Heimatgeschichtliches aus der Saarpfalz Das Leben und die Kunst von Hans Schwender

Im fortgeschrittenen Alter erst verarbeitete der Künstler seine schlimmen Kriegserlebnisse. Im Oktober wird in seinem Geburtsort Altstadt eine Werkschau gezeigt.

 Blick vom Altstadter Kirchberg auf das vernebelte Limbach im Tal der Blies, dahinter der Höhenzug des Kirkeler Waldes: Das Herbstbild von Hans Schwender stammt aus dem Jahr 1957.

Blick vom Altstadter Kirchberg auf das vernebelte Limbach im Tal der Blies, dahinter der Höhenzug des Kirkeler Waldes: Das Herbstbild von Hans Schwender stammt aus dem Jahr 1957.

Foto: Martin Baus​

Wie dieser und jener Maler und Grafiker aus dem Landkreis besuchte Hans Schwender die Werkkunstschule in Saarbrücken“, heißt es lapidar in jenem knappen Kapitel über die „Bildende Kunst“ in der Region, das im Jubiläumsbuch zum 150. Bestehen des Kreises Homburg 1968 vom damaligen Landrat Ferdinand Bungert herausgegeben wurde. Und nur wenig mitteilsamer ist das von Günther Scharwart verfasste „Große Künstlerlexikon der Saar-Region“, das 50 Jahre später erschien: Er habe bei Frans Masereel und Boris Kleint studiert, 1952 seien bei einer Ausstellung im Saarland-Museum Landschaftsaquarelle sowie sein Ölgemälde „Hafen von Nice“ gezeigt worden. Der Einfluss dieser beiden genialen Lehrmeister, unter deren Regie sich im unabhängigen Saarland der 1950er-Jahre eine exzellente Kunstszene entwickelte, prägte Hans Schwender nachhaltig. Dass in den einschlägigen Standardwerken freilich keine tieferen Einblicke in seine Biografie zu finden sind, erschwert das Verständnis seiner Bilder ungemein, eine Biografie, die zutiefst vom Nazi-Regime und von Auschwitz geprägt war, von einer ganz anderen Sicht auf Auschwitz als gemeinhin üblich.

Zur Welt gekommen ist Hans Eugen Schwender am 31. März 1929 in Altstadt, und zwar just gegenüber dem Glockenturm im historischen Ortskern. Die bäuerliche wie überschaubare Struktur des Dorfes bestimmte seine Kindheit, die er in seinen Bildern und auch Texten später immer wieder zum Thema machte. Sein Vater Wilhelm, von Beruf Baustoffhändler, war schon früh ein überzeugter Anhänger der Nazis und bereits Parteimitglied, bevor sich das Saargebiet Hitler-Deutschland 1935 einverleiben ließ. 1942, der Zweite Weltkrieg tobte in allen Winkeln Europas, zog die Familie nach Babitz (heute Babice) nahe Auschwitz, wo der Vater als Großhandelskaufmann bei „I.G. Farben“ arbeitete – jenem Zusammenschluss mehrerer großer deutscher Industriekonzerne, der unter anderem durch die skrupellose Ausbeutung von KZ-Häftlingen unermessliche Profite machte und mit Auschwitz-Monowitz ein eigenes Konzentrationslager unterhielt.

Das Wohnhaus der Familie Schwender befand sich im Dreieck der Bahngleise von Kattowitz und Krakau, wo Tag für Tag die Züge mit Abertausenden in Viehwaggons eingepferchten Menschen Halt machten und oft tagelang auf ihre Genehmigung zur Einfahrt ins Konzentrations- beziehungsweise Vernichtungslager warten mussten. Das Geschrei und das Wehklagen der Deportierten im Innern der Waggons sei immer zu hören gewesen, erinnerte sich Hans Schwender später. Mit knapper Not gelang der Familie die Flucht vor den nahenden russischen Truppen und der Befreiung der Lager Ende Januar 1945. Auf einem offenen Bahnwagen und unter Beschuss von Jagdfliegern führte der Weg in Richtung Westen, wobei die Familie getrennt wurde und sich aus den Augen verlor. Hans Schwender, damals knapp 15 Jahre alt, war allein unterwegs und erlebte die apokalyptische Bombardierung von Dresden am 14. Februar 1945 mit – wohlgemerkt nicht direkt in der Stadt, sondern quasi in Sichtweite von außerhalb.

Mit fortschreitendem Alter nahmen diese Erlebnisse immer stärker Einfluss auf Schwenders künstlerisches Schaffen, ganz der Erfahrung entsprechend, dass das Geschehen in jungen Jahren viel später wieder breiten Raum einnimmt, vor allem, wenn diese derart traumatisch waren. Zusammengedrängte Gesichter mit angst- und schmerzerfüllten hageren Gesichtern, große leere Augen, eingefallene Wangen prägen seine Bilder in stetig zunehmender Dramatik. Parallel zu diesen von düsteren Stimmungen geprägten Ölbildern finden sich in seinem Werk aber immer wieder auch abstrakte oder in Farbgestaltung wie Motivwahl von der Esoterik beeinflusste Gemälde, auf denen Kreise, Spiralen und amorphe Formen im Blickpunkt stehen. Kunsthistoriker wollen seine Bilder einem „expressionistischen Surrealismus“ zugeordnet wissen, wobei sich Hans Schwender jedweder Schublade oder Einordnung regelrecht angewidert entzog und in diesem Fall postwendend eine künstlerische Kehrtwende machte.

