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Das zeigen Brunhilde Gierend und Johannes Rebmann im Saalbau

Arbeiten aus der Homburger Jahresausstellung : Im Widerschein des inneren Auges

Wenn das Publikum nicht zur Ausstellung kommen kann, dann kommen die Bilder eben zu ihm nach Hause. In loser Folge stellen wir Arbeiten der Homburger Jahresausstellung vor, die bislang noch nicht eröffnet werden konnte. In diesem Teil geht es um Brunhilde Gierend und Johannes Rebmann.

Das Homburger Ausstellungsjahr liegt weiter im Tiefschlaf. In der Galerie im Saalbau hängt bekanntlich seit November die Jahresausstellung Homburger Künstler zum Motto „Spieglein, Spieglein...“, geöffnet wurde sie nie. Und durch den verlängerten Corona-Lockdown ist nicht klar, wann und ob hier je wieder Besucher kommen dürfen. Zuletzt zeigte sich Kuratorin Françoise Mathis-Sandmaier optimistisch, dass die Schau noch ihr Publikum vor Ort bekommen kann – irgendwann, möglicherweise dann eben als Frühjahrs- oder Osterausstellung. Bis es soweit ist, werden hier in loser Folge Arbeiten vorgestellt. Diesmal die von Brunhilde Gierend. „Im Widerschein“ hat sie ihr Bild genannt. Und um das Motto für sich zu fassen, hat sie sich breit damit auseinandergesetzt, auch mit den Ansichten von Philosophen, Künstlern zum Spiegelbild. Der italienische Maler, Objektkünstler und Kunsttheoretiker Michelangelo Pistoletto habe etwa einmal gesagt: Das Wiedererkennen des eigenen Bildes im Wasser und Spiegel sei vielleicht eine der ersten Halluzinationen, denen der Mensch begegnet ist. Und die Bedeutung des Spiegels sei generell in vielen philosophischen und psychoanalytischen Texten herausgearbeitet worden. So habe Sigmund Freud, bekannt als Begründer der Psychoanalyse, sein Thema der Melancholie vom Spiegelbild des Narziss abgeleitet. Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul Sartre habe die Entstehung des Selbstbewusstseins im Blick des anderen begründet gesehen.

Gierend weiter: „Tag für Tag dient uns der Blick in den Spiegel als Instanz zur Prüfung unseres Aussehens und Empfindens. Es geht dabei um Selbsterkenntnis, Eitelkeit, Schönheit, Weisheit, Mystik und Magie.“ Schon der griechische Philosoph Sokrates habe seine Schüler angemahnt, sich im Spiegel anzuschauen und dabei über Schönheit und Vergänglichkeit nachzudenken.

Weisheit habe bereits bei den Griechen als Kardinalstugend gegolten: Als weise wurde bezeichnet, wer mit kluger Voraussicht den Weg in die Zukunft bedenkt, nicht wer sich hochmütig, stolz und eitel im Spiegel anschaut und dabei weder an die Vergangenheit, noch an die Zukunft denkt, stattdessen selbstvergessen dahinlebt.

Der Spiegel gelte zudem als Metapher für die Seele. In allen großen Religionen deuteten Texte darauf hin. Nur ein blanker Spiegel, nicht der blinde Spiegel nehme ihm die Illusionsfunktion. Und sie beruft sich auf ein Zitat des Autors Joseph Roth aus dessen kleinem Roman „Der blinde Spiegel“: „Wer aber, wie wir aus engen Häusern kommt und in den Zimmern mit den blinden Spiegeln heranwächst, bleibt zage und gering sein ganzes Leben lang.“

In ihren Arbeiten hält es Brunhilde Gierend auch mit dem Satz des dänischen Malers Peer Kirkeby: „Malen ist unablässiges Erinnern“. Gierends Arbeiten sind vorwiegend abstrakt, aber immer eine Reaktion auf etwas Reales, Erfahrenes, eine Erinnerung an einen Kulturraum. Es sind sichtbar gewordene subjektive Empfindungen, und sie weisen auf die Vielschichtigkeit und Vergänglichkeit des Lebens hin.

 In „Chronologie der Flut“ greift Johannes Rebmann das Thema der Pandemie auf.
In „Chronologie der Flut“ greift Johannes Rebmann das Thema der Pandemie auf. Foto: Rebmann

 Über ihre Herangehensweise schreibt sie: „Das Experiment ist meine wichtigste Arbeitsgrundlage.“ Kunst sensibilisiere die Wahrnehmung, daher gehöre diese zu ihrer künstlerischen Arbeit: Sie nimmt auf, was „um uns herum geschieht“. Dann folge das Sammeln: Zeichnungen, das können etwa Leporellos mit kleinen Blindzeichnungen sein, Fotofragmente, Texte wie Zeitungsartikel, Literatur, Gedichte, Notizen. Schriftzeichen werden lesbar oder nur als bildnerisches Element eingesetzt. Im Atelier ordne sie das alles und bewahre es auf. Das jeweilige Sujet, das sie dann auswähle, sei lediglich ein Anstoß und Freiraum zur gestalterischen Farb-, Form- und Materialerkundung.

