1. Saarland
  2. Saarpfalz-Kreis
  3. Blieskastel

Untergegangenes Brauchtum der Wetzrillen gibt weiter Rätsel auf

Untergegangenes Brauchtum der Wetzrillen gibt weiter Rätsel auf

Homburg/Limbach. Einer Überlieferung nach soll es der Teufel höchstpersönlich gewesen sein, der dem harten Gestein der Kirchenmauern seinen Stempel aufgedrückt hat. Derart in Rage sei der Leibhaftige über den Bau der Gotteshäuser geraten, dass er wutentbrannt Hand angelegt und mit seinen scharfen Krallen gewaltige Kerben in so mancher Wand hinterlassen habe

Homburg/Limbach. Einer Überlieferung nach soll es der Teufel höchstpersönlich gewesen sein, der dem harten Gestein der Kirchenmauern seinen Stempel aufgedrückt hat. Derart in Rage sei der Leibhaftige über den Bau der Gotteshäuser geraten, dass er wutentbrannt Hand angelegt und mit seinen scharfen Krallen gewaltige Kerben in so mancher Wand hinterlassen habe. Keine Frage: Aberglaube schießt arg ins Kraut, wenn es um das Phänomen der Wetzrillen geht. Und da diese sonderbare Erscheinung an sakralen Bauwerken alles andere als eine Ausnahme darstellt, ranken sich gar allerhand Sagen und Mythen um ihren Ursprung. Speziell der pfälzische Teil des heutigen Saarlandes ist ein regelrechter Verdichtungsraum der merkwürdigen, überdimensionalen Kratzer. Kaum eine ältere Kirche, an der sich die rätselhaften Spuren nicht auffinden ließen. Hans Cappel, passionierter Regionalhistoriker aus Blieskastel, hat die Wetzrillen in der Saarpfalz wie in den angrenzenden Gebieten näher unter die Lupe genommen. Ein Resultat seiner Recherchen: "An den Kirchen von Böckweiler, Mimbach und Limbach sind sie sehr ausgeprägt, an der Kirche von Breitfurt eher versteckt." In den meisten Fällen handele es sich um protestantische Kirchen, eine Beobachtung, die auch der Blick über die gerade aktuelle Landesgrenze auf den historisch gewachsenen Raum bestätigt. Großbundenbach - wo außerdem auch noch das Konterfei von Wotan neben der Pforte zu finden ist - , Ernstweiler, Niederauerbach, Hornbach gleichzeitig an der Kirche und am Fabianstift, all das sind Belege für die Verbreitung auf engstem Gebiet. Bemühungen, den Ursprung der Wetzrillen zu erklären, gibt es viele - aber wie beim Teufel kommen die Erklärungen nicht über den Status von Sagenhaftem und Spekulationen hinaus. Waffenträger hätten vor dem Betreten der Kirche ihre Schwerter symbolisch entschärft, um zu dokumentieren, dass sie in friedlicher Absicht kommen. Andererseits sollen die Waffen aber auch symbolisch gewetzt worden sein, um ihnen Kraft für den bevorstehenden Krieg zu verleihen. Von der heimatlichen Kirche abgeschabter Sand soll, als Talisman auf Reisen und Kriegszügen mitgeführt, gute Dienste getan haben. Und auch als volkstümliches Heilmittel könnte vom Gotteshaus abgeschabter Sand durchaus Wirkung gezeigt haben. Hans Cappel dazu: "Gewetzt, geschabt und gekratzt wurde also zum Erlangen göttlichen Beistandes oder zur Abwehr teuflischer Kräfte". Es passt gut in dieses Schema, dass im erzprotestantischen Limbach noch in der Nachkriegszeit den Konfirmanden eines jeden Jahrgangs Sand vor die Haustür gestreut wurde, um auf diese Weise Glück für den weiteren Lebensweg zu wünschen. Auch wenn das Wissen über Herkunft und Sinn der Wetzrillen aus dem allgemeinen Gedächtnis verschwunden ist, so hat das in Stein hinterlassene Phänomen nichts von seiner Faszination verloren. In der Denkmalpflege werden derlei Zeugnisse untergegangenen Brauchtums indes kaum beachtet, wie Hans Cappel feststellt. Er wünscht sich, dass diese "Kulturkleindenkmäler" zumindest erfasst und katalogisiert werden. In Böckweiler beispielsweise, einer romanischen Kirche, wurden sie einfach nicht beachtet und beim Neuanstrich mit weißer Farbe übertüncht. bam