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Liedermacher Andreas Vogel aus Homburg ist seit Jahrzehnten aktiv

Liedermacher Andreas Vogel : Immer wieder neue handgemachte Lieder

Hannes Wader, Ulrich Roski, Reinhard Mey und Franz Josef Degenhardt sind seine frühen Helden. Doch Andreas Vogel spielt seit Jahrzehnten in verschiedenen Gruppen gerade seinen eigenen Lieder.

Andreas Vogel ist vielen Homburgern aus zwei Gründen ein Begriff: Einmal, weil er lange Jahre als Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik tätig war. Und dann als Liedermacher, Sänger und Gitarrist.

Geboren ist der 69-Jährige in Neunkirchen, aufgewachsen ist er zunächst in Saarbrücken, und zwar auch in einer Klinik: Sein Vater war Arzt in der damaligen Lungenklinik am Sonnenberg (heute Geriatrie und Psychiatrie). Später wohnt die Familie in Kleinblittersdorf. In der Grundschule hat der kleine Andreas sein musikalisches Erweckungserlebnis: „Da war einer aus der Musikerfamilie Mertes mein Lehrer, der hat eines Tages ‚Herrn Pastor sien Kauh‘ auf der Gitarre gespielt und dazu gesungen, das fand ich irre.“

Mit elf Jahren bekommt Vogel seine erste Gitarre, nimmt ein paar Unterrichtsstunden bei einem älteren Schüler und bringt sich ansonsten alles Weitere selbst bei. Zu der Zeit sind die Beatles populär und spielen eine große Rolle für den jungen Musiker. Die erste Band hat er mit 15, „da hat man so gemacht, als würde man Englisch singen“. Ende der Sechzigerjahre kommen die ersten deutschen Liedermacher auf, Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Hannes Wader und Ulrich Roski. Vogel textet „Where Do You Go To (My Lovely)?“ von Peter Sarstedt auf Deutsch um - „das war auch ein Schlüsselerlebnis“. Später überträgt er Songs von Bob Dylan in unsere Sprache. 1971 fängt er an eigene Lieder zu schreiben und gründet mit anderen die Saarbrücker Folkgruppe „Schmetterling“. Mit der spielt er bis 1984 auf Festivals wie dem Mainzer Open Ohr oder in Kneipen wie dem Barrrelhouse in Saarbrücken. Vogel schreibt und singt das Repertoire der Gruppe – wie die meisten Liedermacher jener Zeit behandelt er Friedens- und Umweltthemen aus linker Perspektive. 1980 nimmt er seine erste Solo-LP auf namens „Tanz der Komödianten“. Im Schmelzer Leico-Studio hilft ihm dabei der Sulzbacher Liedermacher Wolfgang Winkler.

Vogels Einflüsse sind ganz klar Bob Dylan und der Kanadier Leonard Cohen: „Mit dem habe ich manche Party depressiv gemacht, wenn ich seine LP Songs of Love and Hate aufgelegt habe.“ 1982 zieht er nach Homburg, erst nach Erbach, später nach Einöd. Vogels erste beiden Kinder kommen zur Welt, „da war viel Action und nicht so viel Musik“. 1984 ist nach dem Ende von Schmetterling erstmal Pause. Erst die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 bringt ihn wieder dazu neue politische Lieder zu schreiben. Er nimmt die Single „Mairegen“ auf, die den radioaktiven Fallout thematisiert. 1989 erscheint sein zweites Album „Überlebenssehnsucht“. Der Liedermacher tourt in Jugendzentren und gängigen Spielstätten wie dem Kaffeehaus Ommersheim. Beim Ottweiler Liedermacherwettbewerb wird er einmal Erster und einmal Zweiter. Dort lernt er auch mal eines seiner frühen Idole kennen, Ulrich Roski. „Der war ein ganz Netter. Kam einfach auf mich zu und sagte ‚hallo, ich bin Ulrich, wer bist du?‘“

Einem anderen prominenten Kollegen begegnet Vogel in Neunkirchen, als er beim von Hanns Dieter Hüsch moderierten Gesellschaftsabend auftritt. „Hüsch war auch ein netter Mensch. Er war psychiatriekritisch, darüber haben wir uns beim Bier ausgetauscht.“ Vogel sieht den Moderator zufällig vor dem Auftritt, da sei dieser völlig unruhig hin und her getigert. Vor jedem Auftritt leide er wie eine Sau, gesteht Hüsch, erst wenn er auf die Bühne komme, werde er ganz ruhig.

