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Dissonanzen in der Welt der HarmonieWas bleibt ist große Dankbarkeit

Dissonanzen in der Welt der HarmonieWas bleibt ist große Dankbarkeit

Homburg. Auch wenn sie es gerne im Piano gehalten hätten, der Rückzug von Markus Korselt als künstlerischer Leiter des Homburger Kammersinfonie-Orchesters Anfang Februar (wir berichteten) war für die Öffentlichkeit doch eher ein Paukenschlag

Homburg. Auch wenn sie es gerne im Piano gehalten hätten, der Rückzug von Markus Korselt als künstlerischer Leiter des Homburger Kammersinfonie-Orchesters Anfang Februar (wir berichteten) war für die Öffentlichkeit doch eher ein Paukenschlag. Und die Frage "Warum so plötzlich?" waberte schon mit einem recht unguten Beigeschmack durch den Raum, schließlich hatte der Klangkörper gerade in den vergangenen Jahren mit vielen und ungewöhnlichen Konzerten auf sich aufmerksam gemacht, zuletzt bei den ausverkauften Neujahrskonzerten.Um über diesen Express-Abschied am Taktstock, aber auch über die Zukunft der Laien-Musikergemeinschaft zu sprechen, waren Mitglieder aus dem Vorstand des Orchesters jetzt in die Homburger Redaktion gekommen: der Vorsitzende Peter von Styp-Rekowski sowie Horst Riller und Jenny Kiesler. Sie seien erstaunt gewesen über den plötzlichen Entschluss Korselts, sich zurückzuziehen, betonten sie. Allerdings, es habe schon einen gewissen Harmonisierungsbedarf gegeben, was der Vorstand jedoch nach Gesprächen im Dezember als abgehakt ansah. "Wir haben die Dinge friedlich geregelt, für uns gab es keine Anzeichen für einen Rücktritt", unterstrich von Styp-Rekowski. Konkret sei es um den Dreiklang Stückeauswahl, Schwierigkeit und Personalauswahl gegangen. Angesichts der Vorstandsentscheidung zu Letzterem sah sich Korselt nicht mehr in der Position, um weiterzumachen (siehe Interview). Man habe, erläuterten sie, beschlossen, Ausschlüsse aus dem Orchester nur einvernehmlich zu machen. "Wir lassen unseren künstlerischen Leiter entscheiden, wer im Konzert mitspielt, aber nicht, wer im Orchester Mitglied ist", konkretisierte Riller. "Es geht uns um die Förderung und den Aufbau von neuen Mitgliedern. Nachwuchs müssen wir uns heranziehen", fügte Kiesler hinzu.

Was die anderen beiden Punkte Stücke und Schwierigkeitsgrad angeht, habe man sich geeinigt, eine Programmkommission einzurichten, die aus einem Pool aus Vorschlägen etwas aussuche. Grundsätzlich gehe es aber darum, in allen Fragen einen Konsens zu finden. Es sei schließlich wesentlich, dass es sich hier um einen Freizeitverein handele, dass man hier Freude tanke und dass ein "Konzert nur das Ergebnis einer ordentlichen Probenarbeit" sei. Im Zorn blicken weder Korselt noch der Orchestervorstand zurück, im Gegenteil.

Allerdings steht das Homburger Kammersinfonie-Orchester auf jeden Fall vor einem Neubeginn am Taktstock, eine grundsätzliche Änderung, gar einen Neuanfang wünscht der Vorstand sich nicht. "Aber wir müssen einem neuen Dirigenten auch die Freiheit lassen, das zu machen, mit dem er leben kann." Gleich sieben Bewerber hätten sich ganz ohne Ausschreibung für den Posten beworben, der aussichtsreichste unter ihnen wollte sich gestern Abend bei einem Probe-Dirigat vorstellen. Danach werde in der Orchesterversammlung entschieden, ob er der richtige Mann sei, erläutern die Drei. Wenn ja, könnte er direkt einsteigen, zunächst mit zwei Konzertphasen probeweise, dann fest. Doch es gebe auch zwei Leute für den Fall, dass man eine Zwischenzeit überbrücken müsse, so Riller.

Öffentlich hören kann man das Orchester wieder im Mai beim Frühjahrssinfoniekonzert. Das soll genauso beibehalten werden wie das Herbstkonzert, das Open Air im Sommer und die Neujahrskonzerte. Damit soll, nachdem die Anzahl der Konzerte im vergangenen Jahr hoch geschraubt worden sei, wieder auf Vorjahresniveau zurückgefahren werden, betonte der Vorstand. Ob und in welcher Form der vor zwei Jahren ins Leben gerufene Kompositionswettbewerb bestehen bleibe, "muss man sehen. Wir haben nichts dagegen". Denkbar sei ein Zwei-Jahres-Takt. Neben dem Wunsch, auch in kleineren symphonischen Besetzungen zu spielen, ist es ihnen wichtig, ein "authentisches Orchester" zu sein mit eigenen Leuten. Lose angedacht sei es, ein Nachwuchsorchester in Form eines Kreis-Jugend-Sinfonieorchesters zu bilden. Denn eines halten sie ebenso für bedeutend: "Wir brauchen einen Generationswechsel." Ihr Rückzug als künstlerischer Leiter des Homburger Kammersinfonie-Orchesters kam für viele unverhofft. Was hat Sie dazu bewogen?

Markus Korselt: Der Satz "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist" ist mir seit einer Weile immer wieder durch den Kopf gegangen. Das Orchester steht vor einer Neubestimmung. Diese erfolgt am besten mit einer neuen künstlerischen Leitung. Und da war für mich jetzt der richtige Zeitpunkt: Das Orchester erhält begeisterten Zuspruch, ist finanziell gut aufgestellt, immer wieder kommen neue Mitglieder. Außerdem steht das nächste Konzert erst im Mai an.

