der kinderpsychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums trotz frühen Verdachts jahrelang möglicherweise Hunderte seiner jungen Patienten sexuell missbraucht haben soll, einen Untersuchungsausschuss des Landtages. Dieser tagt am Mittwoch. Die Eltern möglicherweise betroffener Kinder waren über Jahre nicht über den Verdacht informiert worden.

Spätestens im Jahr 2015 war das saarländische Justizministerium über die Vorfälle aber informiert. „Brief- und E-Mailverkehr zwischen Universitätsklinikum, Staatsanwaltschaft und Landesregierung erwecken den Eindruck einer geradezu genauestens abgewogenen Verheimlichungsstrategie“, schreiben die Autoren der FR.

Der Chef der Linksfraktion im Saarland, Oskar Lafontaine, bezeichnete die neuen Vorwürfe am Dienstag als „beschämend“. „Offensichtlich wird an verschiedenen Ebenen immer noch gemauert, wenn es um Aufklärung geht“, erklärte er. In solchen Fällen müssten die Eltern auch von der Staatsanwaltschaft umgehend informiert werden. Der Erklärungsversuch, es hätte bis zum Tod des Beschuldigten keine konkrete Tat zum Nachteil eines Kindes individualisiert werden können, „löst nur noch Kopfschütteln aus“, so der Linke-Fraktionsschef.

Schließlich habe eine stichprobenartige Auswertung der Patientenakten ergeben, dass 95 Prozent der Untersuchungen im Genital- und Analbereich der Kinder medizinisch überhaupt nicht nötig waren. Und es gebe acht Kinder, bei denen nach Auswertung des damaligen Direktors der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Untersuchungen des Assistenzarztes besonders häufig oder mit zu vermutenden sexuellen Motiven begleitet gewesen sind.

Er frage sich, ob es möglich sein kann, dass die Landesregierung in all den Jahren nichts mitbekommen hat von den Vorgängen. Man könne einfach nicht glauben, dass die Regierung in einem Land, in dem sprichwörtlich jeder jeden kennt, keine Hinweise bekommen haben soll, sagte Lafontaine. Fest stehe auf jeden Fall, dass die ehemalige Ministerpräsidentin und Wissenschaftsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, in deren Zuständigkeitsbereich die Uniklinik fiel, „ihre Amtspflichten sträflich vernachlässigt hat.“