Aus einem Gedicht wird Theater

Am Anfang stand Bertold Brecht, der die Schülerin Franziska Lammert zu einem eigenen Gedicht inspiriert hat. Sie schrieb es für den Wortsegel-Wettbewerb und bekam promt einen Preis. Und nun inspiriert ihr Gedicht das Jugendtheater Überzwerg in Saarbrücken.

Das Saarpfalz-Gymnasium gehört zu den erfolgreichsten Schulen beim Wortsegel-Schreibwettbewerb, der alljährlich saarländische Lyrikpreise an junge Leute vergibt. Die Abiturientin Franziska Lammert, die bereits im Vorjahr zu den Preisträgern gehörte, hat es 2016 erneut geschafft, mit einem selbst verfassten Gedicht in die 54-seitige Broschüre der besten Wettbewerbsbeiträge zu kommen.

Ihr Text "Verlorene Heimat " befasst sich mit einem Flüchtlingsschicksal, das viele aktuelle Bezüge aufweist. Als die Wortsegel-Broschüre dem Saarbrücker Regisseur Bob Ziegenbalg in die Hand fiel, war er von Franziskas Gedicht so angetan, dass er es in das neueste Jugendstück des Theaters Überzwerg mit aufnahm. Das Theaterstück behandelt in Form einer Collage die Themen Flucht, Heimatverlust und Fremdsein in der neuen Heimat .

Sein Titel "Denk ich an D" ist eine Anspielung auf das Gedicht "Nachtgedanken" von Heinrich Heine (1797-1856), das mit den beiden Versen beginnt: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, / dann bin ich um den Schlaf gebracht (...)." Die neue Saarbrücker Theaterproduktion wird bevorzugt für die Schulklassen 9 bis 13 angeboten. Sie wirft viele Fragen auf, sowohl an die Ankommenden als auch an die Alteingesessenen. Gesucht werden Lösungen, wie es allen gelingen kann, zusammen ein menschenwürdiges Dasein zu führen.

Es geht um Nachbarn, Paare, Außenseiter, Dörfler, Städter, Deutsche und Fremde, die sich in vielen interessanten Kommentaren zum aktuellen Flüchtlingsdasein äußern. Da hört man zum Beispiel: "Gastfreundschaft sollte Pflicht der guten Erziehung sein." Aus vielen Blickwinkeln werden die Themen Flucht und neue Heimat beleuchtet, die von nur vier Schauspielern präsentiert werden: Anna Bernstein, Sabine Merziger, Reinhold Rolser und Jaschar Sarabtchian. Franziskas Gedicht passt erstaunlich gut in diese Collage.

Ihr Impulsgeber war übrigens Bertolt Brecht , dem der elfte Wortsegel-Wettbewerb im Jahr 2016 gewidmet war. Brecht war - ebenso wie Heine - mit dem Flüchtlingsdasein vertraut und litt sehr darunter. Beide mussten als unerwünschte Zeitkritiker ihre deutsche Heimat verlassen, um ihr Leben zu retten. Brechts Todestag vor 60 Jahren, am 14. August 1956 in Ost-Berlin, bot den Anlass, ihn mit dem Wortsegel-Schreibwettbewerb zu ehren.

Ein vorgegebenes Zitat des Autors floss in Franziskas Gedicht ein. Die Premiere des Theaterstücks konnte sie nicht besuchen, weil sie seit Oktober in Aachen studiert und nicht kommen konnte. Ihr ehemaliger Tutor Eberhard Jung erhielt Freikarten, die er an interessierte Oberstufenschülerinnen des Saarpfalz-Gymnasiums weitergab.

Auf diese Weise konnten wir mit ihm zusammen erstmals eine Theaterpremiere mit all den damit verbundenen Annehmlichkeiten, aber auch der Nervosität der Akteure, miterleben. Es war möglich, mit sämtlichen Beteiligten persönlich zu sprechen: mit der Autorin Corinna Sigmund aus Berlin, mit dem vierköpfigen Schauspieler-Ensemble, mit Regisseur Bob Ziegenbalg und Christoph Dewes, der für Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und der, wie wir, im Saarpfalz-Kreis (Sanddorf) wohnt.

Wir erfuhren dabei, dass die Autorin das Stück mit dem Theater Überzwerg gemeinsam entwickelt hat. Man habe dazu intensive Recherchen angestellt: über erste Eindrücke von Neuankömmlingen oder deren Schwierigkeiten bei der Integration in Deutschland. In der Planungsphase sei man auch auf Franziskas Gedicht gestoßen, das nun auf der Bühne von allen vier Schauspieler(inne)n mit großer Leidenschaft in vier Passagen vorgetragen wurde.

Das Thema der Flüchtlingsintegration hat uns sehr interessiert, da wir uns in unserem Wohnort Limbach auch dafür einsetzen und hier durch gemeinsame Aktivitäten viel für das Zusammenleben mit den Neuankömmlingen getan wird.

Die Umsetzung dieses schwierigen Themas im Theater Überzwerg fanden wir sehr beeindruckend: Mit dem Einsatz von treffenden Kurztexten, Musik und den wenigen Requisiten, die größtenteils aus einer Masse von Schuhen bestanden, wurden (Problem-)Situationen von der Flucht über die Integration bis hin zu Anti-Flüchtlings-Protesten eindringlich dargestellt.

Für Franziska freuten wir uns, weil sie mit diesem zeitkritischen Stück zu Theaterehren kam, auf die sie stolz sein kann. "Denk ich an D" steht in der Spielzeit 2017 weiterhin auf dem Programm und kann von dem Theaterensemble bei Bedarf auch in Schulen aufgeführt werden. Zwei Tage nach der Premiere in Saarbrücken haben drei Schülerinnen beim "Bunten Abend" unter dem Motto "Querschnitt 2016" Franziskas Gedicht und weitere Wortsegel-Erfolgstexte in der voll besetzten Aula des Saarpfalz-Gymnasiums vorgetragen. Ganz anders als die Saarbrücker Schauspieler, aber ähnlich leidenschaftlich und beeindruckend.

Preisträgerin Franziska Lammert vor der Wortsegel-Stahlplastik auf den Höhen des Schaumberger Landes bei Sotzweiler, einem Ortsteil der Gemeinde Tholey. Foto: Eberhard Jung/SPG. Foto: Eberhard Jung/SPG
Die Schülerinnen Jasmin Martin, Nelly Charymski und Cecilia Klein (v.l.) trugen beim „Querschnitt 2016“ in der Aula des Saarpfalz-Gymnasiums auf beeindruckende Weise aktuelle Wortsegel-Erfolgsgedichte vor, u.a. „Verlorene Heimat“ von Franziska Lammert. Foto: Eberhard Jung. Foto: Eberhard Jung

Miriam und Elisa Weber aus den Jahrgangsstufen 11 und 12 des Saarpfalz-Gymnasiums, mit Hintergrundinformationen von ihrem Lehrer Eberhard Jung

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