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Kunstbetrachtung ohne Rummel ist nur in der Provinz noch möglich

Die Stille und die Kunst : Heute ist alles so überlaufen

Urlauber wollten in immer kürzerer Zeit möglichst viel Neues erfahren, heißt es in einer neuen Tourismusstudie über die Biosphäre Bliesgau. Sie verlangen nach romantischen und versteckten Wanderwegen, Geheimtipps von netten Restaurants oder nach Kulturstätten, die nicht schon völlig überlaufen sind.

Das ist genau das Problem: Man möchte der erste und der einzige sein, der jetzt vor diesem Denkmal steht. Was immer seltener gelingt.

Das war vor mehr als 40 Jahren noch anders, beim Provence-Urlaub in meiner Kindheit. Mein Vater bugsierte den alten Ford Taunus durchs Gestrüpp und murmelte: „Hier muss es doch sein“. Was? Es war heiß und die Disteln pieksten am Bein. Wir stapften tapfer 500 Meter über Stock und Stein, meine Mutter vermutete schon Schlangen im Gebüsch – und da war es plötzlich: das majestätische Aquädukt aus der Römerzeit, „Pont du Gard“ stand in blauen Buchstaben auf einem verbeulten Blechschild.

Die Grillen zirpten ohrenbetäubend, sonst war es still. Nur ich und die Römer, wie vor 2000 Jahren, nichts dazwischen. Heute ist um das Aquädukt ein riesiger Bezahlpark für Zehntausende von Kreuzfahrtgästen entstanden, mit belehrenden Tafeln und „bitte nicht den Betonweg verlassen“. Der einstige Nutzbau der Römer ist ein Kultobjekt geworden, eingehegt und umzäunt. Vermutlich von einem Sicherheitsdienst mit Kameras überwacht. Da lobe ich mir doch Medelsheim. Da steht man ganz alleine in einer kleinen Apsis hinter der Pfarrkirche und spricht mit verblassten Gemälden aus dem Mittelalter. Niemand überwacht mich und unterstellt mir, ich wolle diese fragilen Kunstwerke zerstören. Oder die kleine Kirche von Böckweiler mit ihrem Kleeblattchor im milden Herbstlicht – niemand stört bei der Betrachtung der ersten Gehversuche im Kirchenbau. Irgendwann dürfen es natürlich Chartes oder Reims sein.

Aber die Ursprünglichkeit der Kunst, die kann ohne Rummel wohl bald nur noch in der stillen Provinz erlebt werden.