Lust auf Krieg, markige Sprüche und die Dichtung nicht weit

Lust auf Krieg, markige Sprüche und die Dichtung nicht weit

Die enorme Kriegsbegeisterung wurde bei Veranstaltungen auf großen Plätzen deutlich: Hunderttausende zeigten dort ihren Enthusiasmus vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, verdeutlichet Professor Alexander Honold.

Am Sonntagmorgen drehte sich bei "Tatort: Schlachtfeld" als Teil einer Veranstaltungsreihe des Berliner Hauses der Kulturen im Homburger Gymnasium Johanneum alles um die Schrecken des Ersten Weltkriegs (wir berichteten). Doch wie wurden Europa, Nordafrika, Teile Asiens und der Nahe Osten eigentlich zum "Tatort"? Und wie sah dieser aus? Dazu hatte Sonja Valentin als Kuratorin dieser Lesungs- und Diskussionsreihe den Literaturwissenschaftler und Germanisten Professor Alexander Honold von der Universität Basel als Experten gewinnen können.

Was Honold nach der beeindruckenden Lesung der Schauspieler Elisabeth Brück und Samuel Finzi an Hintergründen offen legte, war hörenswert. Mit Reflektion auf die Einblicke in die Literatur der Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs verdeutlichte Honold die Kriegsstimmung der Jahre vor 1914 und zu Beginn des Krieges selbst, gerade auch im konstruierten Wort. So habe eine Lust auf Krieg in dieser Zeit Raum gegriffen. "Ich muss hier dieses August-Erlebnis von 1914 ansprechen, diese enorme Kriegsbegeisterung . Auf den großen Plätzen in Berlin, München und an anderen Orten sind in diesem August Hunderttausende von Menschen versammelt. Es wurden markige Sprüche geklopft, ich bin mir sicher, dass es auch hier in Homburg auf dem Marktplatz eine solche Versammlung gegeben hat. Da ist ein ungeheures Gemeinschaftsgefühl zum Ausdruck gekommen, ein Enthusiasmus. Und wo von Enthusiasmus die Rede ist, da ist auch die Dichtung nicht weit." Eben die Dichter, so Honold, hätten den Eindruck gehabt "jetzt zählt es, jetzt sind wir gefragt, wir sind diejenigen, die nun den allgemeinen Stimmungseindruck in Sprache umwandeln, die dem Ganzen eine Richtung geben".

So hätten die Dichter nach Feinden gesucht, "denn man brauchte ja ein Feindbild. Man war sich da sehr unschlüssig, manche haben sich auf England eingeschworen, andere haben antifranzösische Parolen geschwungen. Und dann gab's noch die primitiven Reimeschmiede: Jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzos', jeder Schuss ein Russ'." Dies alles sei publiziert worden - mit großen Auflagen. Nach Kriegsbeginn hätten die Dichter jedoch anders geklungen, "was man in den Schützengräben erlebte, das zerfetzte sogar die Sprache". In Folge habe sich die Lyrik "hervorgestoßen und wie Schrapnelle zerberstend" gezeigt: "Das ist die zerbrochene Sprache, die man dann in den Gedichten wiederfindet."

All dies habe sich, verdeutlichte Honold, vor dem Hintergrund eines "lernenden Krieges" abgespielt, im Übergang zum modernen Krieg. "Die Soldaten haben in einem leeren Schlachtfeld gekämpft, haben keinen Feind gesehen, haben sich in Schützengräben eingegraben." Gerade im Westen sei der Angriffskrieg schnell in einen Stellungskrieg übergegangen.

"Es war ein Defensiv-Krieg auf beiden Seiten." Grund dafür, verdeutlichte Wissenschaftler Honold, sei eine deutlich höhere Feuerkraft von Gewehren und Geschützen im Vergleich zu früheren Kriegen - gepaart mit der mangelnden Bewegungsfähigkeit von dazu noch unmodernen Heeren, "immer noch hoch zu Pferde. Das war natürlich angesichts der durchschlagenden Feuerwirkung fatal, ganze Freiwilligen-Regimenter wurden im Sturmangriff niedergemäht".