Missbrauchsverdacht an Saar-Uniklinik: Gesprächsbedarf nach neuen Vorwürfen

Ermittlungen ausgeweitet : Missbrauchsverdacht an Uniklinik: Gesprächsbedarf nach neuen Vorwürfen

Nach den neuen Verdachtsfällen um Missbrauch an der Uniklinik in Homburg wird ermittelt, befragt – und geschwiegen.

Kurzfristig mussten die Professoren und Direktoren im Vorstand des Universitätsklinikums des Saarlandes (UKS) in Homburg am Donnerstag ihre Termine umdisponieren. Am Vortag waren überraschend die Fahnder des Landespolizeipräsidiums und zwei Oberstaatsanwälte in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO) zur Durchsuchungsaktion aufgetaucht. Die Folge: Die Krankenhausaufsicht im Sozial- und die Dienstaufsicht im Wissenschaftsministerium, das der Staatskanzlei zugeordnet ist, hatten dringenden Gesprächsbedarf mit der UKS-Spitze und Professor Dr. Bernhard Schick, dem Chefarzt der HNO-Klinik.

Der Grund: Nach dem Stand der Dinge hatten weder Vorstand noch Klinikchef bislang ihre Aufsichtsbehörden über drei bekannt gewordene Vorfälle informiert, bei denen nach Mandel-Operationen an Kindern der Verdacht des sexuellen Missbrauchs im Raum steht (wir berichteten). Der erste Fall datiert aus dem Jahr 2012. Bei einem Mädchen fiel nach der OP plötzlich eine blutende Verletzung im Intimbereich auf. Das Verletzungsbild wurde dokumentiert, die Polizei aber nicht informiert. Den Eltern soll von der Klinik später sogar von einer Strafanzeige abgeraten worden sein. Nach jüngsten Berichten über diesen Vorfall, der erst vor wenigen Wochen im Umfeld der Vorfälle an der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) von der Mutter zur Anzeige gebracht wurde, meldete sich der Vater eines Jungen. Jener wurde 2014 operiert, hatte nach dem Eingriff angeblich auch Verletzungen im Intimbereich. Anlass für die Ermittler, genauer hinzuschauen. Bei der Durchsuchung wurde in einer Akte eine Notiz zu einem mutmaßlich dritten Fall aus dem Jahr 2014 entdeckt. Die Eltern dieses damals sieben Jahre alten Mädchens wurden nach SZ-Informationen noch am Mittwoch von den Ermittlern informiert. Die Staatsanwaltschaft lehnte dazu jede Auskunft ab.

Auch UKS-Vorstandschef Professor Dr. Wolfgang Reith gibt sich sehr wortkarg. Detaillierte Fragen unserer Redaktion bleiben unbeantwortet. Reith teilte kurz und bündig über seinen Pressesprecher mit: „Momentan gibt es Ermittlungen zu drei unklaren Sachverhalten nach HNO-OP bei Kindern in den zurückliegenden Jahren, einmal aus 2012 und zweimal aus 2014. Diese Fälle stehen in keinem Zusammenhang mit der KJP. Der Sachverhalt aus 2012 wurde aufgearbeitet und dokumentiert. Es gab in diesem Fall zum damaligen Zeitpunkt nach Diagnose der Rechtsmedizin und der Kindergynäkologie keinen Hinweis für den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs. Die anderen beiden Fälle werden aufgearbeitet und gesichtet.Wir unterstützen die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Der Vorstand des UKS ist an maximaler Transparenz und Aufarbeitung interessiert.“

Keine Antwort gab es unter anderem auf die Frage: „Wie viele Verdachtsfälle auf möglichen Missbrauch im Bereich der HNO-OP-Zone sind der Klinikleitung und dem UKS-Vorstand seit wann bekannt?“ Wie es heißt, stand dieses Thema am Donnerstag auch bei den Terminen bei der Krankenhausaufsicht und in der Staatskanzlei auf der Tagesordnung. Es gibt wohl konkrete Hinweise darauf, dass die Vorfälle spätestens seit 2014 auch gegenüber den Aufsichtsbehörden vertuscht worden sein sollen. UKS-intern wurde offenbar darüber diskutiert, konkrete Schritte, wie etwa Strafanzeigen, wurden nicht eingeleitet. Die Vorgänge wurden wohl abgeheftet. Bis die Fahnder auf den Plan traten und fündig wurden.

Gesundheitsstaatssekretär Stephan Kolling (CDU) teilte auf Anfrage mit, die Klinikaufsicht habe jetzt einen schriftlichen Bericht zu den Vorfällen angefordert. In der kommenden Woche soll zudem ein Ortstermin in der OP-Zone der HNO-Klinik stattfinden, um die jeweiligen Abläufe nachvollziehen zu können. Die Rechtsaufsicht in der Staatskanzlei hat derweil den Auftrag an den im Fall der Kinder- und Jugendpsychiatrie eingesetzten Sonderermittler, Kriminaldirektor Harald Schnur, erweitert. Auf den Kriminalisten wartet viel Arbeit – ebenso auf den Untersuchungsausschuss des Landtages, der sich auch um die Vorgänge an der HNO kümmern will. Dort wird am Montag die Opferanwältin Claudia Willger als erste Zeugin erwartet. Sie vertritt Betroffene aus beiden Kliniken.