Dabei bot ihm sein Heimat- und Wohnort Zuflucht und Inspiration, war aber daneben auch eine Art Feindbild, an dem er sich in einer Art fortwährender Hassliebe redlich abarbeitete. So haben sich denn bis heute eine ganze Reihe seiner Arbeiten erhalten, in denen er Szenen aus Altstadt festgehalten hat. Herbststimmung prägt etwa jenes Gemälde, das vom Kirchberg aus den nebelverhangenen Nachbarort Limbach in der Talaue der Blies zeigt. Dahinter zieht sich der Höhenzug des Kirkeler Waldes entlang, rechts ragt ein Teil des alten Schulhauses am Ende der heutigen Turmstraße ins Bild. Seine Mutter Ella, Ende 1974 verstorben, hat er in einem Moment gezeichnet, der heute als Alltagsszene einer vergangenen Welt gelten kann: als sie am Bach die Wäsche wusch, wie es vor dem Siegeszug der Waschmaschine gang und gäbe war. Im Hintergrund reckt sich der Glockenturm als Kulisse nur unscheinbar in die Darstellung. Auf einer Zeichnung, die längst historischen Charakter hat, ist die kurvenreiche und vielbogige alte Brücke über die Blies der Blickfang; von Limbach aus gesehen, ergänzt die Altstadter Silhouette das Panorama.

Hans Schwender arbeitete auch mit Super-8-Kamera, als diese Technik verfügbar wurde. Neben Reihungen scheinbar unzusammenhängender Sequenzen im Stil des frühen surrealistischen Films à la Bunuel gibt es aber auch eine Art Reportage über Altstadt aus den 1960er-Jahren. Auf Celluloid gebannt hat er auch einen Fastnachtsabend im Saal einer örtlichen Gastwirtschaft; beim Anschauen wird die große Distanz deutlich, die Schwender zu dem gefilmten Geschehen hatte. Der Christian-Weber-Brunnen auf dem Feuerwehrplatz gehört zu seinen Kunstwerken im öffentlichen Raum, ebenso wie die Hinterglasmalerei in der Einsegnungshalle auf dem Friedhof oder das Mosaik an der Grundschule in Limbach. Jenes, das ganz im Stil der 1950er-Jahre die „Raiffeisenkasse“ in der Ortsstraße schmückte und das von zwei Landarbeitern, säend und erntend, eingerahmt war, ist ebenso abgebaut worden wie die farbenprächtige Glasapplikation, die den Zugang zu Wohnhaus und Atelier markierte. Dass Hans Schwender dem Gemeinderat von Altstadt bis zum Verlust der kommunalen Selbstständigkeit Ende 1973 angehörte, dass er sich in örtlichen Vereinen engagierte, im Turnverein Tischtennis spielte und in frühen Jahren begeisterter Straußbub war, sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie sehr er seinem Heimatort verbunden war. Auch die Erforschung der lokalen Geschichte war ihm eine Herzenssache.

Nicht minder leidenschaftlich war sein Umgang mit der Sprache. Ganz im Zeitgeist der „Konkreten Poesie“, einer literarischen Erscheinung ebenfalls der Nachkriegszeit, verfasste er Texte und Gedichte, die sich erst auf den dritten oder vierten Blick erschließen, die aber dokumentieren, wie intensiv er sich mit Sinn und Unsinn der Sprache und dem Verhalten seiner Zeitgenossen auseinandersetzte. „Besehen/dran drehen/dran drücken/sich mit Federn schmücken“ oder „nicht jeder hals mit schlips/ist sitz für kopf mit grips“, sind etwa zwei von zahlreichen Aphorismen aus seiner Feder, die viel über seine Weltsicht, die in steter Konsequenz alles hinterfragte, verraten.

17 Jahre war es Ende August her, dass Hans Schwender gestorben ist. Ab Anfang Oktober wird in der Altstadter „Galerie Kunststall“ in der Turmstraße nun eine große Werkschau zu sehen sein. In rund 80 Bildern aus allen Phasen seines Schaffens, dazu auch Filme und Texte, werden dabei gezeigt. Die Ausstellung, die von seinem Sohn Clemens und seiner Tochter Magret zusammengestellt wird, ist den ganzen Monat über zu sehen. Sie wird ergänzt durch Vortrags- und Diskussionsnachmittage, die sich den verschiedenen und auch unbekannten Facetten der Biografie von Hans Schwender widmen.