Charlie Bick und Marion Künster beenden die Saarbrücker Sommer-Szene

Festival endet nach über 30 Jahren : Warum die Sommer-Szene für immer endet

Über 30 Jahre lang haben Charlie Bick und Marion Künster die Internationalen Straßentheatertage gemacht. Vom 6. bis 10. August findet das beliebte Festival zum letzten Mal statt.

„Ich hab’ überhaupt keine Wehmut, ich habe nur ein Lächeln“, sagt Charlie Bick und nimmt einen Schluck von seiner Ingwer-Limonade. Er sitzt an einem seiner Saarbrücker Lieblingsorte, am Saarbrücker Schloss unter den riesigen Platanen, deren Pflanzung vor etwa 30 Jahren er noch selbst erlebt hat.

Das Lächeln gilt der Erinnerung an fast 35 Jahre Internationale Straßentheatertage, an die bei groß und klein heiß geliebte Sommer-Szene. Was hat man just hier am Schloss für fantastische Aufführungen erlebt. Riesige Fantasie-Insekten schwebten durch die Menge, es gab wüstes, wildes Theater, und Legionen von Gauklern und Musikern verzauberten den Platz.

Damit ist jetzt Schluss. Vom 6. bis 10. August ist die definitiv letzte Ausgabe der Sommer-Szene. Charlie Bick und Marion Künster hören auf. Aus unterschiedlichen Gründen, aber fest davon überzeugt, dass es der richtige Zeitpunkt ist. „Ich glaube, wir haben es lang genug gemacht“, sagt Marion Künster. Wir erreichen sie am Telefon, sie ist gerade schwer erkältet aber nicht betrübt. Die 59-Jährige lebt seit einiger Zeit schon in Niedersachsen, kommt für die letzte Sommer-Szene ein letztes Mal in die alte Heimat und freut sich „auf ein Fest mit alten Freunden“.

Charlie Bick wird im November 65. In Frankreich, wo er 20 Jahre lang quasi in einem zweiten Leben als Sprachen-Lehrer gearbeitet hat, ist er schon länger Rentner. Jetzt kommt das deutsche Rentenalter dazu. „Meine Kerze wird kürzer“, sagt er, „da stellt man sich schon die Frage: Was will ich noch sehen, was will ich noch erleben?“

Für die Sommer-Szene bedeutet das: Es gibt sie nach diesem Sommer nicht mehr. „Wir haben schon länger durchblicken lassen, dass wir daran denken, aufzuhören, aber es hat niemand aufgemerkt“, sagt Charlie Bick. Niemand wollte sich die Arbeit und das Risiko, solch ein internationales Festival mit minimalen Mitteln zu stemmen aufladen. Auch bei Stadt oder Land nicht.

Ohnehin war in den letzten Jahren bereits Völklingen als Mitveranstalter abgesprungen, Dillingen auf dem Rückzug. Deshalb wird die letzte Sommer-Szene 2019 sozusagen zurück zu den Wurzeln gehen. „Wir spielen nur am Schloss, in Brebach, in Dudweiler und Malstatt“, sagt Bick. Ohne große, überdachte Bühnen „und wir lassen auch keine Elefanten über die Stadt fliegen“, sagt Marion Künster und lacht.

„Wir wollen nochmal Gruppen einladen, die uns über die Jahre begleitet haben“, sagt Charlie Bick. Logisch, dass das Kölner N.N. Theater dabei sein wird. Die legendären Klassiker-Zerleger kommen gleich mit zwei Stücken ans Schloss: mit „2000 Meilen unter dem Meer“ und dem Märchen „Das kalte Herz“. „13, 14 Gruppen wird es geben“, sagt Bick. Mehr wollen sie erst im Juli bekannt geben, wenn das endgültige Programm steht.

Für die beiden Kulturmenschen beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. Komplett ohne Festivals. Gemeinsam hatten sie nicht nur die Sommer-Szene organisiert. Sie bauten auch das renommierte Festival Tête à Tête in Rastatt auf, bei dem an die 50 Gruppen aus aller Welt auftreten. Auch in anderen Städten wie Neckarsulm, Heilbronn oder Ludwigshafen waren sie als Straßentheater-Manager unterwegs.

Alle diese Festivals haben sie im Lauf der letzten fünf Jahre abgegeben. Nicht alle sind damit so wie die Sommer-Szene beendet. „In Rastatt etwa hatten wir viel erreicht“, erzählt Charlie Bick, „es gibt heute feste Stellen bei der Stadt und einen Etat von fast einer Million.“ Das von ihnen gegründete Festival wird jetzt von einem neuen Team weitergeführt. Auch Ludwigshafen und Mosbach machen weiter Straßentheater-Tage.

„Aber wir haben in den letzten Jahren viele Festivals sterben sehen“, sagt Marion Künster. Es sei immer schwieriger, auch wegen der finanziellen Mittel. Vor allem aber gab es einen kulturellen Wandel. „Unser Konzept, Kultur mit Qualität in den öffentlichen Raum zu bringen, hat sich zwar nicht überlebt, aber es gibt heute wesentlich mehr davon.“

Als in Saarbrücken erst die Perspectives und dann die Sommer-Szene in den 80er-Jahren begannen, Theater-Spektakel auf Straßen und Plätze zu bringen, war das hierzulande ganz neu. Heute gibt es bei jedem Stadtfest und den ganzen Sommer hindurch niederschwellige Kulturangebote und auch Anspruchsvolles wie etwa die Saarbrücker Sommermusik.

„Als wir damals das erste Mal am Schloss gespielt haben, hielten uns alle für verrückt“, erinnert sich Charlie Bick. Johannes Warth alias Clown Tschapo war der allererste auswärtige Künstler der Sommer-Szene. Er brachte so genanntes unsichtbares Theater mit, mischte sich unters Publikum und trieb Schabernack. Weniger Jahre später erlebte man hier spektakuläre Feuer- und Stelzen-Theater aus der ganzen Welt.

Nicht nur die großen Spektakel, auch die kleinen feinen Straßenkünste werden fehlen, wie etwa von der belgischen Gruppe „Merci Madame“, die vor zwei Jahren auf dem St. Johanner Markt unterwegs war. Foto: Iris Maria Maurer
Charlie Bick und Marion Künster hören auf. Foto: Iris Maurer
Solche spektakulären Szenen wird es in Zukunft nicht mehr geben. Gerade am Saarbrücker Schloss hatte die Sommer-Szene oft aufwändige und atemberaubende Produktionen gezeigt, so wie diese gruselige Braut, die die spanische Gruppe Palo Q‘Sea 1998 aufs Publikum losließ. Foto: fine art press
Foto: barbian,uli
Die absoluten Publikumslieblinge sind fast von Anfang an beim Festival dabei und kommen auch zum Abschluss wieder: das Kölner NN. Theater, hier bei einem Auftritt in Dillingen vor bald 20 Jahren. Foto: fine art/fine art press

„Ich bin kein Archivar, ich bin auf meine eigenen Erinnerungen angewiesen, und ich erinnere mich fast immer nur an Schönes“, sagt Charlie Bick, wenn man ihn nach 30 Jahren Sommer-Szene in Saarbrücken fragt und strahlt dabei mit der Sonne um die Wette. Denn Schönes gab es ja reichlich bei der Sommer-Szene. Nur eines wundert ihn heute: „Wie habe ich nur meine ersten Festivals gemacht – nur mit einem Wahlscheiben-Telefon?“

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