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Interview: Sven Gottschling, Palliativmediziner aus Homburg, zum Sterbehilfe-Urteil

Interview zum Sterbehilfe-Urteil : „Wir müssen die Chance bekommen, den Menschen die Angst zu nehmen“

Prof. Sven Gottschling, Leiter des Zentrums für Palliativmedizin an der Homburger Uniklinik, sieht das Karlsruher Urteil kritisch. Statt einer Lockerung der Regeln zur Sterbehilfe befürwortet er im SZ-Interview eine bessere Palliativversorgung.

Wie bewerten Sie das Urteil ganz allgemein?

GOTTSCHLING Ich habe Bauchweh mit dem Urteil. Ich halte es für sehr problematisch, die Tür für die Sterbehilfe-Vereine wieder aufzustoßen. Ich glaube, dass sehr viele Menschen, die einen Sterbewunsch äußern, nicht unbedingt sterben möchten, sondern eine Riesenangst haben vor möglicherweise schlimmen Beschwerden wie Schmerzen oder Luftnot. Dann ist es der vermeintlich leichtere Ausweg zu sagen: Bitte gebt mir ein todbringendes Medikament. Dabei wissen viele Patienten gar nicht, dass wir diese Beschwerden in sehr vielen Fällen sehr wirksam lindern können. Dazu kommt: Wenn ich als Arzt eine todbringende Dosis eines Medikaments verordne, dann lasse ich den Patienten ja trotzdem mit seinen Nöten alleine. Der geht dann mit dem Medikament nach Hause. Ich darf als Arzt ja nicht dabei sein, wenn er das Mittel einnimmt, weil ich ja eigentlich verpflichtet wäre, den Patienten zu retten. Man muss wissen: Bei diesen Medikamenten gibt es eine Versagensquote von fünf bis acht Prozent. Und wenn es nicht wirkt, ist dieser Mensch damit alleine. Das ist für mich als Paliativmediziner nicht das, was ich mir unter einer würdevollen Versorgung vorstelle. Oft ist auch dieser Tod ein Kampf

Die Richter argumentieren ja, dass es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben gibt. Und dass es entsprechend auch Möglichkeiten geben muss, dabei Hilfe zu bekommen. Können Sie der Argumentation denn prinzipiell folgen?

Foto: dpa/Katja Sponholz

GOTTSCHLING Prinzipiell schon. Wenn jemand suizidwillig ist, ist es mir immer noch lieber, er macht das mit Medikamenten, als dass er sich in seiner Verzweiflung vor einen Zug stürzt. Anderseits: Ich befürchte, dass viele schwerstkranke Patienten nun auf das neue Urteil verweisen werden. Die wollen dann gar nicht diskutieren, sondern einfach nur eine todbringende Medikation haben. Doch gerade bei schwerst- und sterbenskranken Menschen geht dieser Todeswunsch durch eine intensive Palliativversorgung in aller Regel dramatisch zurück. Und solange diese Versorgungsstrukturen nicht überall effektiv zur Verfügung stehen, solange nicht jeder über diese Möglichkeiten informiert ist, geht mir diese Sterbehilfe-Debatte zu weit.

Glauben Sie, dass sich schwerkranke Menschen nun sogar unter Druck gesetzt fühlen, Suizid zu begehen, weil Sie niemanden zur Last fallen wollen?

GOTTSCHLING Das befürchte ich ganz massiv. In Belgien oder den Niederlanden, wo Sterbehilfe noch weitergehend legalisiert ist, sehen wir genau das. Dort haben wir eine unfassbar hohe Zahl an Menschen, die sich mit ärztlicher Hilfe aus dem Leben befördern lassen. Darunter sind sehr viele ältere Menschen mit Hilfebedarf. Und das ist genau meine Befürchtung: Dass man sich irgendwann als älterer Mensch noch dafür entschuldigen muss, dass man mit gewissen Einschränkungen noch weiterleben möchte – auch wenn man der Gesellschaft vermeintlich zur Last fällt. Ich begegne täglich älteren Menschen, die sagen: Ich möchte sterben, denn ich bin nichts mehr wert, ich bin nur noch eine Last für meine Kinder. Und für die ist so ein Urteil nicht nur eine Ermutigung, in diese Richtung zu gehen, sondern auch ein Stück weit ein Druck, ob es nicht mal langsam angezeigt ist, zu sterben.

