Fluchtartig die Heimat verlassen

Anfang September 1939 begann eine der großen Räumungsaktion in vielen Orten und Dörfern in der Saarpfalz. Zwischen Altheim, Webenheim, Einöd, Peppenkum und Brenschelbach wurden Tausende zwangsevakuiert. Sie lebten in der „Roten Zone“ – einem Kampfgebiet hinter dem Westwall. Im Teil 1 unserer Serie geht es um das „Packen der sieben Sachen“.

 Karoline und Karl Riedinger aus Einöd wurden am 2. September 1939 nach Bayreuth evakuiert. Unser Foto zeigt sie am 4. September kurz nach der Ankunft hinter dem Bahnhof. Foto: Ortsarchiv Einöd/Repro: Thorsten Wolf
Karoline und Karl Riedinger aus Einöd wurden am 2. September 1939 nach Bayreuth evakuiert. Unser Foto zeigt sie am 4. September kurz nach der Ankunft hinter dem Bahnhof. Foto: Ortsarchiv Einöd/Repro: Thorsten Wolf Foto: Ortsarchiv Einöd/Repro: Thorsten Wolf

"Bereits seit Tagen hat man im Dorf gemunkelt, dass bald etwas mit uns passieren würde", erzählt die heute 89-jährige Waltraut Ehrmanntraut geborene Pick aus Einöd . Und so kam es auch. Ende August wurden überall Plakate aufgehängt, darauf stand, dass die "Freimachgebiete" geräumt werden müssen. Von der örtlichen Parteiführung der NSDAP wurden auch Handzettel verteilt und der "Schellemann" überbrachte die Nachricht mit seiner großen Glocke. Der "Schellemann" war früher ein Gemeindeangestellter, der die Nachrichten ausläutete.

In den Dörfern und Städten zwischen Einöd , Böckweiler, Wittersheim und der lothringischen Grenze bei Brenschelbach tauchten am letzten Augusttag 1939 plötzlich Lautsprecherwagen auf. Die Männer an den Mikrofonen hatten den Bewohnern zwischen Blies, Schwarzbach und Hornbach keine guten Nachrichten zu verkünden. Sie wohnten in der "Roten Zone", die Adolf Hitler für eventuelle Kampfhandlungen mit dem Nachbarn Frankreich frei haben wollte. Bereits im Jahr 1936 hatte er damit begonnen, einen gigantischen Festungswall, den Westwall, bauen zu lassen.

Innerhalb weniger Stunden mussten sich die Frauen, Kinder und älteren Menschen der Stadt an Bahnhöfen, vor Bürgermeisterämtern oder Schulen sammeln und mit Lastwagen, Pferdefuhrwerken, Bussen und Eisenbahnen fluchtartig ihre Heimat verlassen. Mitnehmen durften sie nur das Notwendigste. "Meine Mutter Katharina hatte nur wenig Zeit, einen kleinen Koffer zu packen", erzählt Waltraut Ehrmanntraut weiter, die sich gemeinsam mit der Mutter, der älteren Schwester Hilde und ihrem jüngeren Bruder Fritz zu "Hafnersch Haus" in der Dorfmitte aufmachten. Dort waren schon viele Einöder und Ingweilerer eingetroffen. "In Einöd leben zum 31. August 1939 genau 12 228 männliche und 815 weibliche Personen." So steht es im Nachlass von Helmut Jung aus Aßweiler, dessen Unterlagen heute im Archiv des Amtes für Heimat- und Denkmalpflege des Saarpfalz-Kreises in Homburg liegen. Dort wird auch exakt aufgeführt, wohin die einzelnen Bewohner des heutigen Saarpfalz-Kreis evakuiert wurden. Breitfurt etwa hatte die Registriernummer 24; das hieß: Bayreuth , Gemünden (Mainfranken), Marktredewitz, Tirschenreuth, Waldsassen (Oberpfalz) und Erfurt, Apolda, Saalfeld, Sonneberg (Thüringen und Sachsen). Alle Angaben über die Flächengrößen, Haushaltungen und Wohnbevölkerung stammen von einer Erhebung vom 17. Mai 1939 für das "Gesamtverzeichnis für die Westmark im Auftrag des Reichsstatthalters".

"Im Rückblick betrachtet, war das für uns eine magische Zeit und auch ein Abenteuer", sagt Waltraut Ehrmanntraut heute. Doch in der Fremde war alles nicht so einfach.

Ins Innere des von den Nazis regierten deutschen Reichs, etwa nach Sachsen, Thüringen, Hessen und Franken, wurden die Saarpfälzer verfrachtet und den dortigen Einwohnern als eher ungebetene Gäste zugeteilt. Dort stießen sie größtenteils auf "Gastgeber", die wenig Lust hatten, die "Saarfranzosen" oder "Stockfranzosen" bei sich zu beherbergen, geschweige denn zu ernähren. So steht etwa in Unterlagen des oberfränkischen Landkreises Forchheim : "Ein Fehlgriff war es, die evakuierten Volksgenossen aus dem höher kultivierten Saarland in den ärmlichen Dörfern des fränkischen Jura zu bergen. Die Maßnahmen haben in all den Dörfern Unzufriedenheit und Missstimmung ausgelöst, und zwar bei den Saarländern deswegen, weil sie mit der Unterkunft und der rauen Kost nicht einverstanden sind."

Es wird in Einöd berichtet, dass einige Bewohner, die in Bayreuth wohnen mussten, sich nachts auf den Weg machten, um sich in einem zwei Stunden entfernten Dorf satt zu essen. Dort waren Familien aus Zweibrücken-Bubenhausen und dem Mandelbachtal untergebracht. Und die kochten Linsen- und Erbsensuppe und Rippchen mit Sauerkraut und backten Kuchen.

Trotzdem hatten viele "Hemmweh". So auch Elfriede Hock geborene Ambos. Sie saß täglich am Main, hatte große Sehnsucht und wartete darauf, dass jemand aus Einöd kommen soll. > wird fortgesetzt

In unserer Serie "Evakuierung 1939" kommen Zeitzeugen von Einöd bis ins Mandelbachtal zu Wort. Sie schildern ihre ganz persönlichen Eindrücke vom Schulleben, Berufsalltag, Kommunion oder Konfirmation oder Weihnachten in der Fremde. Ihre vorübergehende neue Heimat lag in der Oberpfalz, in Rheinhessen, Mainfranken, Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Wir zeigen bislang unbekannte Dokumente und viele Fotos, die uns aus privater Hand zur Verfügung gestellt wurden. Sie sind Erinnerungen, die über Generation hinweg in den Familien bis heute fortleben. Grafiken veranschaulichen das Geschehene optisch. In Infokästen werden in den kommenden Tagen die Begriffe "Rote Zone, Westwall, Aufnahmegebiete" erklärt. Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, ebenfalls ihre Erinnerungen mitteilen möchten, können Sie sich an folgende Adresse wenden: Saarbrücker Zeitung, Homburger Rundschau, Redaktion, Saarbrücker Straße 13, in 66 424 Homburg, Tel. (0 68 41) 9 34 88 50 oder per E-Mail: redhom@sz-sb.de.