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Damit Geschichte sich nicht wiederholt

Damit Geschichte sich nicht wiederholt

Zwei Gedichte von Nelly Charymski aus der Sicht von Anne Frank und ihrer unerfüllten Hoffnungen und Wünsche beeindruckten: Die Geschichts-AG des Saarpfalz-Gymnasiums übernahm die Gestaltung der Gedenkfeier.

Wie gingen die Homburger Veranstalter des Gedenkens an die Pogromnacht vor 78 Jahren mit den frischen Eindrücken der amerikanischen Präsidentschaftswahl um? Pfarrerin Petra Scheidhauer nahm da kein Blatt vor den Mund. Schon nach wenigen Sätzen ihrer Rede in der protestantischen Stadtkirche in der Homburger Altstadt am Mittwochnachmittag landete sie bei Donald Trump . Der neue US-Präsident sei rassistisch, fremdenfeindlich und antidemokratisch. "Ab jetzt gilt in den USA nichts mehr", rief Scheidhauer vom Rednerpult in Befürchtung eines radikalen Wandels.

Besonders begrüßte die Pfarrerin als Ehrengast Doris Deutsch, Witwe des Holocaust-Überlebenden Alex Deutsch. Anschließend übernahm die Geschichts-Arbeitsgemeinschaft des Saarpfalz-Gymnasiums die weitere Gestaltung der Feier. Dabei beeindruckten vor allem zwei Gedichte des jüngsten AG-Mitglieds Nelly Charymski, die aus der Perspektive Anne Franks deren unerfüllte Hoffnungen und Wünsche beschrieb. Das hatte nicht nur literarische Qualität, sondern war auch überzeugend vorgetragen. Nicolas Ecker wiederum gab ein politisches Statement in Bezug auf die heutige Zeit ab: "Sie sind wieder da, die Brandstifter, Rassisten und Ewiggestrigen. Getrieben von Hass und Dummheit, Vorurteil und Wut lassen sie ihren Aggressionen freien Lauf. Im Nazi-Reich verbrannten sie die Juden, heute hetzen sie gegen Flüchtlinge."

Die Hauptrede hielt danach Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann, Beauftragter der Evangelischen Kirchen im Saarland am Sitz der Landesregierung. Sein Thema war der ausbleibende Protest der Protestanten im Dritten Reich gegen die Nazi-Gräuel. Gerade in der Pogromnacht hätten sich doch die christlichen Kirchen schützend vor die Synagogen stellen können. Sie taten es aber nicht. Im Gegenteil, es habe sogar eine Bereitschaft gegeben, anti-jüdische Ressentiments in den Predigten umzusetzen. Die protestantische Landeskirche der Pfalz habe sich sowohl aktiv als auch passiv am Unrecht beteiligt. "Es gab kein einziges Wort des Bedauerns zur so genannten Rassenpolitik der Nationalsozialisten", so Hofmann. Nur Einzelne hätten es gewagt, den Mund aufzumachen, so wie Johannes Bähr, Großvater von Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr. Dieser habe zwei Tage nach der Pogromnacht im Religionsunterricht gesagt, es sei nicht recht, ein Gotteshaus anzuzünden. Daraufhin erfuhr er zahlreiche Repressalien durch das NS-Regime.

Heute würden sich wieder viele hinter Gardinen verstecken, während Flüchtlingsheime brennen oder Juden auf offener Straße angegriffen werden. Wer den Ideologen von AfD, Saargida, Reichsbürgern oder Identitärer Bewegung freien Lauf lasse, der gefährde die Basis unseres Zusammenlebens, so Hofmann. Widerspruch gegen rechtspopulistische Thesen sei Christenpflicht. Seine Rede beendete Hofmann mit einem Appell an die Jugend und einem Dankeschön auf Hebräisch und Deutsch.

Die Konfirmandinnen und Konfirmanden von Petra Scheidhauer beteiligten sich an der Feier mit Gedanken dazu, was gewesen wäre, wenn es das Dritte Reich nicht gegeben hätte. Dabei zählten sie dann auch jüdische Traditionen und Feste auf, die sie durch mögliche Mitschüler hätten kennen lernen können.

Der Schweigemarsch bewegte sich anschließend von der Stadtkirche zu den Gemäuern der einstigen Synagoge. Dort bedankte sich Oberbürgermeister Rüdiger Schneidewind bei den Teilnehmern, dass "sie sich aktiv einbringen dafür, dass Geschichte sich nicht wiederholt." Zum anrührenden Gedenken trugen auch die musikalischen Beiträge bei, die dieses Mal vom Schulchor des Saarpfalz-Gymnasiums und vom Ensemble Chorioso stammten.