Das sind grundlegende strukturelle Überlegungen, aber gab es auch einen Anlass für den doch abrupten Abschied?

Markus Korselt: Dass sich mein Rückzug nach außen als etwas hoppla hopp darstellt, liegt in der Entscheidung des Vereinsvorstandes, künftig alleine bestimmen zu wollen, wer letztendlich geeignet ist, im Orchester mitzuspielen und wer nicht. Dies war in den vergangenen 40 Jahren in Homburg nicht üblich, und in sämtlichen mir bekannten Orchestern, auch Laien-Orchestern, ist dies die Aufgabe des Dirigenten beziehungsweise des künstlerischen Leiters. Für diesen Sonderweg stehe ich nicht zur Verfügung.

Kam es denn häufig vor, dass Sie jemanden darauf hingewiesen haben, dass er nicht mitspielen kann?

Markus Korselt: In den vergangenen vier Jahren gab es zwei Fälle, in denen ich die Reißleine ziehen musste. Das zeigt auch, dass ich eigentlich bestrebt war, vom fast blutigen Anfänger bis zum Halbprofi alle zu integrieren - wenn es irgendwie ging. Es gab bei uns zum Beispiel auch kein Probespiel, wie in anderen Amateur-Orchestern üblich.

Sie haben von einer Neubestimmung des Homburger Kammersinfonie-Orchesters gesprochen. Was bedeutet das konkret?

Markus Korselt: Das Orchester muss sich fragen, was es in Zukunft sein möchte, wie häufig es auftreten möchte und kann, welchen Schwierigkeitsgrad die Stücke haben sollen. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, der alle paar Jahre stattfinden muss. Das vergangene Jahr mit seiner Unmenge an Konzerten - die immer gemeinsam per Abstimmung beschlossen wurden - war unser erfolgreichstes. Ich denke allerdings auch, dass das Orchester damit an seine Leistungsgrenze gestoßen ist.

Was wünschen Sie sich denn für das Orchester?

Markus Korselt: Ich wünsche mir, dass es die nächsten 40 Jahre spannende Konzertprogramme machen wird und weiterhin so neugierig bleibt. Das hat das Orchester wirklich ausgezeichnet.

Und was werden Sie in besonders guter Erinnerung behalten?

Markus Korselt: Ich bin für die gesamten vier Jahre unglaublich dankbar dem Orchester und dem Homburger Publikum gegenüber. Es gibt hunderte schönster Erlebnisse. Wenn ich drei herauspicken soll, so hat mich zum einen besonders die Aufführung von Anton Bruckners Nullter Sinfonie berührt, als spürbar eine Erschütterung durch den Saal ging. Zum anderen war das dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow mit dem Solisten Bernd Glemser ein Erlebnis. Da waren wir von uns selbst überrascht. Schließlich war es der Kompositionswettbewerb der Stadt Homburg, bei dem wir viele Uraufführungen gespielt haben. Beim zweiten Mal hat sich gezeigt, wie sich höchst qualifizierte Komponisten aus ganz Europa beteiligt haben. Und ich erinnere mich besonders an das Homburger Publikum, das die ganzen Sachen, auch die verrückten, mit Begeisterung angenommen hat. Darüber wäre manches Profi-Orchester glücklich. In der Summe bleiben also großes Glück und Dankbarkeit. Foto: SZ

Meinung

Schade, aber verständlich

Von SZ-RedakteurinUlrike Stumm

Sie sind hoch geflogen in den vergangenen vier Jahren, die Musiker des Homburger Kammersinfonie-Orchesters. Dabei hatten sie einen guten Piloten, der ihnen schwungvoll und mit viel Kreativität zu neuem Glanz verhalf. Das Publikum dankte es mit vollen Häusern - und Orchester wie Zuhörer erwiesen sich als neugierig und mutig genug, um sich auch für Ungewöhnliches zu öffnen. Mancher mag sich schon länger insgeheim gefragt haben, wie lange es einen jungen, ehrgeizigen Dirigenten noch in Homburg halten wird, wie lange andererseits die Musiker, immerhin Amateure mit anderen Bortberufen, mithalten können mit diesem Tempo. Allerdings ging der Anspruch des Klangkörpers stets über ein simples Amateur-Niveau hinaus - und das ist gut für die Stadt.

Wenn Korselt jetzt geht, ist das sehr schade, aber verständlich. Nach den wohl doch eher heftigeren Dissonanzen über Entscheidungskompetenzen können so (weitere?) ungute Töne vermieden werden. An Missklängen ist keinem gelegen. Bleibt zu hoffen, dass das Orchester es schafft, das zu bleiben, was es zurzeit ist: ein Aushängeschild für Homburg.

Hintergrund

Wie es für das Homburger Kammersinfonie-Orchester weitergeht, darüber sprachen Horst Riller, Jenny Kiesler und Peter von Styp-Rekowski (von links) in der Redaktion. Foto: Bernhard Reichhart

Markus Korselt bleibt Homburg weiterhin erhalten - als Leiter der Homburger Meisterkonzerte. Seine berufliche Zukunft liegt zum einen im Saarländischen Staatstheater, wo er als Referent der Geschäftsführung arbeitet. Zudem wird er einige professionelle Orchester dirigieren, etwas das Stuttgarter Kammerorchester, das Luxemburgische Kammerorchester, das Südwestdeutsche Kammerorchester und das Kurpfälzische Kammerorchester Mannheim. Weiter kann er sich vorstellen, auch wieder die künstlerische Leitung eines eigenen Orchesters zu übernehmen. Noch gebe es aber nichts Konkretes, sagte er. ust