Augenzeuge erzählt von der DDR

Homburg. Wie genau war das mit der deutschen Einheit vor 20 Jahren? Wie kam es zum Mauerfall? Und wie lebte es sich in einem geteilten Deutschland? Diese und viele Fragen mehr sollte gestern, gerade einen Tag nach den Feierlichkeiten zum 20

Homburg. Wie genau war das mit der deutschen Einheit vor 20 Jahren? Wie kam es zum Mauerfall? Und wie lebte es sich in einem geteilten Deutschland? Diese und viele Fragen mehr sollte gestern, gerade einen Tag nach den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am vergangenen Sonntag, ein ganz besonderer Gast am Saarpfalz-Gymnasium beantworten: Wolf-Dieter Legall, vor der Wende einer derer, die sich in der ehemaligen DDR aus Überzeugung für die Wiedervereinigung und gegen das SED-Regime engagiert hatten, und der später, nach der Einheit Deutschlands, Kultur-Staatssekretär in Sachsen-Anhalt wurde - also einer, der es wissen muss. Auf Einladung von Lehrer Eberhard Jung und organisiert durch die Landeszentrale für politische Bild und mit Burkhard Jellonnek an der Spitze schilderte Legall in einem sehr detaillierten Vortrag vor Schülern ganz unterschiedlicher Wissensstände sein Leben in und sein Engagement gegen die damalige DDR - nicht ohne seinen Ausführungen ein klares Bekenntnis voranzustellen, das die Schüler selbst schon vorweg auf einer Schultafel niedergeschrieben hatten. "Die deutsche Einheit ist der größte Glücksfall der deutschen Geschichte." Genau daran ließ Legall zu keinem Zeitpunkt seines fast 90-minütigen Auftritts Zweifel aufkommen. Und mit seinen Schilderungen staatlicher Willkür, mit seinen Erläuterungen zum System der Überwachung und seinen Erzählungen über die kritische Phase der Leipziger Montagsdemonstrationen am 9. Oktober 1989, "da hatte man Leichensäcke in die Stadt gebracht, Sportplätze für die Verwahrung von Demonstranten vorbereitet und die Zahl von Blutkonserven in den Krankenhäusern der Stadt erhöht", räumte er auch mit so mancher Ostalgie auf. Im Fokus seiner emotional geschilderten Kritik: die nur scheinbare Demokratie des Staatsapparates der DDR, die Klassenteilung zwischen den Mächtigen samt Helfern und den Bürgern, "und das in einem Staat, der sich Arbeiter- und Bauernstaat nannte", die Willkür der Sicherheitsorgane, die schnell und ohne wirklichen Anlass zugriffen, und die Bereitschaft der Machthaber, für den Machterhalt Menschen zu opfern, so am Todesstreifen der innerdeutschen Grenze. Wolf-Dieter Legall schilderte die große Geschichte der deutschen Wiedervereinigung aus der Sicht eines parteilosen Wissenschaftlers und Wehrdienstverweigerers, erzählt in vielen persönlichen Erlebnissen. Dies sollte es auch ohne einen fundierten geschichtlichen Hintergrund den Schülern ermöglichen, etwas von der Beklemmung, der Entfremdung zwischen Staat und Bürger und dem Charakter eines nur vordergründig demokratischen und durch die Sowjetunion fremdgesteuerten und gesicherten Systems zu erfühlen. Und Legall mahnte: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, der findet sich in der Gegenwart nicht zurecht." "Die deutsche Einheit ist der Größte Glücksfall der deutschen Geschichte." Schüler-Schrift an einer Tafel

Auf einen BlickStaatssekretär a.D. Wolf-Dieter Legall wurde 1943 in Liegnitz geboren. Nach einem Studium der Biologie und Chemie an der Universität Halle-Wittenberg arbeitete er als Wissenschaftler in der früheren DDR. Während der Wendezeit beteiligte sich Legall aktiv an der Bürgerrechtsbewegung und wurde bildungspolitischer Sprecher des Neuen Forums. Nach der Wende bekleidete er zuerst das Amt eines Kultur-Staatssekretärs in Sachsen-Anhalt und wurde später Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen. thw