Eine neue Herberge

Tote Kinder, tote Frauen, tote Männer. Zerstörte Häuser und Wohnungen. Aufgerissene Straßen und Ruinen. So sieht die einst blühende Stadt Aleppo in Syrien heute aus. Nach einem schweren Bombenangriff ergriff die Familie Kafli-Belal die Flucht. Heute lebt sie bei uns.

"Bis zum Jahr 2011 konnten wir in Syrien gut leben", sagt Abdullah Kafli zu Beginn unseres Gespräches in seiner Wohnung in Schwarzenacker. "Dann brach der Krieg aus", fügt der 50-jährige Zahnarzt hinzu. Seine Geschichte mit Frau Midia Belal (34), einer gelernten Bankkauffrau, und den Kindern, dem elfjährigen Rondar und der zehnjährigen Rosel, ist keine Allerweltsgeschichte, sie ist hautnah, sie ist authentisch. Flüchtlingsschicksal. Sie sind Kurden und keine gläubigen Muslime. Sie sind Aleviten. Bis zu ihrer Flucht lebte das Ehepaar im kurdischen Stadtteil Efrin in Aleppo. Abdullah hatte Zahnmedizin in St. Petersburg studiert und dann mit einem Kollegen gemeinsam in einer Praxis gearbeitet. Seine Frau Midia arbeitete mittlerweile im Finanzbereich bei einem großen Mobilfunkunternehmen - in Zeiten der modernen Kommunikationsmittel ein guter Job. Die Kinder wachsen gut behütet in der Großfamilie auf."Wir pflegten unsere kurdische Tradition mit ihrer Geschichte und ihrer Kultur", sagt das Ehepaar Kafli-Belal.

Dann ändert sich nach und nach ihr Alltag: Demonstrationen, Aufstände, Schüsse, Bomben, Krieg folgen. Nach einem schweren Bombardement, das auch Teile der Wohnhäuser und die Zahnarztpraxis trifft, beschließt die Familie Kafli-Belal zu fliehen. Sie verkauft alles, was sie hat, um zu überleben. Mitten in unserem Gespräch sagt Abdullah Kafli: "Wir wollen nicht über Politik reden. Aber eins ist sicher, hätten keine Mächte von außen in Syrien eingegriffen, wäre Präsident Assad kein Präsident mehr. Alle Menschen, die damals in Syrien lebten, hätten ihre eigene Lösung gesucht und auch gefunden."

Zurück zur Flucht. Aus der einstigen glücklichen Familie werden Getriebene, Flüchtlinge, Heimatlose, Zerrissene. Unweit der Stadt Gaziantep gelangen sie mit anderen Menschen aus Syrien in die Türkei. Sie sind müde, übermüdet, hungrig, durstig. Sie bleiben standhaft. Ihr Willen ist noch viel stärker als gedacht. Sie kommen als Menschen an der Grenze an ihre Grenzen.

Mit dem Bus fahren sie von Südost-Anatolien durch die Türkei nach Istanbul. Abdullah, Midia, Rondar und Rosel halten zusammen. Unterwegs machen sich aber schon Gedanken, wie es von dort aus weitergeht. Ihr wichtigstes Ziel: "Die Kinder mussten in Sicherheit gebracht werden." In der türkischen Metropole am Bosporus müssen sie zwei Monate wegen Erledigung der Reiseformalitäten und -angelegenheiten ausharren. "Dort haben wir uns entschlossen, uns zu trennen", sagt Midia Belala, die Flugangst hat, und ihr Ehemann Abdullah bekommt einen traurigen Blick. Es ist der 20. September 2014.

Abdullah und die Kinder kommen mit dem Flugzeug nach Deutschland. Am 23. September ist er im Aufnahmelager Lebach. Sein Glück: seine Schwester Nesreen wohnt bereits im Saarpfalz-Kreis; dort kommt er vorerst unter. Seine Frau Midia wählte den Landweg. In Istanbul schließt sie sich mit Hilfe eines Netzwerkes an eine Gruppe von 50 Menschen an. Ein Bus brachte sie zur Grenze bei Edirne, dann teilte man sich in Fünfergruppen auf, teils zu Fuß, teils mit dem Bus. "Es ging durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich. Geschlafen wurde im Freien", erzählt Midia, die nicht über weitere Details ihrer Flucht reden will.

Am 14. Oktober ist sie in Lebach. Sie sieht ihren Mann und ihre Kinder wieder. Eine Wohnung bekommen sie in der Turmstraße in Altstadt und sie treffen dort auf einen Mann, der ihnen von da an mit Rat und Tat zur Seite steht: Gerd Imsbweiler. Der Limbacher - ein bekannter früherer Kommunalpolitiker, einstiger Gymnasiallehrer und aktiver Heimathistoriker - hilft ihnen aus der Wohnung in Altstadt heraus. Imbsweiler: "Von Wohnung konnte man nur schwerlich reden." Die Bürokratie wird allerorten zu einer hohen Hürde. Imbsweiler kommt ins Erzählen: "Beide sind hochqualifiziert und bekommen keine Arbeit." Sie absolvieren die geforderten Sprachkurse, Abdullah in Saarlouis, Midia im Frauenbüro in Homburg . Das Bundesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin fordert immer mehr Dokumente an. Abdullah, der schon mehr als 20 Jahre als Zahnarzt praktizierte, soll nochmals eine Fachprüfung ablegen. Abdullah: "Die Bürokratie in Deutschland ist nicht einfach." Wenn jemand Zahnschmerzen habe, dann seien die Schmerzen überall auf der Welt gleich. Die Zahnarztkammer stellt hohe Anforderungen. Abdullah und Midia besorgen sich ihre Dokumente, die ihnen ihre Ausbildungsgänge und ihre Prüfungen bescheinigen - "in Arabisch und in Deutsch", wie Imbsweiler erklärt. Er hat ihnen auch geraten, eine bekannte Homburger Anwaltskanzlei einzuschalten, die ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite steht. Bei einem kurdischen Zahnarzt in Berlin könnte Abdullah sofort anfangen zu arbeiten - aber die deutsche Bürokratie hat hohe Hürden. Gerd Imbsweiler fügt an: "Sie haben gelernt zu lernen und werden daher, so die allgemeine Erfahrung, die Fähigkeit und die Energie aufbringen, sich so beruflich einzubringen, um mit den Gegebenheiten - sozial, politisch, wirtschaftlich - zurechtzukommen." Imbsweiler hilft ihnen immer, wenn sie ihn brauchen: Abdullah: "Er ist ein Glücksfall für uns."

 In Schutt und Asche wurde die Zahnarztpraxis, in der Abdullah Kafli in Aleppo arbeitete, gelegt. Foto: Familie Kafli-Belal
In Schutt und Asche wurde die Zahnarztpraxis, in der Abdullah Kafli in Aleppo arbeitete, gelegt. Foto: Familie Kafli-Belal Foto: Familie Kafli-Belal

Die Kinder, die seit ihrer Flucht nicht mehr arabisch oder kurdisch sprachen, haben es leichter. Der elfjährige Rondar geht aufs Mannlich-Gymnasium und die zehnjährige Rosel in die Grundschule nach Einöd. Imbsweiler stolz: "Beide machen prima Fortschritte." Dann sagt Rosel: Mein Name bedeutet Sonnenscheibe", und Rondar fügt hinzu: Mein Name heißt Sonnenschein." Beim Verlassen der Familie scheint über Schwarzenacker die Sonne - im trüben Winter.