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Hörbuch-Kritik "Westwall" von Benedikt Gollhardt

Hörbuch-Kritik : Wenn verwahrloste Kinder Terroranschläge verüben sollen

Mit „Westwall“ legt Drehbuchautor Benedikt Gollhardt einen düsteren Thriller vor. Es geht um rechte Umtriebe in den Sicherheitsorganen Deutschlands.

Es ist alles andere als leichte Kost, was Benedikt Gollhardt in seinem Thrillerdebüt „Westwall“ auftischt. Der Drehbuchautor, der mit Humor gesegnete Fernsehserien wie „Türkisch für Anfänger“ oder „Danni Lowinski“ aus der Taufe hob, setzt hier auf eine düstere, schauderhafte Atmosphäre in einem finsteren Millieu. Es geht um Gruppen armer, elternloser, verwahrloster Kinder, die von rechten Rattenfängern auf die schiefe Bahn gelotst werden. Und um Nazis, Terroranschlagspläne und Lücken beim Verfassungsschutz. Das alles transportiert Vorleser Uve Teschner so eindringlich, dass es einem bisweilen die Kehle zusammenschnürt.

Schon der Einstieg gelingt schockierend: Ein junges Mädchen beobachtet im Wald, wie eine Gruppe Kinder und Jugendlicher einen der ihren verfolgt und fängt, dann bedroht und offenbar als Strafe für dessen Flucht einen (weiteren) Finger abhacken will. Das Mädchen geht dazwischen – und hat überraschenderweise den Ausgebüxten im Visier.

Da fragt man sich schnell: Ist diese mutmaßliche Kinderverstümmlerin wirklich diejenige, die uns in der Folge als strebsame Polizeischülerin Julia Gerloff in ihren Anfängen vorgestellt wird? Was passiert in der fast zwölfstündigen Handlung mit ihr, dass es zu der vorher beschriebenen Szene kommt, die mutmaßlich am Schluss des Buches spielt? So geht es auch um die Frage: (Wie) schafft es das Böse, Julia schöne Augen zu machen?

Zunächst erlebt das gesetzestreue, strebsame Singlemädchen einen One-Night-Stand mit dem ihr Unbekannten Nick und entdeckt auf dessen Rücken ein riesiges Hakenkreuz-Tattoo. Als sie ihrem Vater, einem ausgestiegenen Anarchisten, davon erzählt, beschwört dieser Julia, sich von Nick fernzuhalten. Doch sie will die Wahrheit wissen: Ist Nick Mitglied einer rechtsradikalen Gruppe und auf sie angesetzt worden? Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und folgt einer Spur, die sie tief in die menschenleeren Wälder der Eifel führt – zum Westwall, einem alten Verteidigungssystem aus dem Zweiten Weltkrieg. Und damit direkt in eine düstere Vergangenheit.

Gollhardt, Jahrgang 1966, strickt die Handlung spannend, baut gelungene Wendungen ein und führt das alles zu einem unterm Strich glaubwürdigen Finale. Das tröstet über Mängel bei manchem Dialog und einigen Nebenfiguren hinweg. Positiv ins Gewicht fällt vor allem Julias väterlicher Freund, ein Polizeiausbilder, der sich seinerseits aus Frust über die Grenzen der Gesetze mit einer Nazi-Bruderschaft einlässt. Aber gleichzeitig das Gute verkörpert, sich um seine Tochter sorgt und auch Julia zur Seite steht. Auch Julias Vater, der bettlägerige Anarcho-Papa mit dunkler Vergangenheit und die mysteriöse Frau, die die Kinder zu bösen Zwecken um sich versammelt, sind interessant konzipiert.

Fazit: So beklemmend die Unterwanderung der Sicherheitsorgane – sei es der Verfassungsschutz oder die Polizei – mit Rechtsradikalen daherkommt, so nah an der Realität scheint das in Zeiten von NSU und co.

Benedikt Gollhardt: Westwall, 700 Minuten, gelesen von Uve Teschner, Der Hörverlag, leicht gekürzte Lesung; ISBN: 978-3-8445-3217-3