Anfang der Neunzigerjahre bezieht Vogel das Haus in Schwarzenacker, wo er heute noch lebt. 1996 erscheint seine CD „Mehr als zwei Gesichter“. Zwei Jahre später lernt er den Musiker kennen, den er als den besten bezeichnet, mit dem er jemals zusammengespielt habe, Michael Seibert. Der spielt diverse Saxophone, Querflöte und Klarinette, und zwar alles nach Gehör, „da war jeder Auftritt anders“. Zusammen veröffentlichen die beiden die Maxi-CD „Leben ist ein Abenteuer“. Darauf sind Liebeslieder, philosophische Texte und ein politischer Protestsong: „Wie sie wieder Fahnen schwenken und nach Recht und Ordnung schrei’n / Dieses Heer der Selbstgerechten, sie woll’n unsre Retter sein“ heißt es darin. Den Song hat Vogel in jüngster Zeit wieder in sein Repertoire genommen, „aus gegebenem Anlass“, wie er meint. Leider hält das Duo mit Seibert nicht lange – der Saxofonist erkrankt schwer und verstirbt kurze Zeit danach. Nach diesem Schock pausiert Vogel wieder - und kommt zurück mit seinem „Dylan auf Deutsch“-Programm. 2007 fällt ihm das Gitarrespielen schwerer – die Diagnose lautet Rheuma. Bis 2017 macht er deswegen als Liedermacher nicht mehr viel. Stattdessen fragt ihn 2008 der Gitarrist Joe Schindelhauer-Deutscher, ob er nicht einen guten Sänger kenne. Vogel antwortet mit Augenzwinkern: „Ja, aber nur einen.“ Seither singt er in der Band Seventh Sunrise Songs von Eric Clapton, Cream oder Credence Clearwater Revival – vom Gitarrespielen ist er dort befreit. Vor vier Jahren kommt aber die Lust am Liedermachen wieder: „Da gab es ein loses Treffen von Liedermachern im St. Wendeler Raum namens Liederschmiede. Außerdem war ich oft in Mandy’s Lounge bei den vielen Singer/Songwritern, die dort auftreten.“ Mit dem Gitarrespielen geht es auch wieder, nur: „Ich muss viel mehr üben als früher, damit ich dran bleibe.“

Bei der Liederschmiede lernt er die junge Liedermacherin Lisa Ludes kennen, mit der er seit drei Jahren ein Duo bildet. Auch stellt Vogel ein weiteres Programm auf die Beine namens „Wurzeln“ - dann spielt er zum einen eigene Songs („zum Teil auch welche aus den Siebzigerjahren, die seitdem nie wieder live gespielt wurden“). Zum anderen präsentiert er die Lieder seiner frühen Helden Hannes Wader, Ulrich Roski, Reinhard Mey und Franz Josef Degenhardt.

Als Kinder- und Jugendpsychiater arbeitet Vogel nur noch bis Ende März in einer Saarbrücker Praxis, dann ist dort Schluss. Wenigstens eine schöne Anekdote aus seiner Zeit als Mediziner hat er parat: Wie früher alle Ärzte muss er eine zeitlang für die Bundeswehr arbeiten – man kann sich leicht vorstellen, wie das bei einem Protestler wie ihm vonstatten ging. Als er aufgrund seiner renitenten Haltung in ein Krankenhaus der Marine strafversetzt wird, lässt er sich aus Protest die Haare wieder lang wachsen. „Wenn dann der Admiralsarzt die Inspektion machte, durfte ich nicht auftauchen.“