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Der Bliesgau. Natur – Menschen – Geschichte: Ein neues Buch

Ein neues Buch, das es wahrlich in sich hat : Eine glühend heiße Liebeserklärung

„Der Bliesgau. Natur – Menschen – Geschichte“: Ein neues Buch verzaubert Leser, die ihre Heimat lieben.

Als würde eine Hand aus den Seiten ragen und den Leser hineinziehen in das Geschehen. So hart und fest umklammert ihn die Hand, dass er alles um sich herum vergisst. Und nicht mehr mit dem Lesen aufhört. Stunden kann dieser Zustand im Banne dieses Buches dauern. Und es ist nicht verwunderlich.

Bei unserem Besuch in Reinheim hält Andreas Stinsky (36) das Werk in Händen. Gerade ist es erschienen und lässt auf 240 Seiten staunen. Wegen vieler interessanter Bilder und vor allem wegen der Texte, die alles andere als abgehoben sind. Leicht und locker geschrieben, sind sie eingängig und vor allem sehr informativ. Der Museumsleiter im Europäischen Kulturpark und Archäologe Stinsky – in Freiburg, Saarbrücken und Mainz hat er studiert – legt Wert auf die Feststellung, dass hier mehrere Autoren ein umfassendes Werk abgeliefert haben Es wird denjenigen Menschen eine Bereicherung sein, die ihre Heimat lieben, ihre Vorzüge schätzen und genießen. Mitgewirkt haben: Dieter Dorda, Anne-Kathrin Eiswirth, Ann-Kathrin Göritz, Peter Haupt, Augustin Speyer und Helmut Wolf. Kenntnisreich und kurzweilig beschreiben sie Geschichte und Gegenwart einer Region, die mit ihrer Natur und ihrem Facettenreichtum viele ganz besondere Reize verströmt. Andreas Stinsky gibt beim Gespräch im Fürstinnengrab-Gebäude ein glühendes Versprechen ab: „Ob Einheimischer oder Besucher: Nach diesem Buch sehen sie den Bliesgau mit anderen Augen.“

Das gehaltvolle Werk geht in Reinheim mit einer Ausstellung einher, die die Region von ihrer vor allem urwüchsig heimatlichen Seite zeigt. Und den Besucher auch mit Haut und Haaren in die Vergangenheit entführt. Wobei auch die schlimmsten Jahre – mit Kriegstod, Tränen und Trümmerbergen – nicht ausgespart sind. Eine „Heimat zum Anfassen“ stellt die Ausstellung dar, die gerade eröffnet worden ist. Hier treffen wir auch einen „alten Bekannten“ wieder: einen sorgsam präparierten Biber. Vor Jahren wurde der arme Wicht am Netzbachweiher überfahren. In Reinheim hat er ein nützliches Revival.

Unser Gesprächspartner, selbst in der Region aufgewachsen, gerät verbal in Fahrt. Er schwärmt von den Streuobstwiesen, die es zu erhalten gilt. Und so bekommt jeder 100. Ausstellungsbesucher ein Zwetschgenbäumchen zum Einpflanzen. „Und wenn er das nicht will oder kann, dann tun wir das“, fügt der Museumsleiter noch hinzu. Er spricht von der einzigartigen historischen Kulturlandschaft, die sich extrem im Wandel befindet und davon, dass jeder etwas tun kann, um diese zu erhalten und erblühen zu lassen. Die Region aktiv und bewusst mitgestalten, darum geht es im Wesentlichen.

Er schwärmt von den Schätzen des Bliesgaus, den vielen schmucken Bauernhäusern, die eine enorme Strahlkraft innerhalb der Dörfer entfalten.

Stinsky sagt, dass „erstmals die Gesamtdarstellung der Geschichte in der Region“ in dem neuen Buch abgebildet werde, auch dank des Zutuns vieler kommunaler Archive und heimathistorischer Vereine. Und so entstand „eine Liebeserklärung an die Region“, verknüpft mit der Sonderausstellung und ihren bemerkenswerten Exponaten.

