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Weihnachtsoratorium in Homburg: Die Herzen der vielen Zuhörer erreicht

Weihnachtsoratorium in Homburg : Die Herzen der vielen Zuhörer erreicht

Beeindruckende Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach in der Stadtkirche Homburg. Ensembles und Solisten überzeugten.

Der Arzt, Philosoph, Musiker und Theologe Albert Schweitzer warnte davor, das ganze Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach an einem einzigen Abend aufzuführen, da ansonsten „der ermüdete Hörer die Schönheiten des zweiten Teils nicht mehr zu fassen vermag“. Vielmehr solle man einiges streichen, so die Arien, die wenig zur eigentlichen Handlung, der Weihnachtsgeschichte, beitrügen.

Schweitzers Warnung mag wenig taktvoll klingen, doch kommt sie nicht von ungefähr, denn: Bachs Werk ist in jeder Hinsicht gigantisch, das populärste und üppigste Weihnachtsoratorium schlechthin. Und genau das präsentierte am Sonntag, ganz dem Rat Schweitzers folgend natürlich nicht in Gänze, ein nicht weniger opulentes Ensemble in der komplett ausverkauften protestantischen Stadtkirche in Homburg.

Die Homburger Kantorei bildete gemeinsam mit dem Homburger Vokalensemble den fast schon unüberschaubar vielköpfigen Chor, Mitglieder der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern und das Trompeten-Ensemble Joel Schwarz zeichneten für das Instrumentale verantwortlich, Carola Ulrich (Sopran), Angela Lösch (Alt), Manuel Horras (Tenor) und Vinzenz Haab (Bass) solierten, die Gesamtleitung hatte Bezirkskantor Stefan Ulrich.

Und wenn man nun von ganz hinten im Kirchenschiff nach vorne in Richtung Altarraum blickte, da bot sich dann ein wirklich beeindruckendes Bild: Vorne das Orchester, dahinter der große Chor, die wechselnden Solisten – all das machte schon für das Auge deutlich, dass Bachs Weihnachtsoratorium etwas ganz Großes ist. Wie gesagt: Albert Schweitzers Rat folgend, der heute allerdings eh Konvention ist, waren es die Teile 1 bis 3, die Stefan Ulrich ausgewählt hatte. Andere übliche Präsentationsformen, wenn man sich auf einen Konzertabend beschränken will oder muss, sind die Teile 4 bis 6 oder die Teile 1 bis 3 und 6.

Woher nun diese Bach’sche Aufteilung des Gesamtwerkes? Die Erklärung ist eigentlich ganz simpel, hatte der Komponist doch sein Weihnachtsoratorium für sechs Aufführungstage konzipiert. Teil 1 sollte am ersten Weihnachtstag erklingen, Teil 2 am zweiten. Teil 3 war für den 27. Dezember vorgesehen, Teil 4 für den Neujahrstag. Der erste Sonntag nach Neujahr war die Zeit für Teil 5, am 6. Januar (Epiphanias: Fest der Erscheinung des Herrn) sollte Teil 6 erklingen. In dieser Form ist Bachs Meisterwerk, nach seiner Premiere in ursprünglicher Form im Jahr 1734, heutzutage aber kaum noch zu hören, üblich sind die genannten Auszüge. Die fassen sich vor allem durch die einheitliche Instrumentierung.

Nun lässt allein schon die Aufführungssystematik erkennen, dass Bach, seinem außerordentlichen Ruf entsprechend, mit seinem Weihnachtsoratorium nichts Übliches erschaffen hat. Tatsächlich überragt sein Werk bei weitem alle anderen, thematisch vergleichbaren Kompositionen. Wer sich unter musikwissenschaftlichen und kompositorischen Gesichtspunkten Bachs Weihnachtsoratorium nähert, der erkennt schnell, welche Geistesleistung hier zu hören ist, wie Bach es geschafft hat, die Geschichte von Jesu Geburt in Ton und Texten (die neben Auszügen aus dem Lukas-Evangelium unter anderem von Luther, Gerhard und Rist stammen) zu fassen. Dass Bach dabei nicht nur auf neue Kompositionen zurückgreift, sondern schon von ihm Erschaffenes einbindet, ist da kein Zeichen von Einfachheit, sondern vom Vermögen des Komponisten.

Bei all diesem Großem geht es aber im Moment der Klangwerdung eigentlich nur um eines: die Herzen der Zuhörer zu erreichen. Und das gelang dem vielköpfigen Ensemble aus Chor, Orchester und Solisten am Sonntagabend vom ersten Ton an. Mit Beginn des Teil 1, im besten Sinne ein Klassiker geistlicher Kompositionen, herrschte eine ganz besondere Stimmung in der Stadtkirche. Der Chor ließ ein wunderbar kraftvolles „Jauchzet, frohlocket“ durch das Kirchenschiff schallen, klar und unmissverständlich die Botschaft: Der Herr ist erschienen. Bei den Zuhören, in den Bann gezogen von Bachs kompositorischer Meisterleistung und beeindruckenden Präsentation unter der Leitung von Stefan Ulrich, kam mehr als einmal Emotion pur durch. So flüsterte eine Zuhörerin ihrer Nachbarin zu: „Ich hab grad eine Gänsehaut“. Viel mehr kann man als Gast und als Künstler an einem solch schönen Abend eigentlich nicht erwarten.