Gold der Kelten aus Reinheim-Grab mit neuen Methoden untersucht

Der Schatz von Reinheim : Was das Reinheimer Kelten-Gold verrät

Die Goldschmiede unserer keltischen Vorfahren müssen Meister ihres Fachs gewesen sein. Ein Forscherteam hat 2400 Jahre alten Schmuck im Museum für Vor und Frühgeschichte mit neuen Methoden untersucht.

Sein Name ist unbekannt. Aber er muss ein absoluter Meister seines Fachs gewesen sein, jener keltische Goldschmied, der vor etwa 2400 Jahren den Halsreif schuf, der neben etlichen weiteren Fundstücken im Fürstinnengrab von Reinheim entdeckt wurde. „Und möglicherweise war er kurzsichtig“, sagt Archäologin Barbara Armbruster. Kurzsichtig? Warum das? „Es gab ja keine Lupen. Und wenn man sich die ganzen feinen Details mit unseren heutigen Vergrößerungs-Möglichkeiten betrachtet, dann war Kurzsichtigkeit für die damaligen Goldschmiede zumindest hilfreich.“

Die Grabfunde sind im Museum für Vor- und Frühgeschichte am Schlossplatz in Saarbrücken zu sehen – normalerweise. Gerade war der Goldschmuck jedoch in ein mobiles Labor im Dachgeschoss ausgelagert. Dort untersuchte ein deutsch-französisches Forscherteam den Schmuck unserer frühen Vorfahren mit Techniken, die hier noch nie zum Einsatz gekommen waren. Archäologin und Völkerkundlerin Barbara Armbruster, die zudem selbst Goldschmiedin ist, arbeitet für das Centre National de la Recherche Scientifique der Universität Toulouse. Mit im Boot ist das Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie (CEZ) in Mannheim, ein Forschungsinstitut für Materialanalysen.

Die Partner untersuchen in einem dreijährigen Forschungsprojekt Goldschmuck aus dem gesamten Verbreitungsgebiet keltischer Stämme, und zwar aus der Epoche der Latène-Kultur („Zweite Eisenzeit“, etwa 450 bis 15 vor Chr). Ein ähnliches Projekt zur Hallstattzeit („Erste Eisenzeit“, etwa 800 bis 450 vor Chr.) ist bereits abgeschlossen.

Ein Ziel des Projektes ist es, eine umfassende Datenbank von Goldschmuck aus allen keltischen Regionen anzulegen. Schon jetzt vermutet die Forschung, dass es Verbindungen zwischen den Kelten in ganz Europa und auch zu anderen Völkern gab. Durch einen Vergleich des Schmucks erhofft man sich weitere Indizien.

Das mobile Labor liefert dazu Daten, ohne dem Schmuck Proben entnehmen zu müssen. So „schießt“ Moritz Numrich vom CEZ mit einem Laser auf die Fundstücke, löst dadurch Materialspuren ab, die in einem Filter aufgefangen und später im Massenspektrometer untersucht werden. Archäologin Nicole Lockhoff (CEZ) unterzieht die Fundstücke einer Röntgen-Fluoreszenzanalyse, um Erkenntnisse über die Metall-Legierungen zu gewinnen. „Es handelt sich um hochwertiges Gold“, kann sie schon sagen, „mit einem Silberanteil von nur etwa zwei Prozent“ – da das verwendete Rheingold in der Natur etwa 25 Prozent Silber enthält, müssen also die Kelten in der Lage gewesen sein, den Reinheitsgrad deutlich zu steigern.

Archäologe Sebastian Fürst (CEZ) fängt die Details der Fundstücke mit computergestützter Mikrofotografie ein. Der Computer setzt die Mikro-aufnahmen zum Gesamtbild zusammen, sodass eine gleichmäßig scharfe Großaufnahme entsteht. Die Bedeutung der auf den Verzierungen abgebildeten Tierwesen mit Menschen-Gesichtern ist heute unbekannt. Dennoch lassen die Formen auch Rückschlüsse zu. Etwa, wie auf einer Großaufnahme eines Armreifs zu erkennen, winzige kugelförmige Punzierung im Goldblech. Denn diese Art der Verzierung findet sich auch an etruskischem Schmuck südlich der Alpen, was nahe legt, dass Einflüsse aus Mittelitalien ihren Weg bis an die Saar gefunden haben.

Und was musste der keltische Goldschmied – womöglich waren es auch mehrere – können, um zum Beispiel den großen Halsreif („Torque“) herzustellen? Da der Hauptteil zur großen Überraschung der Archäologen nicht massiv, sondern hohl ist, so Barbara Armbruster, musste zunächst ein Goldblech zu einem dünnen Rohr zusammengelötet werden – was wiederum voraussetzt, dass man Lötlegierungen herstellen und mit ihnen umgehen kann. Um später am fertigen Reif die umlaufenden Kanneluren zu erhalten, muss das Rohr dann von drei Seiten gleichzeitig zusammengedrückt, anschließend an den Enden zugelötet und zum Ring gebogen werden. Die umfangreichen Ausschmückungen an den beiden Enden des offenen Reifs sind teils aus Gold gegossen, teils mit feinster Ziselierarbeit aus dünnem Goldblech herausgetrieben.

Allein der große Halsreif der Fürstin von Reinheim, so führt Archäologin Barbara Armbruster dann aus, „besteht aus mindestens 13 Einzelteilen, die zusammengelötet wurden – die Goldschmiede jener Zeit verfügten also ganz sicher über ein ungeheuer komplexes und wohl auch geheimes Wissen.“ Und würde sie, als Goldschmiedin, den Reif heute nachbauen können? „Wahrscheinlich schon. Aber das würde, auch mit modernsten heute verfügbaren Geräten, vermutlich Monate dauern.“

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