Jazzfrühschoppen: Charakterkopf mit Goldkehlchen

Jazzfrühschoppen : Charakterkopf mit Goldkehlchen

Beim Jazzfrühschoppen in Homburg war diesmal mit Joy Fleming eine der ganz großen Soul- und Jazzstimmen Deutschlands zu Gast.

Eine Legende, eine Ikone: Für Joy Fleming ließen sich ohne Mühe viele, treffende Beschreibungen finden. Seit Jahrzehnten ist die gebürtige Rockenhausenerin für viele schlicht die deutsche Stimme des Jazz und Blues. Mit dem „Mannemer Neggabriggebluus“ setzte sie sich schon früh in ihrer Solokarriere ein Denkmal, in den Jahren danach bewies die Ausnahme-Künstlerin auf Touren durch die ganze Welt ihr Können. Und mit diesem Weltruf war Fleming nun am Samstag zu Gast beim Homburger Jazzfrühschoppen. Was nicht wenige umtrieb und was viele wissen wollten: Wie ist die Fleming so, so ganz persönlich? Die kurze Antwort? Ein echte Granate, ein Original, ein Charakterkopf mit Goldkehle – und ein absolut entspannter, gelöster und lockerer Gesprächspartner. „Willsch a paar Pommes hawe?“ Wer als Star im Format einer Joy Fleming so in ein Interview einsteigt, dem sind Star-Allüren völlig fremd. Und genau das ist es, was Fleming neben ihrer Wahnsinns-Stimme ausmacht. Sie lässt einen ganz nah ran, ganz gleich ob im Interview oder auf der Bühne. Von dort aus wolle sie, das macht Fleming schon gleich am Anfang klar, dem Publikum „was Schöne biete. Mir mache net so e Klickerles-Programm. Mir wolle die Stimmung raushole“. Dass viele sie vor allem und immer noch mit ihrer Hymne über die Mannheimer Neckarbrücke in Verbindung bringen, damit hat sie kein Problem. „Des freut mich, mir spiele des Lied auch immer. Des gehört dazu, des is wie mei zweites Kleid““, lacht die Sängerin, während sie sich im Backstage-Bereich am Samstag ganz relaxed auf ihren Auftritt vorbereitet. In ihrer über 50-jährigen Karriere habe sie nie ans Aufhören gedacht, auch heute nicht. „Wenn isch so hör, was do so im Radio und Fernsehen singt, donn denk isch: Aldi, du bisch noch weit, weit denne voraus.“ Gefragt, was eine gute Jazzstimme ausmache, bringt es Fleming dann auch so den Punkt: „Können, Können, Können.“

Von diesem Können gab’s am Samstag jede Menge. Und das lag nicht nur am gefeierten Auftritt von Fleming selbst. Im Vorprogramm hinterließ die Pfälzer Formation „Blech pur“ einen hervorragenden Eindruck, den Fleming selbst in ihrer unnachahmlichen Art so kommentierte: „Hawener gut gemacht, ihr Buwe.“ Dann war sie selbst dran. Und der Anblick, der sich Fleming von ihrem Platz auf der Bühne geboten haben muss, war wohl wirklich phänomenal, denn: Trotz üblem Regenwetter war der Marktplatz so voll wie noch bei keinem Jazzfrühschoppen-Konzert in dieser Saison. Und dicht gedrängt unter den Schirmen erlebten die wirklich unzähligen Gäste ein nicht minder bemerkenswertes Konzert, bei dem Joy Fleming mit ihrer sensationellen Stimme bewies, warum sie nach wie vor eine Königin des deutschen Jazz ist. Mal groovig, mal samt schmeichelnd, mal röhrend, mal lockend wanderte sie schlafwandlerisch die Tonleitern auf und ab, da saß jeder Ton, da passte jede Stimmung – das war ein Genuss auf höchstem technischen und emotionalem Niveau. Dass das gesamte Hörerlebnis auch getragen wurde von einer ausgezeichneten Begleitband um Flemings Lebensgefährten Bruno Masselon am Keyboard, das war am Samstag weitaus mehr als eine Randnotiz.

Doch es war eben nicht nur das musikalische Erlebnis, das den Samstag so außerordentlich machte – Flemings unglaubliche Präsenz  machte einfach Spaß. Mit viel Witz moderierte sich „die Stimme“ durch ihr eigenes Programm, nahm das Publikum mit, animierte, verwandelte ein Tonfragment auch mal in einen Jodler und stimmte mit dem Publikum ganz spontan den Titelsong aus der Zeichentrickserie „Heidi“ an. Ohne Zweifel: Mit dem Engagement von Fleming haben die Macher des Homburger Musiksommers, Raimund Konrad und Norbert Zimmer, gerade dem Jazzfrühschoppen zu einem echten Höhepunkt verholfen und der Stadt einen ganz besonderen Samstagmorgen geschenkt.