Bosch, Schaeffler, Thyssen-Krupp: Ruhe vor dem Sturm bei Homburger Betrieben?

Kostenpflichtiger Inhalt: Nur die Ruhe vor dem Sturm? : Viel zu tun für Auto-Zulieferer in Homburg

Die hiesigen Großunternehmen Bosch, Schaeffler oder Thyssen-Krupp müssen sich in den Augen der IG Metall auf Einschnitte einstellen. Doch in der Tagesproduktion spüre man von diesem Veränderungsdruck nichts.

Wie sicher sind die Arbeitsplätze der hiesigen Automobilzulieferer? Das ist aktuell die große Frage, Stichworte: Diesel-Skandal oder Klimawandel. Zuletzt hatte die Linken-Fraktion im Homburger Stadtrat eine Resolution eingebracht zur „Sicherung der krisenbedrohten Arbeitsplätze in den Betrieben der Automobilindustrie und ihren Zulieferern in Homburg“.

Doch so dramatisch die Ankündigungen von Arbeitsplatzabbau aus den Firmenzentralen (Schaeffler will etwa bis zu 1300 Stellen auf freiwilliger Basis abbauen, Bosch will bis 2021 weitere 3300 streichen) daherkommen – in Homburg selbst spürt man das im Tagesbetrieb nicht. Das jedenfalls ist die Einschätzung von Peter Vollmar, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Homburg-Saarpfalz. „Es ist generell eine verrückte Situation: Man weiß, dass in Zukunft etwas Großes auf die Betriebe zukommt. In sehr, sehr ferner Zukunft wird es keinen Verbrennungsmotor mehr auf der Straße geben. Aber tagesaktuell ist in den Fabriken viel zu tun.“

Im Moment erstelle gefühlt jeder Betrieb für sich eine Zukunftsprognose, wie es weiter geht mit dem Verbrenner, mit Hybrid, inwiefern Autos rein elektrisch fahren oder sich Wasserstoff als Antriebstechnologie durchsetzt. „In Homburg haben wir eine massive Konzentration auf den Verbrennungsmotor“, erinnert er, mit der Dieseleinspritzung bei Bosch, Motorenelementen bei Schaeffler und Kurbelwellen bei Thyssen-Krupp. „Das brauche ich alles beim Elektromotor nicht.“ Daher fordert die IG Metall, dass alle Betriebe sich für die Zukunftstechnologien wappnen. „Thyssen-Krupp ist ein Stück weit vorangegangen. Sie schmieden Elemente mit Achse, die mit dem Verbrenner nichts zu tun haben.“

 „Der Blick der Betriebsräte und der IG Metall ist nicht, dass jeder, der einen Arbeitsplatz hat, bis zur Rente individuell gut versorgt durchkommt. Es gehe alleine in der Stadt Homburg um 10 000 Arbeitsplätze, die am Verbrenner hingen – mit den Zulieferern „deutlich mehr“. Die Menschen sollten in der Region einen Arbeitsplatz finden. „Unser Anspruch ist, dass sowohl Landes- als auch Bundesregierung zur Kenntnis nehmen, was in der Industrie passiert und unsere Bestrebungen unterstützt“, betont Vollmar.

Und wie ist nun die Situation konkret  in den Homburger Großbetrieben? Insgesamt sei die Zahl der Arbeitsplätze zwischen 2014 und 2019 zwar geschrumpft. Das liege aber am Abbau von 4900 auf 3900 bei Bosch. Schaeffler hingegen habe von 2400 auf 2800 aufgestockt, Thyssen-Krupp verharre etwa bei 700, erläutert Vollmar.

Bei Schaeffler sei der Aufbau einem „extrem hohen Maß“ an Arbeit geschuldet. Die angekündeten Abbaumaßnahmen beträfen „zu zwei Drittel die Konzernzentrale in Herzogenaurach“. „Wir müssen aufpassen, dass wir den Druck auf die Beschäftigten nicht zu sehr erhöhen, indem wir zulassen, dass andere die Fabrik verlassen und sich die Arbeit verdichtet.“ In Homburg seien vor allem Befristete schon abgebaut worden, was keine Überraschung gewesen sei. Das habe mit dem veränderten Schichtmodell zu tun. Im Zuge dessen Einführung seien neue Schichtgruppen eingeführt wurden, für die man Befristete eingestellt habe. Damals sei klar gewesen, dass diese neuen Schichtgruppen wieder abgebaut würden. „Da wurde damals jedem reiner Wein eingeschenkt.“ Wenn man tagesaktuell durch den Betrieb laufe, frage man sich „in welcher heilen Welt wir leben“.

Das sei fast auf Bosch übertragbar. Dort sei die Auslastung auch sehr hoch, doch das Bestellverhalten der Kunden könne nunmal nur bedingt prophezeit werden. „Das Werk wird seit vielen Jahren nach unten gefahren. Bosch war mal bei 7000. Unsere Befürchtung ist, falls irgendwann eine kritische Zahl erreicht ist, dass es nicht mehr lohnt. Bei Dieselprodukten könnte der Zeitpunkt schneller kommen, als uns lieb ist. Deshalb wollen wir Zukunftstechnologie in Homburg haben.“ Das Unternehmen hätte es laut Vollmar gerne, dass es in puncto Beschäftigtenzahl weiter nach unten gehe. „Wir arbeiten daran, dass es konstant bleibt oder nach oben geht.“ Die IG Metall setze auf neue Entwicklungen, „wir denken, dass die Brennstoffzelle vielversprechend sein kann. Unternehmen wie Bosch, die mit dem Verbrennungsmotor massive Gewinne gemacht habe, müssten jetzt „ein Stück weit Risiko gehen“.

Bei Thyssen-Krupp verbuche man „nach wie vor extrem viel Arbeit“, suche eher nach neuen Beschäftigten. Konkret solle ab dem Jahr 2021 eine Produktionslinie in Betrieb gehen, an der Vorderachsen für Lkw produziert werden. 70 Arbeitsplätze sollen dafür geschaffen werden, so Vollmar. Doch während die meisten Betriebe anerkannt hätten, dass es im Leben ihrer Angestellten mehr gebe als Stückzahl und Produktionslinien, sei Thyssen-Krupp hier „deutlich allein unterwegs gewesen.“ Etwa in Fragen von Freizeitausgleich bei belastender Arbeit, in Elternschaft, als Pflegender von Angehörigen. Thyssen-Krupp habe denjenigen in solchen Situationen nicht die Möglichkeit nach mehr Freizeit gegeben (wir berichteten). Die Anträge, die 2018 für 2019 gestellt wurden, seien meist abgelehnt worden. Erste Klagen dagegen seien vorm Arbeitsgericht anhängig.  Jeder Industriebetrieb bekomme es hin, unangekündigte Ausfälle abzufedern. „Mir kann keiner, der nicht alle 14 Tage seine Fabrik zusperrt, sagen, dass man ein Jahr Vorlauf braucht, damit die Beschäftigten ein paar Tage mehr frei haben“, mahnt Vollmar.

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