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SR1-Musikchef Jürgen Bohr verbringt Ruhestand in St. Ingbert

Radiomacher mit vielen Erinnerungen : Freundschaftlicher Kontakt zu den Popstars

Jürgen Bohr, der langjährige Musikchef der Radiowelle SR1, ist jetzt im Ruhestand. Das Halberg-Open-Air bleibt ihm unvergessen.

Eigentlich wollte er Studienrat werden – aber dann kam es ganz anders. Mit 65 Jahren ist Jürgen Bohr Ende März in den Ruhestand gegangen, zuletzt war er Musikchef der Radiowelle SR 1. Aber in diesen Tagen? „Das hatte ich mir eigentlich auch anders vorgestellt. Jetzt bin ich als frisch gebackener Rentner eigentlich eingesperrt oder gefangen“, nimmt der bisherige Musikchef von SR 1 die Sache dennoch gelassen.

Der gebürtige Niederwürzbacher, der hier zur Grundschule ging, ist sozusagen später der „Vater“ der SR 1-Open-Airs und auch der legendären Unplugged-Studiokonzerte auf dem Saarbrücker Halberg geworden. Ja, eigentlich hätte er Schülerinnen und Schüler auf dem Gymnasium in Deutsch, Geschichte oder Sport unterrichten sollen. Und er hat auch den Vorbereitungsdienst an einem Neunkircher Gymnasium mit dem Zweiten Staatsexamen abgeschlossen. Aber schon früh führten ihn die Wege auf den Halberg, zunächst als studentischer Ferienarbeiter, aber bald schon als Assistent und dann auch in wichtigeren Positionen.

Gefördert wurde er von Beginn an durch Wolfgang Hellmann, mit dem er dann auch später gemeinsam die Musikredaktion leitete. Und schon bald schnupperte er auch Open-Air-Erfahrung, auch hier zunächst als Assistent, später war er dann der musikalische „Macher“ der legendären Schülerferienfeste oder dann Halberg-Open-Airs. Spätere Superstars, aber auch musikalische Trendsetter hat der in St. Ingbert wohnende Bohr für die Halberg-Bühne verpflichtet. „Wenn man sich überlegt, dass selbst die Toten Hosen oder die Ärzte auf dem Halberg gastierten, dann weiß man, wie wichtig diese Veranstaltung für die Künstler als Sprungbrett für eine größere Karriere war“, erzählt Bohr im Gespräch mit unserer Zeitung. „Es war vor allem die saarländische Gastfreundschaft, aber auch die hohe Wertschätzung der Künstler durch den Sender, was dann im Gegenzug auch für die Künstler wichtig war und sie gerne wiederkamen“, erinnerte sich Bohr.

Und da gibt es auch viele schöne Geschichten, wie etwa die Verpflichtung der Band „Tokio Hotel“. Hier hatte Bohr einen guten „Riecher“, denn die Band wurde später weltberühmt: „Aber als die bei uns spielten, waren sie bei den Kids noch kaum bekannt und kamen gar nicht gut an. Später wurden wir angefleht, die Band noch einmal zu verpflichten, aber da konnten wir uns das nicht mehr leisten“, lacht Bohr. Bis zuletzt war der Musikchef für die Auswahl der Künstler verantwortlich, nicht nur beim Ferien-Open-Air auf dem Halberg, in den letzten Jahren in St. Wendel, sondern auch bei der Emmes in Saarlouis oder aber auch für die Unplugged-Studio-Konzerte auf dem Halberg.

Begonnen hatten diese Studio-Konzerte mit einer Idee aus einer Laune heraus, und als erster Künstler machte Laith Al-Deen das Experiment mit. Denn er war ebenfalls von dieser Idee von Unplugged-Live-Konzerten im Studio begeistert. Insgesamt sechs Mal im Jahr werden diese inzwischen schon mit Kultstatus behafteten Konzerte beim Saarländischen Rundfunk angeboten, und Laith Al-Deen als Sänger der ersten Unplugged-Stunde sozusagen brachte es im Laufe der Jahre auf vier Konzerte, gefolgt von Max Mutzke, der es auf drei Konzerte brachte. Karten kann man für diese Konzerte nicht kaufen, die Tickets wurden immer über den Sender verlost. Und wer brachte es auf die meisten Likes, wie man heute neudeutsch sagt? „Das war damals Xavier Naidoo, das gingen tausende E-Mails ein“, erinnert sich Bohr. Sehr schmerzlich sei es für ihn jetzt gewesen, als er den Künstlern für das diesjährige Open Air in St. Wendel zum Beginn der großen Ferien wegen Corona absagen musste: „Ich wollte, dass das Feld bestellt sein sollte, hatte schon alle Verträge unter Dach und Fach, und dann kam die Corona-Krise. Das schmerzt schon sehr, wenn man den Künstlern wieder absagen muss“, ist Bohr traurig. Zumal ihn mit den Künstlern oft auch eine „musikalische Freundschaft“ verbindet, wie er es nennt. „Man ruft sich nicht ständig an, aber man weiß, dass man sich gegenseitig aufeinander verlassen kann“, versichert Bohr.

Herausragend ist da zum Beispiel die Band „Glasperlenspiel“. Die hatte Bohr in Saarbrücken als Vorband entdeckt und dann noch in das Programm auf dem Saarbrücker Halberg dazwischen geflickt: „Das war der Anfang einer großen künstlerischen Karriere, und die Gruppe weiß das bis heute zu schätzen. Ich habe freien Eintritt zu allen Konzerten von Glasperlenspiel“, berichtet Bohr von der Dankbarkeit der Band. Sein Gastspiel am Mikro dauerte nur etwa ein halbes Jahr, vor Jahren auf der damaligen Studiowelle: „Ich brauch’ das nicht, ich muss nicht im Vordergrund stehen“, gibt sich der Rentner bescheiden. Wandern und ein bisschen Sport stehen derzeit auf dem ausgedünnten Programm des sympathischen Musik-Machers.