Der Gesetzgeber darf Sterbehilfe laut Urteil ja schon regulieren. Wie sollte ein neues Gesetz aussehen?

GOTTSCHLING Jeder schwerst- und sterbenskranke Mensch, der Suizidhilfe in Anspruch nehmen möchte, sollte zunächst eine Palliativberatung bekommen. Wir müssen die Chance bekommen, jedem Menschen die Angst zu nehmen vor nicht kontrollierbaren Schmerzen oder Luftnot. Wir müssen jedem das Versprechen geben können, dass wir ihn zur Not auch in eine Narkose setzen können, sollten die Schmerzen nicht mehr aushaltbar sein.

Gab es in der Ärzteschaft eine rechtliche Unsicherheit wegen Paragraf 217?

GOTTSCHLING Ich kenne vereinzelte Ärzte, die Bedenken hatten, will sie bei so vielen Menschen hochdosierte Schmerz- und Beruhigungsmedikamente verordnen ­– und man das als gewerbsmäßige Sterbehilfe auslegen könnte. In der Breite war die Verunsicherung aber nicht sehr groß. Ich kenne auch keinen einzigen Fall, bei dem ein Arzt deswegen belangt wurde. Im Gegenteil wurde Paragraf 217 von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin begrüßt. Denn es war schon sehr problematisch, dass Menschen diesen Sterbehilfevereinen zugelaufen sind und dort teilweise sehr schnell und sehr unreflektiert mit todbringenden Medikamenten versorgt wurden. Für viele von diesen Menschen hätte man sicher andere und bessere Wege finden können.

Befürchten Sie, dass auch irgendwann die aktive Sterbehilfe in Deutschland erlaubt wird?

GOTTSCHLING Das glaube ich persönlich nicht. Das ist zum einen mit der deutschen Ärzteschaft nicht zu machen, zum anderen sind wir hoffentlich auch aufgrund unseres geschichtlichen Hintergrunds mit den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus sehr weit weg davon.

Das Verfassungsgericht hat aber auch klargestellt, dass kein Arzt Sterbehilfe leisten muss. Bewerten Sie diesen Aspekt des Urteils denn positiv?

GOTTSCHLING Ja, zumal man Ärzte auch nicht gegen ihre eigene Ethik zu etwas verpflichten kann. Ich glaube, dass sich auch nicht sonderlich viele Ärzte finden lassen, die Sterbehilfe leisten wollen.

Würden Sie als Arzt Sterbehilfe leisten?

GOTTSCHLING Ich leiste so gesehen jeden Tag Sterbehilfe. Ich wehre mich nicht immer mit allen medizinischen Möglichkeiten gegen eine Grunderkrankung. Das heißt: Wenn jemand sterbenskrank ist und eine Lungenentzündung hat, gebe ich nicht mehr zwingend ein Antibiotikum, sondern lasse den Menschen – wenn es seinem Willen entspricht – sterben. Das ist in Deutschland schon lange erlaubt. Ich darf eine Beatmungsmaschine abstellen, ich darf eine Dialysebehandlung einstellen. Es gibt auch die Möglichkeit des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeit. Es ist also nicht so, dass Menschen keine Möglichkeiten haben, diese Wege zu wählen, die wir dann ärztlich begleiten.

Sie würden aber keine tödlichen Medikamenten zur Verfügung stellen?

GOTTSCHLING Ich würde das nicht tun. Meine Patienten sollen sich jederzeit sicher sein können, dass ich nicht Arzt und Henker in einer Person bin.