Die Schrankwand ist gestorben

Wie richten sich die Menschen ein? Mögen sie alte Sachen oder immer das Neueste? Möbelgeschichte ist Sozialgeschichte. Das wird deutlich, wenn man 50 Jahre zurückblickt und sich überlegt, was sich seitdem in den Zimmern geändert hat. Anlass bot der 50. Geburtstag des Möbelhauses Braun.

Als im Jahr 1966 in Tübingen die Firma Braun gegründet wurde, herrschte Aufbruchstimmung. Es war der letzte Schrei, sich Plastikmöbel ins Wohnzimmer zu stellen, gekrönt von einer Couch aus orangefarbenem Kunstleder. Und nebenan glänzte die nagelneue Einbauküche mit Griffleisten aus Metall. Vorbei die Zeit der schweren hölzernen Büfettschränke, die bisher in den Wohnküchen herumgestanden hatten und an die gerade überwundenen Nachkriegsjahre erinnerten.

Mitte der 60er Jahre fand ein Aufbruch in eine neue, leichte, bunte und bessere Zeit statt - zumindest, was das Möbeldesign betraf. "Möbel spiegeln sehr deutlich die jeweilige Epoche wider", erläutert Gero Becker, Filial-Geschäftsführer des Möbelhauses Braun in Einöd , das zwar keine 50, sondern knapp 30 Jahre alt ist, was der Feierlaune aber keinen Abbruch tut. Denn an diesem Wochenende wird mit einem offenen Sonntag auch in Einöd das Firmenjubiläum des schwäbischen Mutterhauses, das über zehn Filialen verfügt, mit Getränken, Essen und Kinderbelustigungen gefeiert.

Doch zurück zum Möbelgeschmack der Deutschen, der sich etwa alle zehn Jahre wandelt. Bis in die 70er Jahre herrschte bunte Vielfalt vor, man liebte wilde Tapetenmuster und grelle Farben, bis in den 80er Jahren Schluss damit war. Es gab einen deutlichen Wohlstandsschub - und das zeigte sich auch in der Einrichtung. "Die Formen wurden strenger, das Design klassisch-modern, man liebte die Kombination Schwarz-Weiß und entdeckte die puristischen italienischen Designer." Der kühle Stil hielt sich zwar, aber bald brach sich wieder der Wunsch nach Gemütlichkeit Bahn, so dass in den 90er-Jahren erstmals der Landhaustrend aufkam, allerdings noch bescheiden mit Kiefernholz - damals auch unter dem Einfluss des sehr erfolgreichen Ikea-Konzeptes des Selbst-Zusammenschraubens.

Dies wiederum brachte Hersteller und Möbelhäuser dazu, mehr auf Qualität zu setzen, so dass um das Jahr 2000 dann der Edel-Öko-Trend aufkam - hochwertige Naturholzmöbel, gewachst oder geölt, die deutlich mehr dahermachten als die simplen Kiefernholz-Vorgänger. Und heute? "Die Zuschnitte der Räume haben sich geändert", so Gero Becker, "deshalb braucht man jetzt Möbel, die zu den Grundrissen passen."

Will heißen: der Schlafzimmerschrank ist gestorben, es gibt jetzt begehbare Räume, um Kleidung unterzubringen. Das Bettgestell ist weg, man liegt jetzt auf Matratzenburgen, Boxspring-Bett genannt. Und ein Relikt, das unausrottbar schien, hat es ebenfalls kalt erwischt: die Schrankwand. Sie ist tot. Für ihr Ableben sorgte die schnöde Technik: "Die TV-Bildschirme wurden immer größer, die passten in keine Schrankwand mehr", erklärt Becker.

Geht man durchs Möbelhaus Braun, weiß man, was er meint. Riesenfernseher thronen auf niederen Tischen, daneben passt höchstens noch ein schmaler Hochschrank und auf der anderen Seite ein kleineres Hängeschränkchen, mehr geht nicht.

Da die Grundrisse sehr offen sind, gehen heute Küche, Ess- und Wohnbereich ineinander über, "damit rückt die Küche in den Blickpunkt. Es ist daher wichtig, teure und schicke Geräte zu haben, die gut aussehen und zu einer Art Statussymbol geworden sind", erklärt Becker, "es wird einerseits weniger gekocht, andererseits wird die Küche immer teurer".

Die Sitzkugel war der Designtraum der 70er Jahre. Foto: ADelta/GMS. Foto: ADelta/GMS
Ein schickes Wohnzimmer aus den 50er Jahren. Foto: Anneliese Heil. Foto: Anneliese Heil

Für das Einöder Möbelhaus Braun, das sich ohnehin auf höherwertige Möbel spezialisiert hat und über viele Stammkunden verfügt, sind die neuen Edel-Trends kein Problem. Die Kunst sei, immer schon das zu führen, was die Kunden erst ein paar Wochen später nachfragten, betont Gero Becker. Dieses vorausschauende Konzept sei mit ein Grund, dass das Familien-Unternehmen nun erfolgreiche 50 Jahre alt wird.

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