Blausäure-Debatte nach Hallenbrand bei Mobius in Homburg

Debatte im Wahlkampf angekommen : Der Hallenbrand in Homburg und die (theoretische) Blausäure-Gefahr

Sprecherin des Saarpfalz-Kreises: Blausäure entstand vielleicht in geringer Menge, zog aber mit der Rauchsäule ab. Gefahr bestand nicht, die Sicherungsmaßnahmen der Feuerwehr fruchteten.

Der Großbrand bei der Firma Mobius im März ist endgültig im Wahlkampf angekommen. Bei Facebook posteten die Homburger Grünen ein Wahlplakat mit einem Foto der Rauchsäule vom 19. März über der Halle, verbunden mit dem Slogan „Bürgersorgen ernst nehmen! Grüne weisen Stadt auf Blausäure Gefahr hin“. Unterfüttert ist das mit einem Text des Biochemikers Professor Frank Kirchhoff, der bei der Kommunalwahl am Sonntag für die Grünen für den Homburger Stadtrat kandidiert. Seinen Ausführungen zufolge, die er als Stellungnahme auf die Berichterstattung auch an unsere Redaktion geschickt hatte, habe bei dem Brand, anders als von Stadt und Landesumweltamt (Lua)  behauptet, Lebensgefahr bestanden. Er untermauert das mit Berechnungen, die er unter Berufung auf Studien Dritter anstellt.

Dabei geht er von 500 Tonnen verbrannten Kunststoffgranulats (Polyurethangranulat, PUR) aus. Hierbei würden sich deutliche Mengen an Blausäure (HCN) bilden. Je heißer das Feuer brenne, desto geringer sei demnach die Konzentration, weil die Zersetzungstemperatur von PUR 200 bis 220 Grad Celsius betrage und sich auch andere Stoffe bildeten. Der Blausäure-Gehalt in der Luft aus 500 Tonnen verbranntem PUR sei demnach in einem Bereich von 100 Metern Durchmesser und 125 bis 800 Metern Höhe (die geschätzte Rauchsäule) für zehn Stunden tödlich. „Lediglich die Wettersituation, mit nahezu Windstille, und die Hitze der Verbrennung haben dazu geführt, dass die Rauchgase senkrecht aufsteigen konnten und entsprechend verdünnt wurden“, so Kirchhoff.

Die erneut in der Sache angefragte Stadtverwaltung weist darauf hin, dass die 500 Tonnen Granulat die Menge ist, die sich laut Firma Mobius Technologies bei Brandausbruch in der Halle befunden haben sollen. Wieviel insgesamt verbrannt ist, wisse man nicht, so Stadtsprecher Jürgen Kruthoff. Auf jeden Fall lagern noch jetzt „große Mengen“ dort – daher flackern aktuell immer wieder Brände auf, und die Feuerwehr muss zu Nachlöscharbeiten ausrücken (wir berichteten).

Inwiefern war im Vorfeld des Brandes bei Mobius bekannt, dass dort besagtes PUR lagert, aus dem im Brandfalle Blausäure entstehen kann? Kruthoff: „Es war der Feuerwehr lediglich bekannt, dass dieses Granulat dort lagert, über die konkrete Menge waren keine Zahlen bekannt.“ Das Landesumweltamt habe bereits vor Inbetriebnahme der Anlage durch den Firmen-Antrag nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz gewusst, dass im Unternehmen mit Polyurethan gearbeitet beziehungsweise dieses dort gelagert wird.

Ob die Feuerwehr die Blausäure-Gefahr einkalkuliert und ihre Löscharbeiten darauf angepasst oder der günstigen Thermik wegen auf bestimmte Vorkehrungen verzichtet hatte – dazu ist der Stadt auch auf erneute Nachfrage nichts zu entlocken. Es habe „kein Niederschlag von gefährlichen Stoffen im angrenzenden Gebiet“ stattgefunden, was die Messprotokolle der Feuerwehr belegten, schreibt Kruthoff. Auf Kirchhoffs Behauptungen angesprochen, verweist das dem Gesundheitsministerium unterstellten Lua (man sei für Brandeinsätze der Feuerwehren nicht zuständig) auf das Gesundheitsministerium. Dort kann man auch nichts sagen und verweist weiter auf den Kreis.

Dessen Sprecherin Sandra Brettar bestätigt Kirchoff dahingehend, dass Rauchgase bei unvollständiger Verbrennung auch von Polyurethan größere Mengen Blausäure enthalten könnten. Je niedriger die Verbrennungstemperatur, desto mehr. Aber: Das Feuer in der Mobius-Halle habe über mehrere Stunden mit „sehr hohen Temperaturen“ gebrannt. Und die Gefahr einer Blausäure-Vergiftung bestehe vor allem in geschlossenen Räumen, wenn das HCN nicht entweichen kann. Auch das war bei Mobius ob der eingestürzten Decke nicht der Fall. Da Blausäure leichter als Luft sei, steige sie bei Freisetzung nach oben.

Außerdem nehme man schon geringste Mengen (2 bis 4 Moleküle pro eine Million Luftmoleküle) Blausäure am Bittermandel- oder stechenden Geruch wahr (was in Homburg offenbar nicht der Fall war), tödlich sei es erst, wenn man 30 bis 60 Minuten lang eine mit 100 bis 200 Molekülen pro eine Million Luftmoleküle versetzte Luft einatme. Die naheliegenden Häuser habe man vorsorglich geräumt, weil das Feuer ob der Löscharbeiten nachts weniger heiß brannte. Das Gesundheitsamt habe die Brandstelle am Folgetag „nach einem Vororttermin unter Berücksichtigung der Messprotokolle und nach Austausch mit weiteren Behörden (Feuerwehr, Lua)“ freigegeben.

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