Mehr Qualität am Ende des Lebens

Homburg. Haben Kinder Schmerzen? Wie heftig? Muss man die Schmerzen ernst nehmen? "Erst Mitte der 80er Jahre sind Kinder, die chronisch schmerzkrank sind, in den Blickwinkel der Forschung gerückt", sagt Professor Ludwig Gortner, Direktor der Kinderklinik am Uniklinikum in Homburg, "heute weiß man, dass schon Vierjährige an heftiger Migräne leiden können"

Homburg. Haben Kinder Schmerzen? Wie heftig? Muss man die Schmerzen ernst nehmen? "Erst Mitte der 80er Jahre sind Kinder, die chronisch schmerzkrank sind, in den Blickwinkel der Forschung gerückt", sagt Professor Ludwig Gortner, Direktor der Kinderklinik am Uniklinikum in Homburg, "heute weiß man, dass schon Vierjährige an heftiger Migräne leiden können". Gortner hatte zusammen mit Dr. Sven Gottschling, Professor Norbert Graf und Landrat Clemens Lindemann am Mittwoch ein neues Projekt am Klinikum vorgestellt (wir berichteten): Es wird bis zum Jahresende in Homburg ein Zentrum für Kinderschmerztherapie und Palliativmedizin geben. Allerdings muss man sich dies nicht als ein eigenes Gebäude vorstellen, "in dem Kinder sterben", sondern es ist ein offenes Konzept. "Die Palliativmediziner kommen zu den Patienten - und zwar auf der jeweiligen Station", betont Norbert Graf. Das heißt, dass die Kinder ihre gewohnte Umgebung nicht verlassen müssen, sondern dort betreut werden, wo sie bisher auch behandelt worden sind. Landrat Lindemann, der eigens zu der Vorstellung gekommen war - nicht nur in politischer Funktion, sondern als Förderer der Elterninitiative krebskranker Kinder -, unterstützt diese Maßnahme: "Im Sinne einer kinderfreundlichen Medizin ist dieses Zentrum ein wichtiger Schritt." Die Ausstattung wird zunächst aus einer ganzen und einer halben Arztstelle und einer halben und einer ganzen Psychologen-Stelle bestehen, hinzu kommt Pflegepersonal. Alle sind in Palliativ-Medizin geschult. Auch für die Forschung sei das Projekt wichtig, erklärte Gortner, "denn es gibt nicht viele Ansätze in Deutschland, die dieses Konzept schon verfolgen. Wir können es jetzt in der Ausbildung der Kinderärzte nutzen." Sven Gottschling gehört zu den ersten Spezialisten, die dieses Zentrum in Homburg betreuen werden und betonte, dass es in der Tat noch viel Nachholbedarf in der Ausbildung der Kinderärzte gebe, was Schmerztherapie anbelangt: "Das ist bisher nicht im Pflichtkatalog enthalten. Aber es ist enorm wichtig, darüber Bescheid zu wissen." Dass Schmerzbehandlung auch in der Palliativmedizin ein wichtiges Standbein ist, betonte Norbert Graf: "Auch Kinder sollten ohne Schmerzen sterben dürfen. Die Qualität in der Endphase des Lebens muss gewährleistet sein." Anlässlich des künftigen Projektes fand in der Homburger Kinderklinik zum Auftakt ein Symposium über Schmerztherapie und Palliativ-Medizin statt. Als Gast kam einer der bundesweiten Spezialisten für dieses Thema, Professor Boris Zernikow. Er erläuterte, wie Kinder dem Tod begegnen und wie sehr das vom Alter und der Entwicklung abhängt.

Auf einen Blick16 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland, davon über 20 000 lebenslimitierend erkrankt und mindestens 300 000 chronisch schmerzkrank. Etwa 400 000 Kinder leben im Einzugsgebiet Saarland, Westpfalz, Luxemburg) mit mindestens 900 palliativ zu versorgenden und 7 500 chronisch schmerzkranken Kindern. Bislang gibt es in Deutschland nur sehr vereinzelt Ansätze, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit lebensverkürzenden Erkrankungen zu verbessern. Bislang gibt es deutschlandweit noch keine einzige Kinderpalliativstation, das nächste Kinderhospiz ist in Wiesbaden. maa

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