240 Quadratkilometer groß – das entspricht laut Buch-Vorwort knapp der Hälfte des Bodensees – trifft man im Bliesgau auf Blieskastel als einzige Stadt, auf etwas mehr als 30 beschauliche Dörfer und wenige Höfe – mit insgesamt 40 000 Einwohnern.

Das üppige Werk beinhaltet unter anderem das Kapitel „Natur und Landschaft“. Da geht es um die Naturräume, die erstaunliche Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt, die 10 000 Jahre lange Geschichte besagter Kulturlandschaft in steten Veränderung und um die Geschichte der Wälder vom Urwald bis zum Wirtschaftsraum.

Da geht es auch um die Geschichte – von den ersten Menschen bis zu den Kelten, den Bliesgau in der Römerzeit, das Frühmittelalter, die Frühe Neuzeit und der Dreißigjährige Krieg mit seinen unvorstellbaren Grausamkeiten und Verwüstungen, es kommen die 100 Jahre „Bayern an der Blies“ zur Sprache, das Saargebiet, das Dritte Reich, die Jahrzehnte danach. Und es wird die heutige Zeit ergiebig beleuchtet. Man erhält ebenso eine Übersicht der Grenzverschiebungen in dieser Region, deren Bewohner binnen 200 Jahren sieben Mal die Nationalität wechselten.

Des Weiteren erfährt man etwas über das typische Erscheinungsbild der Dörfer und was die Siedlungsnamen verraten. Zudem wird die regionale Wohnhaus-Architektur behandelt und die Baukultur „als identitätsstiftendes Element“. Ein anderes Kapitel widmet sich derweil der mehr als 800 Jahre alten Weinbau-Tradition, und ein weiteres dem vielfältigen Wirtschaftsraum. Gefolgt von der ethnischen Entwicklung und Zusammensetzung der Bliesgauer (,,ein bunter Herkunftsmix“) sowie den Lebensbedingungen in den Dörfern im frühen 20. Jahrhundert. Da geht es um das einfache, harte Landleben, in dem den Frauen eine besonders arbeitsreiche Rolle zukam. Sie mussten kräftig mit anpacken. Und wenn dann mal gefeiert wurde, dann aber richtig – beispielsweise auf der Kerb.

1300 Jahre Kirchengeschichte werden auch beleuchtet sowie eine in Vergessenheit geratene jüdische Geschichte. Gegen Ende erfährt man auch etwas über bekannte und bedeutende Persönlichkeiten aus dem Bliesgau. Gewürzt ist das Buch überdies mit einigen Kochrezepten, mit einem kleinen Wörterbuch – vom Abbelgruddse über die Fissematente bis hin zum Schluri.

Und dann gibt es noch eine Zeittafel mit allen wichtigen Geschehnissen und einschneidenden Ereignissen. Da erfährt man unter anderem, dass im Jahr 1790 Nicolas Villeroy Anteile an einer Fayence-Manufaktur in der Burg von Frauenberg erwarb, aus der 1836 das Weltunternehmen Villeroy&Boch hervorgehen sollte.

All dies und vieles andere mehr findet man in dem neuen Bliesgau-Buch.

Andreas Stinsky: Der Bliesgau. Natur – Menschen – Geschichte. Das Buch ist erschienen im Nünnerich-Asmus-Verlag; 240 Seiten, 200 Abbildungen; 25 Euro, ISBN 978-3-96176-106-7. Kontakt: info@europaeischer-kulturpark.de.

Dies ist eine kleine Auswahl an verzierten Türstürzen vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Foto: Andreas Stinsky
Das Grab einer wohlhabenden Frau, die im 7. Jahrhundert bei Altheim in der ältesten bekannten Kirche des Bliesgaus beigesetzt wurde. Foto: Walter Reinhard
Andreas Stinsky mit dem neuen, faszinierenden Buch in der dazugehörigen Ausstellung, die in Reinheim seit Ende vergangener Woche besucht werden kann. Foto: Michèle Hartmann
Ein Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert in Webenheim. Foto: Marco Kany
Blick auf den Bliesgau vom Wintringer Hof aus. Foto: Andreas Stinsky

www.europaeischer-kulturpark.de