 Hier komme die Freude und das Spiel mit den künstlerischen Bild- und Gestaltungselementen zum Einsatz. Dazu gehören unterschiedliche Materialien wie Papier, Fotofragmente, Pigmente, Acrylfarbe, Asche, Sand, Marmormehl, Champagnerkreide und nicht zu vergessen Wachs. „Viele meiner Bilder weisen keine glatten, geschönten Oberflächen auf. Es gibt haptische Strukturen, Risse, Schrunden, verletzte oder offene Stellen.“ Vor allem die Collage komme ihrer Arbeitsweise entgegen. Der eigentliche Malprozess entwickle sich aus einem Dialog mit dem Bild und bleibe sichtbar. „Die Interpretation ist dem Betrachter freigestellt: Es kann so sein, aber auch anders.“

Brunhilde Gierend wurde in Homburg geboren, sie arbeitete im Schuldienst, bildete sich regelmäßig weiter an der europäischen Kunstakademie Trier, der Kunstakademie Augsburg, auch Workshops gehörten für sie dazu. Seit 1998 hat sie ein eigenes Atelier in Bexbach und in Kaysersberg im Elsass. Sie ist Mitglied im BBK Saar, in der GEDOK Karlsruhe und Mannheim /Ludwigshafen sowie im Kunstverein Zweibrücken. Brundhilde Gierends Arbeiten waren bereits häufig in Ausstellungen zu sehen, etwa in Neunkirchen, Saarbrücken, auch in Frankreich – im Saalbau hatte sie eine Einzelschau, an den Jahresausstellungen nimmt sie ohnehin seit langem teil.

Johannes Rebmann hat ebenfalls eine Arbeit zur Jahresschau 2020 beigesteuert. Und auch seine „Chronologie der Flut“, ein Triptychon, hängt in der Saalbau-Galerie seit Wochen, ohne ein Publikum haben zu dürfen. Der Titel gehe zurück auf den Roman „Das Jahr der Flut“ von Margaret Atwood (2009). Darin bricht eine tödliche Pandemie über die Menschheit herein, eine „wasserlose Flut“. Mit Corona sei aus der Fiktion des Romans bittere Realität geworden, schreibt Rebmann. Das Flutsymbol war dann auch Anregung für eine Serie, bestehend aus 14 Arbeiten, ein Spiegel „meiner bildnerischen Auseinandersetzung mit der Corona-Epidemie“, so Rebmann. Diese habe auch fast ausschließlich seine künstlerische Arbeit 2020 geprägt. Er habe davon gerade noch eine Arbeit ausstellen können im saarländischen Künstlerhaus in der Ausstellung „Letzte Lockerung“.

Die Einzelbilder des Triptychons seien in zeitlichem Abstand entstanden, sie zeigten die Chronologie seiner Gefühle während der Coronazeit: Ängste schlagen sich in Rot und Schwarz nieder, Hoffnungen in Blau, alles umgesetzt in Bildzeichen, Farben, Strukturen. Und was ist mit dem Motto des „Spiegels“? Dieser sei eine Glasfläche, die Lichtstrahlen spiegelt oder reflektiert, im übertragenen Sinn verstanden als Reflexion innerpsychischer Vorgänge. Nach der Ansicht des Frühromantikers Caspar David Friedrich solle ein Maler nicht nur das malen, was er vor sich sieht, sondern auch das, was er in sich sieht. Dies gilt auch für Rebmann: „In meinen Bildern will ich nicht die sichtbare Realität abbilden. Vielmehr schaue ich mit dem ,inneren Auge’ hinter die Haut der Dinge, hinter ihre vordergründige Oberfläche und entdecke dort die Spuren und Zeichen einer anderen Realität. Durch die visuelle Sprache von Formen, Farben und Strukturen versuche ich, diese innere Wirklichkeit malerisch und grafisch auszudrücken und sie für den Betrachter, die Betrachterin erfahrbar werden zu lassen“, sagt er zu seinem Leitmotiv.

Für sein Triptychon hat er Acrylfarben verwendet, bei großformatigen Arbeiten benutze er selbst hergestellte Ei-Tempera mit Farbpigmenten. Er male in mehreren Schichten, Formen und Strukturen löst er aus der unteren Schicht heraus, unter anderem mit den Fingern, Spachteln, Radiernadeln. Auch Übermalen und neues Strukturieren gehören zum Entstehnungsprozess, dazu arbeite er nicht an einer Staffelei, seine Leinwände liegen flach auf dem Arbeitstisch. Johannes Rebmann hat sein Atelier in Kirrberg, geboren wurde er in Kirkel. Beeinflusst wurde seine Kunst durch Reisen, unter anderem anch Frankreich, Israel, Ägypten. Nach seinem Studium arbeitete er als Lehrer mit dem Schwerpunkt Kunsterziehung – mittlerweile ist er pensioniert –, er studierte unter anderem beim Homburger Willi Spiess. Er ist Mitglied im saarländischen Künstlerhaus, im Kunstverein Zweibrücken, zudem ist er als Dozent an der Jugendkunstschule Zweibrücken tätig. Wer mehr über Rebmanns Arbeiten wissen und mehr davon sehen möchte, sollte seine Internetseite besuchen.

johannes-rebmann.jimdofree.com