Klaviervirtuose Lonquich begeisterte in Homburg

Meisterkonzert in Homburg : Lonquich liefert Auftritt für die Annalen

Im Rahmen der Meisterkonzerte lieferte der Ausnahmepianist im Saalbau ein pianistisches Feuerwerk mit Kontrasten.

Nur wenige mögen vorher den Namen des deutschen Pianisten Alexander Lonquich gekannt haben, aber mit seinem pianistischen Feuerwerk an stilistischen Kontrasten und Überraschungen hat er sich am vergangenen Donnerstag im Kulturzentrum Saalbau in die Annalen der Homburger Meisterkonzerte eingebrannt. Wie bei Arcado Volodos und Igor Levit im Frühjahr wollte die Begeisterung des Publikums den Tastendonner des Gastes noch überbieten.

Im ersten Teil seines Vorspielprogramms bot Alexander Lonquich 18 kurze Stücke von fast ebenso vielen Komponisten zwischen Spätbarock und Expressionismus. Da folgte auf die „Zirkuspolka für einen jungen Elefanten“ von Strawinsky das fast unbekannte Präludium f-Moll von Beethoven, auf die betörenden Verlockungen des „Adagietto“ von Adorno als Verbeugung vor dem Carmen-Komponisten Bizet unvermittelt und mit südländischer Erotik der Samba-Sound des „Corcovado“ von Milhaud. Es machte dem Ausnahmepianisten sichtlich Spaß, blitzschnell von einem Stil in einen anderen zu wechseln, von einer musikhistorischen Epoche in eine weit entfernt liegende. Wie vom frech-expressiven „Tango für Irma“ von Wolpe aus der Berliner Schaffenszeit in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts ins hochromantische Wien des 19. Jahrhunderts, wo Bruckner in seiner einfühlsamen „Erinnerung“ 1868 die Hinrichtung des mexikanischen Kaisers Maximilian I. beweinte.

Ausgefeilte Technik nach russischer Schule boten nach dem „Glockengeläut“ von Grieg vor allem Rachmaninow mit seinem Prélude c-Moll op 23/7 und die 1903 gleichzeitig entstandene Etüde cis-Moll op. 42/5 seines Freunde Skrabin.

Nach der Pause widmete sich Alexander Lonquich der großen Sonate A-Dur D 959 von Schubert. Mit ihren Schwesterwerken in c-Moll und B-Dur entstand sie im letzten Lebensjahr des Wiener Meisters und begründete endgültig seinen Rang neben dem gleichermaßen verehrten wie gefürchteten Beethoven. Vor dem Konzert stellte Markus Korselt den Pianisten und sein Programm dem Publikum vor. Dabei bemerkte der Gast, dass er beim Kopfsatz Allegro an die zweite Sinfonie von Charles Ives „Unanswered Question“ denken müsse. Im Exponieren der thematischen Fragestellungen waren die ausgebliebenen Antworten in der Sprachlosigkeit der Pausierungen geradezu spürbar, aber auch Schuberts Ratlosigkeit gegenüber den vielen Fragestellungen seines Lebens. Schonungslos und ehrlich gestaltete Alexander Lonquich auch den langsamen Satz „Andantino“ im parallelen fis-Moll, der im düsteren, leidenschaftlichen Mittelteil geradezu aufschrie.

Im grazilen, tänzerischen Wirbel des „Scherzo: Allegro vivace“ erinnerte er daran, dass Schubert noch vor der Strauss-Familie zu den ersten Walzerkomponisten zählte. Er beobachtete ihn zur Schlendermelodik im finalen „Rondo: Allegretto“ als Wanderer durch sein allzu kurzes Leben. Aus der Beschaulichkeit des Rondothemas riss er seine Zuhörer immer wieder heraus mit aufgetürmten und aufbegehrenden Arpeggien und Läufen. Seine verblüffende technische Brillanz warf auch zum Ende hin wieder jene „Fragen ohne Antworten“ auf. Eine ganz eigene Sicht auf den lange verkannten Wiener Meister.

Für den begeisterten Applaus und die vielen Zurufe verbeugte sich Alexander Lonquich mit dem zweiten Impromptu Fis-Dur von Chopin vor seinem Homburger Publikum, aber auch vor dem zuvor zitierten Meister Schubert, der „in promptu esse“ ja als Erfinder dieser Stücke aus dem Stehgreif gilt.