Mittelalterlicher Burgsommer in Kirkel

Burgsommer Kirkel : Ein bunter Vormittag wie im Mittelalter

Der Kirkeler Burgsommer ist jeden Sommer ausgebucht, für 2020 liegen bereits über 2000 Anmeldungen vor. Eine echte Erfolgsgeschichte.

„Bing, bing, bing“ schallt die Glocke, die Heike Scherer-Dahmen durchs Kirkeler Burgdorf schwenkt, um die Schülerinnen und Schüler aufmerksam zu machen: „Burgführung, Burgführung!“ Und schon kommen aus allen Werkstätten die Kinder gelaufen, um daran teilzunehmen. Es sieht fast ein bisschen so aus wie beim Rattenfänger von Hameln, denn vorneweg marschiert ein Mann mit einem wallenden, mittelalterlichen Umhang, dem die Kinder hinterherlaufen. Aber keine Bange, es ist Peter Steffen, seines Zeichens Vorsitzender des Förderkreises Kirkeler Burg und als solcher völlig harmlos.

Er passt auf, dass keinem Kind auf dem Weg über die steile Besucherbrücke etwas passiert und erklärt, wie man im Mittelalter auf der Burg so lebte. Seine Erklärungen sind für Kinder leicht verständlich, zumal man schon etwas Fantasie braucht, um aus dem nur noch spärlich vorhandenen Mauerwerk der Kirkeler Burg vor dem geistigen Auge ein Wohnschloss entstehen zu lassen.

Der Kirkeler Burgsommer für Schulen ist ein Erfolgsprojekt, das inzwischen so bekannt und beliebt ist, dass in diesem Jahr über 1000 Anfragen abgelehnt werden mussten, „obwohl wir schon über 5500 Schülerinnen und Schüler aufnehmen, mehr geht einfach nicht“, bedauert Heike Scherer-Dahmen vom Kulturamt der Gemeinde Kirkel. Derzeit kommen innerhalb der Woche täglich zwischen 170 und 180 Kinder, die sich von 9.30 bis 14 Uhr im mittelalterlichen Handwerk üben, Schwerter putzen oder mit Pfeil und Bogen schießen.

Die Vorlieben sind verschieden, Jungs polieren mit Hingabe an einem Schwert herum, bis es blitzblank glänzt, Mädchen filzen gerne bunte Wollbälle oder stellen Perlenbänder her. Was bei Jungen und Mädchen gleichermaßen gut ankommt, ist die Bäckerei, denn hier dürfen die Kinder unter Anleitung Teig kneten, der später zu Brötchen geformt und im Steinofen bei echtem Feuer gebacken wird.

Natürlich passiert das alles unter Anleitung, „wir arbeiten mit unseren Handwerkern schon seit vielen Jahren zusammen,“ erklärt Scherer-Dahmen, „die können alle sehr gut mit Kindern umgehen und freuen sich jedes Jahr auf den Burgsommer.“ Neu dabei ist dieses Jahr Benedikt Pohland aus Rohrbach, der erst Metallbau gelernt hat, aber jetzt in Richtung Kunstschmiede geht. Er hat nicht nur handwerklich, sondern auch gestalterisch einiges drauf und freut sich, sein Schmiede-Handwerk am offenen Feuer nun mit Kindern auszuüben. „Das ist für mich ein toller Ferienjob, die Kinder sind begeistert, ich erkläre ihnen alles, was sie wissen müssen.“ Kein Wunder, dass Benedikt sich da auskennt, er war zuvor bei den Pfadfindern. Jede Klasse bekommt am Ende ein Schwert als Geschenk mit nach Hause. Leider kann nicht jedes Kind ein Schwert bekommen, „das geht dann doch zu sehr ins Geld“, sagt Heike Scherer-Dahmen. Immerhin kommt das Schwert beim Abschied zum Einsatz, wenn ein Kind aus jeder Klasse zum Ritter geschlagen wird. Auch das ist natürlich eine sehr beliebte Zeremonie. Doch bis es soweit ist, kann der komplette Parcours durchlaufen werden: Steinbildhauerei, Webwerkstatt, Tundeln, Töpfern und vieles mehr.

In der Töpferei drehen sich die Kinder gerne Becher oder Kerzenständer, die sie ebenfalls mit nach Hause nehmen dürfen. Auch die Brötchen, die warm aus dem Ofen kommen, dürfen mitgenommen werden, ebenso die Kerzen aus der Kerzenzieherei, die Perlenarmbänder und der Filzball. Was macht man mit einem Filzball?

Die Kinder, die zu Hause eine Katze haben, sind um die Antwort nicht verlegen: „Den Ball kriegt unsere Minka“. „Auch unser Hund freut sich über so etwas“, ruft Anna aus der Nalbacher Grundschule, die heute zusammen mit Kindern aus der Homburger Sonnenfeld-Grundschule und der Saarbrücker Kirchberg-Grundschule in Kirkel beim Burgsommer zu Gast ist.

„Unser Hund ist ein Weibchen und scheinschwanger“, fügt sie ernst hinzu. Scheinschwanger, das bedeute, dass die Hündin so täte, als hätte sie Junge, das erklärt Anna ganz fachmännisch. Sie halte dann auch den neuen Filzball für einen Welpen. Heinz-Jürgen Schuff, der zusammen mit seiner Frau die Filzwerkstatt leitet, kann sich ein Lachen gerade noch verkneifen.

Ritter Michael ist für Kinder der Mann zum Anfassen. Er erzählt, wie beschwerlich es vor 700 Jahren wirklich zuging. Foto: Christine Maack
In der Filzwerkstatt werden bunte Wollbällchen geformt. Da Ehepaar Schuff zeigt den Kindern, wie es geht. Auch Künstlerisches wird angeboten. Foto: Christine Maack

Überhaupt ist das Mittelalter für die Kinder eher ein Abenteuer. Ali, der fleißig sein Schwert poliert hat, ärgert sich, dass sein Tee in der kleinen Thermosflasche kalt geworden ist: „Der Tee muss in die Mikrowelle zum Aufwärmen“, findet er. Als Heike Scherer-Dahmen ihn darauf hinweist: „So etwas gab es damals aber noch nicht“, wundert er sich: „Wirklich?“ Und die Kartoffelchips, die die Kinder gerne am Kiosk kaufen, gab es vor 700 Jahren auch nicht. Egal, man muss es mit der Geschichte ja nicht so ganz genau nehmen.

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